Seite 3: Sieben mitgereiste Fans aus Malta

Doch weil es selbst ganz unten in der Cham­pions League noch Große und Kleine gibt, weiß Victor Sci­riha genau Bescheid. Wie sein Kol­lege Casali ist auch der Prä­si­dent des FC Val­letta klein und rund, ein Hemd­zipfel ragt aus seiner Hose. Aller­dings ist der größte Phar­ma­pro­du­zent auf Malta und Besitzer von drei Restau­rants, einem Bau­un­ter­nehmen und einer Tex­til­fa­brik in Tune­sien von einem anderen Schlag. Die UEFA zahlt 100.000 Euro für die zweite Runde“, schießt es schroff aus ihm heraus. Für den ehr­gei­zigen Prä­si­denten ist das Spiel am Abend kein lauer Som­mer­kick. Der Jah­res­um­satz des mal­te­si­schen Meis­ters ist mit 800.000 Euro mehr als zehnmal so groß wie der von Tre Fiori.

Acht mal­te­si­sche Natio­nal­spieler

14 von 22 Spie­lern sind Voll­profis, acht mal­te­si­sche Natio­nal­spieler stehen im Kader, dazu zwei Bra­si­lianer, ein Nige­rianer und ein Spieler aus Bur­kina Faso. Trai­niert wird jeden Tag außer don­ners­tags. Ich werde weiter in die Mann­schaft inves­tieren“, ver­spricht Sci­riha, denn sein Ziel ist das Errei­chen der dritten Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde. Das ist noch keinem Verein aus Malta gelungen. Außerdem hat er den Auf­stieg des mal­te­si­schen Fuß­balls ins­ge­samt im Sinn. Wir müssen unseren Ver­bands­ko­ef­fi­zi­enten weiter stei­gern“, sagt der 60-Jäh­rige. Aktuell hat Malta die Schluss­lichter des euro­päi­schen Fuß­balls bereits hinter sich gelassen und steht vor Nord­ir­land und den Färöern nun auf Platz 48. Das bedeutet, dass der mal­te­si­sche Meister nächstes Jahr erst in der zweiten Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde ein­steigen muss.

Am Vor­mittag waren die Ver­eins­spitzen aus Malta und San Marino mit dem Dele­gierten der UEFA zusam­men­ge­troffen. Die Tri­kot­farben wurden ver­ab­redet, der Dele­gierte, ein großer grau­haa­riger Mann mit einem dicken Pflaster auf der Stirn, ermahnte die Teil­nehmer zu Fair Play. Beim offi­zi­ellen Mit­tag­essen über­reichte Prä­si­dent Marino Casali den Mal­te­sern einen gra­vierten Teller mit dem Wappen San Marinos, einen Kalender sowie die neu­esten Brief­marken mit dem Kon­terfei des Papstes.

Jetzt, eine Stunde vor dem Spiel, trottet Casali über den Rasen des Olym­pia­sta­dions und hängt am Zaun der Gegen­ge­rade das Trans­pa­rent eines lokalen Spon­sors auf. Es ist die ein­zige Wer­bung im Sta­dion und so weit von der Haupt­tri­büne ent­fernt, dass man den Namen nicht lesen kann.

Das Olym­pia­sta­dion ist eine bes­sere Bezirks­sport­an­lage mit vier Tri­bünen. Drei Ränge bleiben leer, nur auf der Haupt­tri­büne tröp­feln ein paar Zuschauer ein. Schließ­lich werden 544 Zuschauer je 20 Euro für die Ein­tritts­karte bezahlt haben. Aus den Laut­spre­chern klingen ita­lie­ni­sche Schlager, in der Ferne hört man die Glo­cken eines Kirch­turms, das Flut­licht ist ein­ge­schaltet. Beim Auf­wärmen gucken die Tre-Fiori-Spieler immer wieder neu­gierig zu den Mus­kel­pa­keten aus Malta hin­über. Auf der Haupt­tri­büne hat eine Gruppe gebräunter Mal­teser Platz genommen und zwei rote Fahnen über die leer geblie­benen Sitz­schalen gehängt.

Keine Cham­pions-League-Hymne, keine Sterne

Zum Anstoß kommen die Mann­schaften fast unbe­merkt aus einem Kabi­nen­trakt im Eck des Sta­dions zurück auf das Feld. Zwei Kinder in gelben Tre-Fiori-Tri­kots begleiten sie. Weil die UEFA die Cham­pions League erst von den Play-offs an ver­markten lässt, erklingt beim Ein­laufen der Teams keine Musik, keine Cham­pions-League-Hymne, und es gibt nie­manden, der im Mit­tel­kreis das Tuch mit den Sternen schüt­telt.

Im Spiel gerät Tre Fiori vom Anpfiff weg unter Druck. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der FC Val­letta in Füh­rung geht, doch erst kurz vor der Halb­zeit trifft der Bra­si­lianer Denni Rocha dos Santos zum 1:0.Spielertrainer Tarini wech­selt sich zur Pause aus, Sport­di­rektor Aster Casali über­gibt dem vierten Mann mit einem unter­tä­nigen Bück­ling den Wech­sel­zettel. Der grau­haa­rige Tre-Fiori-Stürmer Ales­sandro Giunta reibt sich gegen die junge Abwehr aus Malta auf und muss bald raus. Fabio Van­noni dis­ku­tiert immer häu­figer mit dem Schieds­richter aus Schott­land, in ähn­li­chen Abständen springt ihm der Ball vom Fuß. Der Albaner Altin Lisi ver­tän­delt die Bälle inzwi­schen schon vor der Mit­tel­linie und kommt auch nicht mehr mit zurück. Kapitän Cana­rezza ist heiser vor lauter Brüllen, die Abwehr rückt nicht mehr auf, und Links­außen Simon­cini erwischt kaum ein Zuspiel.

Der FC Val­letta ist über­mächtig, fol­ge­richtig fällt das 2:0 für die Mal­teser und das 3:0 per Elf­meter. Dann ist Schluss. Die sieben mit­ge­reisten Fans aus Malta liegen sich in den Armen. Val­letta-Prä­si­dent Sci­riha, der ein paar Schritte von ihnen ent­fernt im Stehen applau­diert, kann sich vor dem Rück­spiel sicher sein: Jetzt fahren wir nach Litauen.“

Maikol, dein Kom­mentar zum Spiel?“

Bei Tre Fiori wirkt nie­mand beson­ders traurig, es ist schließ­lich alles so gekommen wie erwartet. Fabio Van­noni tauscht mit seinem Gegen­spieler das Trikot. Die Mann­schafts­kol­legen sind der­weil schon duschen gegangen. Die Zuschauer haben sich schnell zer­streut. Etwas später kommen einige Spieler aus der Kabine und stellen sich mit klitsch­nassen Haaren den Fragen einer Hand­voll Lokal­re­porter. Natio­nal­stürmer Michael Simon­cini trägt dabei einen tür­kisen Bade­mantel und Flip-Flops, seine Igel­frisur ist zu einem feuchten Haar­knäuel zusam­men­ge­sunken.

Maikol, dein Kom­mentar zum Spiel?“, fragt ein Jour­na­list wie beim großen Fuß­ball. Michael ant­wortet, er sei zuver­sicht­lich. Ob für das Rück­spiel, für die Zukunft des Fuß­balls in San Marino oder über­haupt, bleibt indes offen. Und so schaut der junge Kicker an den Repor­tern vorbei in die Ferne. Dort, auf der anderen Seite des Platzes, hum­pelt Prä­si­dent Marino Casali über den Rasen und hängt das ein­same Wer­be­trans­pa­rent des Spon­sors wieder ab.