Charles Kumi Gyamfi wech­selte 1960 als erster afri­ka­ni­scher Fuß­baller über­haupt nach Deutsch­land. Ein Jahr spielte der heute als Becken­bauer Ghanas“ bekannte Gyamfi bei For­tuna Düs­sel­dorf. Seine größte Zeit hatte er als Trainer seines Landes: 1963, 1965 und 1982 führte er Ghana zum Titel beim Africa Cup of Nations“.

Charles Gyamfi, wann waren Sie zuletzt in Deutsch­land?
Nach meinem Jahr als Spieler in Düsseldorf war ich noch einmal dort. 1963 haben wir mit der Natio­nal­mann­schaft auf dem Weg nach Russ­land zwei Spiele in Deutsch­land gespielt, unter anderem gegen Düsseldorf. Das Ergebnis war ein Unent­schieden.

Wie kam es zu Ihrem Auf­ent­halt in Düsseldorf Ende der 1950er Jahre?
For­tuna Düsseldorf kam 1959 für einige Freund­schafts­spiele nach Ghana und nahm mich im Anschluß gleich mit. Auch wollte der gha­nai­sche Fuß­ball­ver­band, dass ich dorthin gehe und mich als Trainer aus­bilden lasse. Zunächst rech­nete nie­mand damit, dass ich bei For­tuna meinen Platz als Spieler finden würde. Doch For­tuna merkte, dass ich ein guter Spieler war. Aus Hennef (der Ort der Fuss­ball­schule, d. Red.) nahm ich viel Fuß­ball­wissen mit nach Hause, denn ich wusste, dass ich bei meiner Rückkehr Trainer werden wollte. Ich lernte viel, auch als
Spieler im For­tuna-Dress, viel Taktik, Technik.

Wie gestal­tete sich Ihr Pri­vat­leben in Deutsch­land?
Mein Alltag? Als ich ankam, hatte ich keine Freunde, auch konnte ich die Sprache nicht. Ich beob­ach­tete das Leben der Men­schen in Deutsch­land. Es waren noch Kriegs­spuren in der Stadt zu sehen, doch die Deut­schen arbei­teten hart daran, das alles hinter sich zu lassen. Ich freun­dete mich aber schnell mit meinen Kol­legen an, vor allem mit Erich Jus­ko­wiak. Er spielte im Natio­nal­team und war dort Team­ka­pitän. Wir ver­standen uns schon in Afrika auf Anhieb. Mir ging es gut und ich vergaß meine Ein­sam­keit.

Wie reagierten die Fans in Düsseldorf auf den ersten schwarzen Spieler?
Oh mein Gott, das war unglaub­lich! Vor meinem ersten Spiel bei For­tuna fragte mich For­tuna-Prä­si­dent Dr. Thier in der Kabine, ob ich nervös sei. Ich sagte: Nein, überhaupt nicht. Und auf dem Platz sahen sie dann, was ich wirk­lich konnte, ich war wie aus­ge­wech­selt, ich war hier und da, nahm den Ball, schoss an die Latte, dass sie nur so zit­terte und alle waren begeis­tert. Ich war überrascht über den Umgang mit mir, denn ich war als Afri­kaner ein
Novum in der Liga. Jedes Heim­spiel war aus­ver­kauft, alle wollten den Afri­kaner sehen, sich von seinen Fussballkünsten überzeugen. Jedes Mal, wenn wir ein­liefen, schwenkten die Fans in der Kurve Flaggen und riefen: Kalle, Kalle, da ich ja Charles heiße. Als ob ich der ein­ziger
Spieler wäre, der spielte (lacht).

1951 absol­vierten Sie als Mit­glied einer gha­nai­schen Aus­wahl bereits einige Spiele in Eng­land. Vor dem Hin­ter­grund ihrer spä­teren Deutsch­land-Erfah­rungen, sehen sie einen Unter­schied in der Reak­tion der Men­schen im kolo­nialen Mut­ter­land auf afri­ka­ni­sche Spieler im Ver­gleich zu Deutsch­land?
In Eng­land und Irland waren wir abge­schieden von den Weißen, wir waren in einem Camp unter­ge­bracht. In Düsseldorf war es anders, ich war ein freier Mann, ich war wie die Anderen. In Eng­land kamen nach dem Spiel die kleinen Jungs, wollten uns die Hände schütteln und wischten dabei über unsere Haut. Sie wollten wissen, ob unsere Haut schwarz vom Dreck sei.

Als sie in den 1940ern mit dem Fuß­ball­spielen anfingen, befand sich Ghana noch unter kolo­nialer Herr­schaft. Spielte die ras­sis­ti­sche Vor­stel­lung einer Über­le­gen­heit des weißen Mannes“ auch auf dem Platz eine Rolle?
Eigent­lich spielten Afri­kaner aus­schließ­lich unter­ein­ander, Weiße spielten kaum Fuß­ball. Eine Aus­nahme stellten See­männner in Cape Coast (Hafen­stadt in Ghana, d. Red.) dar. Die Schiffs­be­sat­zungen bil­deten eigene Teams. Auf Land­gang for­derten sie dann auch die Afri­kaner heraus. Bei diesen Freund­schafts­spielen ging es mir aber nicht um das Ergebnis. Span­nender war viel­mehr, wie die Euro­päer gekleidet waren. Übri­gens tauchten in Cape Coast die ersten Fuß­ball­schuhe auf, doch als diese kaputt waren, spielten alle wieder Barfuß. So auch auf unserer Eng­land­tour. Wenn wir gegen den Ball traten, stöhnte das ganze Sta­dion auf: Aauuu! Nach dem Spiel kamen die Kinder ange­laufen, um zu gucken ob unsere Beine
aus Stahl wären. Später aber gewöhnte ich mich an die Schuhe, ich brachte mir welche aus Europa mit, ein anderer besorgte sie sich aus der Elfenbeinküste. So gab es immerhin zwei Spieler in Ghana, die Schuhe hatten.

Ein Bild von 1958 zeigt den ersten Prä­si­denten Ghanas, Kwame Nkrumah, wie er Ihnen einen Pokal überreicht. War dies Ihre erste Begeg­nung mit dem Prä­si­denten?
Nein, nein, ich habe ihn schon zuvor oft getroffen. Mit dem Chef des Sports Council bin ich zu ihm, wir haben darüber dis­ku­tiert, was zu machen ist. Ich erin­nere mich an ein Spiel in Kenia 1965. Wir kamen gerade aus Tunis wieder, wo wir den Afrika Cup gewannen. Kaum in Ghana gelandet, sollten wir gleich weiter nach Kenia, weil Nkrumah ein Freund­schafts­spiel arran­giert hatte. Das Land hatte gerade die Unab­hän­gig­keit erlangt. Wir waren nicht
glücklich darüber und wollten lieber zu Hause den Gewinn des Cups feiern. Doch wir flogen nach Kenia und gewannen 16:1. Dar­aufhin schickte Nkrumah ein Tele­gramm, dass er über das Ergebnis nicht gerade glücklich sei. Er wollte ja Afrika zusam­men­bringen. Und dann dieses Ergebnis, 16 Tore, das war ein­fach zu viel. Zudem saß sein Freund und Kenia­ni­scher
Prä­si­dent Ken­yatta im Publikum. Nkrumah bestand also auf ein Wie­der­ho­lungs­spiel. Er schrieb uns natürlich kein Ergebnis vor, er zeigte sich ein­fach unzu­frieden. Wir sollten nur nicht zu hoch gewinnen. Bei der zweiten Begeg­nung trennten wir uns dann unent­schieden (lacht).

Wie kam es, dass sie zum ersten afri­ka­ni­schen Natio­nal­trainer auf­stiegen?
Der dama­lige Eng­li­sche Coach der Black Stars ver­ließ 1958 das
Team, weil er mehr Geld for­derte und dies abge­lehnt wurde; es war einige Tage vor einem wich­tigen Spiel gegen Nigeria. Die Frage war also, wer den Job machen sollte, und da mein Kopf voll mit Fuss­ball war, fiel die Wahl schnell auf mich. Man muss wissen, dass in dieser Zeit die Gha­naer nicht daran glaubten, dass ich als Afri­kaner den Job erfolg­reich machen
könnte. Doch Nkrumah, der dama­lige Staats­prä­si­dent, war überzeugt, dass ich das Team führen könnte. Er sagte: Was ein weißer Mann schafft, kann auch ein schwarzer Mann schaffen. Des­halb musste ich ran.

Dann gewannen Sie direkt 1963 als erster afri­ka­ni­scher Trainer den Afrika-Cup mit Ghana im eigenen Land. Wie reagierte Nkrumah darauf?
Er wollte uns und den Fuss­ball so gut es geht unterstützen. Was auch immer wir brauchten sollten wir ihm mit­teilen, dafür hatte er uns seine Tele­fon­nummer zuge­steckt. Doch das bedeu­tete auch, dass er uns ins Chris­ti­ans­bourg Castle (seinem Amts­sitz, d. Red) zitierte, wenn
wir mal ver­loren. Er stellte uns fragen, mir als Trainer zur Taktik, dem Manager des Teams zu admi­nis­tra­tiven Belangen, und warum wir ver­loren hatten. Doch war Nkrumah zufrieden mit dem Team, gab er uns freie Hand. Durch diese Unterstützung ging es mit dem Team schnell bergauf. Ich selbst zog von meinem kleinen Haus in einen Bun­galow, fuhr einen großen
Wagen, mir wurde alles gegeben. Nur: nun musste ich sehr hart arbeiten (lacht).

Sie holten als Trainer noch­mals 1965 und dann nach einer langen Pause wieder 1982 den Afrika-Cup nach Ghana. Wie kam es dazu?
Zuerst sagten die Leute, dass wir 1963 den Cup nur wegen des Heim­vor­teils gewonnen hätten. Doch das stimmte nicht. 1965 war das Team stark ver­än­dert, nur noch zwei alte Spieler waren dabei, sonst holte ich viele junge Spieler ins Team. Die Leute konnten das nicht ver­stehen. Doch ich war mir meiner Sache sicher, denn die alten Spieler waren schwach. Ich tele­fo­nierte mit Nkrumah über die Sache, und er war ein­ver­standen. Die alten Spieler
konnten zwar noch gut Fuss­ball spielen und hatten das Spiel ver­standen, doch was zählt ist die Schnel­lig­keit, um den Ball zu bekommen. Nkrumah sagte mir, ich solle als Trainer wei­ter­ma­chen, also machte ich weiter und fuhr 1965 nach Tunis. Und wir gewannen. Nun hatten die Leute wirk­lich großes Ver­trauen in mich und das Team.

Was hat sich nach dem Sturz Nkru­mahs 1966 für den Fuss­ball und Sie geän­dert. Und wie kamen Sie 1982 wieder an das Trai­neramt?
Nach dem Sturz war ich immer noch im Sports Council. Wir haben uns nie sehr für Politik inter­es­siert. Doch nachdem Nkrumah weg war, mochten mich die Leute nicht mehr und der Druck erhöhte sich. Nkrumah war mein Freund, mein Vater, wie auch immer. Ich zog dann aufs Land und coachte Kinder für eine Zeit. 1982 wurde ich dann noch einmal gefragt, ob ich Ghana beim Afrika-Cup in Libyen coa­chen wollte. Ich hatte viele neue Ideen bekommen, als ich län­gere Zeit in Bra­si­lien war. Ich sagte also zu. Und wir gewannen.

Wie steht es um den gha­nai­schen Fuß­ball der Gegen­wart?
Er hat sich sehr ver­än­dert. Wenn wir heute über Fuß­ball spre­chen, geht es nur ums Geld. Ein anderes gra­vie­rendes Pro­blem ist, dass es an qua­li­fi­ziertem Trai­ning man­gelt. Jeder Spieler hat beson­dere Eigen­schaften, die wei­ter­ent­wi­ckelt werden müssen. Doch dafür brau­chen wir hartes Trai­ning.

Für die letzte Frage möchten wir Sie gerne gedank­lich in die Kabine der Black Stars vor dem Grup­pen­spiel bei der WM in Südafrika gegen Deutsch­land ver­setzen. Sie sind erneut Trainer. Was sagen Sie ihren Jungs vor dem Spiel gegen die Deut­schen?
(lacht) Es geht gar nicht so sehr darum, was der Trainer in so einer Situa­tion sagt. Für jeden Trainer ist es wichtig, dass die Spieler das umsetzen, was man vorher trai­niert hat. Über Fuss­ball zu reden, so wie wir es hier gerade tun, ist nur blabla. Doch die Ideen des Trai­ners umzu­setzen ist ein wirk­lich harter Job. Des­halb ist auch das Trai­ning vorher viel wich­tiger. In der Kabine kann man die Spieler dann auch nur noch mal daran erin­nern, was sie trai­niert haben. Doch der Druck auf den Trainer ist schon enorm. Des­halb war ich auch immer lieber Spieler als Trainer (lacht).