Seite 2: Tre Fiori, wer?

Tre-Fiori-Links­außen und Natio­nal­spieler Michael Simon­cini, 24, der nor­ma­ler­weise in Uni­form und mit auf­ge­pflanztem Bajo­nett vor dem Prä­si­den­ten­pa­last Wache schiebt, hat schon vor drei Jahren mit dem dama­ligen Meister Tre Penne zweimal in der Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion gespielt und ein Jahr später in der Europa League. Das Ein­zige, was bei ihm darauf hin­deuten könnte, dass das Spiel am Abend eine beson­dere Bedeu­tung hat, ist der pene­trante Duft von Haargel in seiner Igel­frisur.

Ein wich­tiges Spiel“, sagt er im gelang­weilten Ton des Cham­pions, aber auch nicht wich­tiger als andere.“ Das Staats­fern­sehen über­trägt live, aber ver­schlüs­selt, und des­halb wird die Ein­schalt­quote so über­schaubar sein wie alles in San Marino. Das Ausmaß der Vor­freude auf das Spiel ist zu erahnen, wenn man in der Bar am Orts­ein­gang nach den Chancen des Meis­ters fragt. Tre Fiori, chi?“ Tre Fiori, wer?

Im Haupt­beruf: Poli­zist und Geträn­ke­ver­käufer

Fuß­ball ist in San Marino Neben­sache. Man inter­es­siert sich für den Papst und für Motor­sport, schließ­lich ist es nicht weit zu den Fir­men­sitzen von Fer­rari, Ducati oder Lam­bor­ghini. Die ein­zige Fuß­ball­liga des Staates umfasst 15 Teams. Die Spieler von Tre Fiori gehen zweimal in der Woche nach der Arbeit zum Trai­ning. Fabio Van­noni arbeitet als Ver­si­che­rungs­makler, Kapitän Nicola Cana­rezza ist Geträn­ke­ver­käufer, ein Bade­meister spielt im Team, ein Maler­meister und ein Elek­triker. Sport­di­rektor Aster Casali ver­dient sein Geld als Poli­zist, und sein Vater, der 70 Jahre alte Prä­si­dent Marino Casali, hat 40 Jahre lang als Schreiner gear­beitet.

Star der Mann­schaft ist der 37-jäh­rige Albaner Altin Lisi, der nor­ma­ler­weise bei ASD Ric­cione in der fünften ita­lie­ni­schen Liga kickt. Tre Fiori hat ihn für die Play-offs ver­pflichtet, das heißt, sie zahlen ihm Ben­zin­geld. Altin findet das in Ord­nung, weil er so ein paar Cham­pions-League-Spiele machen kann. Die sieben Liga­ein­sätze, die für die Teil­nahme an der Qua­li­fi­ka­tion Pflicht sind, ver­schaffte er sich mit Ein­wechs­lungen in den letzten Minuten und als er bei Ric­cione eine Sperre absitzen musste. Spie­ler­trainer Paolo Tarini, 35, der für Catania Calcio eine Saison dritte Liga spielte, eben­falls eine San-Mari­nesin gehei­ratet hat und Ver­si­che­rungs­makler ist, fasst das Niveau seiner Mann­schaft nüch­tern zusammen: Fuß­ball ist was anderes.“

Das hat auch mit den kli­ma­ti­schen Bedin­gungen im hüge­ligen San Marino zu tun. Wäh­rend in den Tälern das ganze Jahr über milde Mit­tel­meer­luft zir­ku­liert, sind die Hügel im Winter tief ver­schneit. Für die Spieler von Tre Fiori, die in der Gemeinde Fio­ren­tino auf 490 Metern Höhe trai­nieren, fällt des­halb nicht selten das Trai­ning aus. Wenn es bei uns oben geschneit hat, haben wir sonn­tags schon Pro­bleme gegen Mann­schaften aus dem Tal, die unter der Woche trai­nieren konnten“, sagt Tarini. Die 15 Teams des Landes teilen sich sieben Fuß­ball­plätze, manchmal trai­nieren drei Mann­schaften gleich­zeitig auf einem Feld. Die Spiel­orte für das Wochen­ende werden aus­ge­lost. Selbst gegen den FC Val­letta können nicht alle kommen. Zwei lernen fürs Abitur, und ein Dritter ist schon in den Urlaub gefahren. Tre Fioris Spie­ler­trainer Tarini findet das in Ord­nung.

So wirkt es fast schon komisch, dass der Eli­te­be­trieb Cham­pions League seine neue Spiel­zeit gerade in San Marino eröffnet, das erst 1988 in die UEFA auf­ge­nommen wurde. Neun Tage vor dem Spiel fand am Sitz des euro­päi­schen Fuß­ball­ver­bandes in Nyon, und fernab jeden Inter­esses, die Aus­lo­sung statt. Wie bei der pompös insze­nierten und live im Fern­sehen über­tra­genen Grup­pen­aus­lo­sung ließ UEFA-Gene­ral­se­kretär Gianni Infan­tino auch diesmal Kügel­chen aus Plas­tik­vasen fischen und fal­tete Zettel auf. Die Kamera zoomte auf SP Tre Fiori“ und Val­letta FC“, nur schaute kaum jemand zu. Der pen­sio­nierte Schreiner Marino Casali saß in Anzug und Kra­watte mit den anderen Hin­ter­bänk­lern des euro­päi­schen Ver­eins­fuß­balls im Publikum und nahm das Los ohne Regung hin.

Noch nie hat ein Team aus San Marino ein Euro­pa­po­kal­spiel gewonnen

Durch den Ver­kauf von TV-Rechten und Spon­so­ren­ein­nahmen erzielte die UEFA mit der Cham­pions League in der vor­ver­gan­genen Saison 1,1 Mil­li­arden Euro Gewinn, 900 Mil­lionen Euro flossen an die Ver­eine zurück. Tre Fiori bekommt 15.000 Euro für die Teil­nahme an der ersten Runde, die der san-mari­ne­si­sche Fuß­ball­ver­band FSGC von der UEFA an seinen Meister wei­ter­leitet. Der Zweit- und Dritt­plat­zierten der Meis­ter­schaft, die in der Europa League spielen, erhalten den­selben Betrag. Der Ver­band finan­ziert auch die Hotel­über­nach­tungen und die Reise zum Rück­spiel. Für Ver­eins­prä­si­dent Casali bedeutet das: Er kann von dem Geld Tri­kots und Käl­tespray kaufen und den Spie­lern ab und zu einen Unkos­ten­bei­trag zuschießen.

Den Jah­res­um­satz von Tre Fiori, der von ein paar lokalen Spon­soren auf­ge­päp­pelt wird, schätzt Casali auf 50.000 Euro, aber ganz genau weiß er das nicht. Ich habe über­haupt keine Ahnung, wie viel wir bei einem Wei­ter­kommen kriegen würden“, sagt Casali. Wir haben ja sowieso keine Chance.“ Noch nie hat eine Mann­schaft aus San Marino ein Euro­pa­po­kal­spiel gewonnen.