Max Cava­lera, Sie tun uns leid!
Mir geht’s doch gut. Kein Grund zur Sorge!
 
Ihr Booker scheint Sie aber nicht son­der­lich gut zu kennen. Er hat die Europa-Tour Ihrer Band Soulfly mitten in die WM-Zeit gelegt.
Ich werde es über­leben. Zur Not stellen wir einen Fern­seher auf die Bühne oder in den Back­stage-Raum. So haben wir es auch 2002 gemacht, als wir das WM-Finale Bra­si­lien gegen Deutsch­land vor einem Kon­zert geguckt haben.
 
Es war ver­mut­lich ein gelun­genes Kon­zert.
Natür­lich. Doch ich kann mich auch an gute Kon­zerte nach Nie­der­lagen erin­nern. Wir waren auch wäh­rend der WM 2010 unter­wegs und haben kurz vor einem Gig Bra­si­liens Vier­tel­final-Aus gegen Hol­land gesehen. Es sah in unserem Back­stage-Raum aus wie bei einer Beer­di­gung. Doch danach spielten wir alles in Grund und Boden. Die Show war ein gutes Ventil für den Frust. Es fühlte sich an wie Trau­er­be­wäl­ti­gung. 
 
Ist Heavy Metal Fuß­ball­musik?
Absolut. Ich bin mir sicher, dass sich viele bra­si­lia­ni­sche Fuß­baller vor einem Spiel richtig harten Metal anhören.
 
Die deut­schen Natio­nal­spieler halten es eher mit Justin Bieber oder Kanye West.
Wirk­lich? Kann ich nicht ver­stehen. Neu­lich haben wir eine Show in Russ­land gespielt, und auf einmal tippt mir ein Junge mit Soulfly-Shirt auf die Schulter und stellt sich schüch­tern vor. Er heiße Wil­liam und habe mal in einer Jugend­mann­schaft von Pal­meiras gespielt. Nun spiele er in der zweiten rus­si­schen Liga, beim FC Ufa. Ich war baff, denn es war so sur­real: Ein Junge aus der Heimat, früher bei Pal­meiras und jetzt bei meinem Kon­zert in Ufa, einer Stadt im Süd­westen Russ­lands.
 
Aber können Sie sich wirk­lich vor­stellen, dass Neymar Sepul­tura auf seinem iPod hört?
Wieso nicht? Kennen wir den Jungen den wirk­lich? Wussten Sie zum Bei­spiel, dass der ehe­ma­lige Pal­meiras-Tor­wart Marcos und Juves Ales­sandro del Pierro große Metal-Fans sind?
 
Soulfly- oder Sepul­tura-Fans?
Da müssen sie meinen Bruder fragen, der ist gut mit beiden befreundet. Er hat mir auch das Trikot besorgt, das Marcos im WM-Finale 2002 gegen Deutsch­land getragen hat. Ich habe es später meinem Sohn Zyon gegeben. Es ist noch nie gewa­schen worden, und an einigen Stellen sieht man noch die Schweiß­fle­cken und Dreck­spuren.
 
Ihren Vater hätte das ver­mut­lich sehr glück­lich gemacht. Er soll großer Pal­meiras-Fan gewesen sein.
Er hätte sich ver­mut­lich noch mehr über die Freund­schaft zu Ales­sandro del Pierro gefreut, denn mein Vater (Cal­va­leras Vater starb im Alter von 40 Jahren, d. Red.) war Ita­liener und glü­hender Juventus-Anhänger. Als er einst nach Bra­si­lien kam, suchte er sich den Verein, zu dem die meisten ita­lie­ni­schen Migranten gingen. Das war Pal­meiras aus São Paulo. Er ging jeden Mitt­woch und Samstag zu den Spielen, und als mein Bruder und ich alt genug waren, nahm er uns mit.
 
In den sieb­ziger und acht­ziger Jahren waren die Corin­thians aller­dings der belieb­tere Verein in São Paulo. Sind Sie nie fremd­ge­gangen?
Ich habe Respekt vor dem Klub, vor Män­nern wie Sócrates oder Walter Casa­grande, die ver­sucht haben die Demo­cracia Corin­thiana“ zu eta­blieren und so gegen die Mili­tär­dik­tatur und unde­mo­kra­ti­sche Struk­turen in der Gesell­schaft und im Fuß­ball zu pro­tes­tierten. Doch heute sti­li­sieren die Fans die Corin­thians immer noch zum Klub der Arbeiter und Armen. In Wahr­heit kommen die Anhänger aus der rei­chen Mit­tel­schicht. Es ist alles Atti­tüde. Wir nennen sie daher Rich boys“ und Poser“.
 
Wie sah denn der Gegen­ent­wurf Pal­meiras aus?
Die Atmo­sphäre im Estádio Pale­stra Itália war rau und hart. Es war ein wenig so wie in Eng­land, Hoo­ligan- und Hard­core-Style. Die Typen um mich herum sahen aus wie Schwer­ver­bre­cher. Manchmal kam ich mir auch vor wie auf einem Heavy-Metal-Kon­zert, die Männer waren voller Tat­toos und Narben im Gesicht. Ich erin­nere noch, wie einmal jemand schrie Los jetzt!“ und danach hun­derte von diesen Tough guys in den Tro­phä­en­raum gerannt sind und alles abge­fa­ckelt haben. Sie waren so wütend, weil der Klub lange nichts mehr gewonnen hatte. Sie waren ver­rückt.
 
Aber es machte Ein­druck auf den jungen Max Cava­lera?
(Lacht) Die Gefahr und das Aben­teuer zieht Jugend­liche eben an. Wich­tiger waren für mich aber die Musik und die Stim­mung im Sta­dion. Die Männer schrien wie Ber­serker, sie trom­melten 90 Minuten am Stück – und noch heute sind sie berühmt für ihren mancha verde“, diesen grünen Nebel, den sie jedes Mal, wenn die Mann­schaft das Spiel­feld betritt, mit ihren Rauch­fa­ckeln erzeugen.
 
Klingt tat­säch­lich nach einem adäquaten Umfeld für den Start einer Heavy-Metal-Kar­riere.
Weil ich dort gut schreien konnte? Viel­leicht. Doch vor allem hat dort mein Bruder Schlag­zeug­spielen gelernt (Igor Cava­lera ist Schlag­zeuger bei Sepul­tura, d. Red.). Eines Tages gab ihm einer der Älteren eine Snare-Drum in die Hand, und weil er sich gut anstellte, war er bald eine Art Fan-Mas­kott­chen der Kurve. Er wurde der Junge mit der Trommel – und das ist er heute noch.
 
Haben Sie mal Fuß­ball­songs aus Deutsch­land gehört?
Nein. Sind die gut?
 
Die meisten klingen nach Techno-Jahr­markt­musik.
(Lacht) Schi­cken Sie mal was rüber. Ich habe ja auch einen Fuß­ball­song auf­ge­nommen oder besser gesagt: ein Riff.
 
Tat­säch­lich?
Ein ESPN-Mit­ar­beiter ist großer Fan von Soulfly und Sepul­tura, und er fragte mich vor einigen Wochen, ob ich nicht eine Art Ein­spiel-Jingle für ihre WM-Sen­dung machen möchte. Ich sagte natür­lich sofort zu. Einen Song für die WM bei­steuern – das ist doch ein Traum eines jeden Fuß­ball­fans.
 
Eine Fuß­ball­sen­dung eröffnet nun mit einem Heavy-Metal-Riff?
Es ist ein Metal-Riff, aber mit bra­si­lia­ni­schem Tribal-Ein­schlag und tra­di­tio­nellen Instru­menten wie Cuíca oder Berimbau. Mein Sohn Zyon spielt Per­cus­sions. Es ist sehr gut geworden, und ich über­lege nun, es für einen neuen Soulfly-Song zu ver­wenden. Mal sehen, ob das recht­lich noch mög­lich ist. (lacht)
 
Sie können sich dem­nach mit der WM in Ihrer Heimat iden­ti­fi­zieren?
Ich hoffe, dass Bra­si­lien trotz aller Schwie­rig­keiten eine gute WM aus­tragen wird.
 
Das klingt sehr milde. Nach aktu­ellen Umfragen sollen nur noch 40 Pro­zent der Bra­si­lianer für diese WM sein. Wie ist es bei Ihnen?
Ich wün­sche mir ein­fach eine WM, die die Men­schen glück­lich macht und zusam­men­bringt. Ich hoffe, die Welt bekommt ein gutes Bild von meinem Hei­mat­land.
 
In dem Sepul­tura-Song Refuse/​Resist“ singen Sie: Silence means death, stand on your feet.“ Wir hätten Sie rebel­li­scher ein­ge­schätzt.
Ich kann die Men­schen ver­stehen, die seit dem letzt­jäh­rigen Confed-Cup auf die Straßen gehen. Denn mit dieser WM kam auch viel Schlechtes ins Land. Die Fifa hat viele hirn­ris­sige For­de­rungen auf­ge­stellt. Das Pro­blem dabei ist aller­dings, dass die Regie­rungen eines Aus­tra­gungs­landes die Kosten indi­rekt auf die Bevöl­ke­rung umleiten. Von vorn­herein hätte man sich in Süd­afrika und nun auch in Bra­si­lien fragen müssen, warum man in diesen Län­dern eine WM auf euro­päi­schem Stan­dard orga­ni­sieren muss.
 
Sie haben keine Ant­wort?
Für mich, der seit vielen Jahren in den USA lebt, ist es schwierig zu beant­worten. Natür­lich geht es ums Geld. Die Sache ist nur: Die Bevöl­ke­rung leidet dar­unter, denn Bra­si­lien ist immer noch ein Land mit zahl­rei­chen Dritt­welt-Pro­blemen. Da ist es nur logisch, dass bereits eine Erhö­hung der Bus­ti­ckets für Pro­teste sorgt. Ande­rer­seits kann ich bei gewissen Punkten auch die Funk­tio­näre ver­stehen, die Sorge haben, dass eine Stadt wie Rio de Janeiro für ein inter­na­tio­nales Publikum zu unsi­cher ist. Was wäre es für ein schreck­li­ches Sze­nario, wenn ein WM-Tou­rist ermordet wird? Trotzdem recht­fer­tigt das natür­lich nicht das bru­tale Vor­gehen der der angeb­li­chen Frie­dens­po­lizei UPP (Uni­dade de Polícia Paci­fi­ca­dora, d. Red.), die in die Favelas hin­ein­mar­schiert und dort Men­schen raus­zieht, ver­prü­gelt oder sogar erschießt. 
 
Die aktu­ellen WM-Pro­teste richten sich auch gegen die Ver­trei­bung von indi­genen Stämmen und Bevöl­ke­rungs­gruppen. Wie aktuell ist das Pro­blem?
Es ist nach wie vor vor­handen. Es gibt immer noch Gegenden in Bra­si­lien, wo Weiße nicht ver­stehen wollen, dass die indi­genen Men­schen nicht Teil ihrer Welt sein möchten. Für sie ist es unver­ständ­lich, dass diese Stämme mit ihren Tra­di­tionen alleine gelassen werden wollen, dass sie im kapi­ta­lis­ti­schen System ver­loren wären, dass sie lieber sterben, als ihr Land und ihre Kultur auf­zu­geben.
 
Neu­lich wurde in den Medien von einer Frau berichtet, die drohte sich anzu­zünden, wenn man ihr Haus räumen würde.
Eine trau­rige Geschichte, die aber nicht neu ist und bei vielen Indios Alltag ist. Ich habe 1993 einen Song über die Kaiowas“ geschrieben. Von diesem Indio-Stamm hatte ich kurz zuvor einen Zei­tungs­ar­tikel gelesen. Daneben waren Fotos zu sehen: Kinder hingen von Bäumen, Männer und Frauen lagen auf den Fel­dern. Alle tot. Sie hatten die aus­sichts­losen Kämpfe gegen die weißen Farmer durch einen Massen-Suizid beendet.
 
Ein anderer Kri­tik­punkt sind die immensen Kosten, die durch Reno­vie­rungen oder den Neubau der Sta­dien ent­standen ist. Alleine der Umbau des Mara­canã kos­tete 100 Mil­lionen Euro mehr als der kom­plette Neubau der Mün­chener Allianz Arena. Wahn­sinn, oder?
Es ist auch Wahn­sinn, ein Sta­dion mitten im Dschungel zu bauen, denn in Manaus gibt es keine großen Klub-Mann­schaften. Die Folge wird die­selbe sein wie in Süd­afrika: Viele Sta­dien werden nach der WM leer stehen und immense Kosten ver­ur­sa­chen. Ande­rer­seits finde ich es toll, dass die Welt so viel­leicht ein biss­chen was von der Schön­heit das Ama­zo­nas­ge­biets erfährt. Manaus ist näm­lich wun­der­schön.
 
Wie finden Sie das neue Mara­canã?
Ich kann nur vom alten spre­chen, denn dort habe ich 1991 mit Sepul­tura bei Rock in Rio“ gespielt. 195.000 Zuschauer kamen damals. Ich bekomme immer noch eine Gän­se­haut, wenn ich daran denke. Es ist für mich eine hei­lige Stätte, wie für andere die Hagia Sophia in Istanbul oder der Vatikan.
 
Sie wissen aber, dass das neue Mara­canã sich kaum noch von Mul­ti­funk­ti­ons­arenen in den USA oder Europa unter­scheidet? 
Das ist natür­lich schade, denn das Sta­dion wurde einst für das Volk gebaut. Es gab keine VIP-Plätze, keine Extras, alle Men­schen sollten gleich sein. Heute ist das Sta­dion natür­lich anders, moderner. Eine beson­dere und hei­lige Stätte bleibt es für mich den­noch. Schon wegen der Erin­ne­rungen. Wegen großen Momenten, dem tau­sendsten Tor von Pelé. Aber auch wegen tra­gi­schen Momenten wie bei der WM 1950, als Bra­si­lien den Titel an Uru­guay verlor.
 
Glauben Sie, dass es wäh­rend der WM wei­tere Pro­teste geben wird?
Das hängt sehr mit dem Abschneiden der bra­si­lia­ni­schen Mann­schaft zusammen. Wenn wir gut spielen, kann die Mann­schaft eine Euphorie ent­fa­chen, die alle Sorgen und Pro­bleme ver­drängt. Wird sie aber früh aus­scheiden, gibt es Riots – und zwar die größten Riots, die das Land je gesehen hat.
 
Also müssen wir Ihrer Mei­nung nach keine Sorge haben?
Richtig, denn Bra­si­lien wird das Tur­nier gewinnen und Neymar groß auf­spielen. (Lacht) Das hoffe ich zumin­dest.