Özil, Huth, Schwein­s­teiger – die Deut­schen in der Pre­mier League kennt jeder. Für unsere neue Aus­gabe haben die Deut­schen besucht, die in den eng­li­schen Lower Leagues spielen. Dabei trafen wir auch den ehe­ma­ligen Braun­schweig- und Aachen-Tor­wart Thorsten Stuck­mann, der mitt­ler­weile in Don­caster aktiv ist. Die kom­plette Geschichte lest ihr in 11FREUNDE #172. Jetzt am Kiosk, bei uns im Shop, im App-Store oder im Google-Play-Store.

Thorsten Stuck­mann, eng­li­sche Fuß­ball­fans geben ihren Spie­lern gerne Spitz­namen. Wie ist Ihrer?

In Preston hatte ich keinen, dafür in Don­caster, wo ich seit Sommer 2015 spiele. Dort heiße ich Groß Zen­siert Deutsch“.
 
Wie bitte?
Die Sache begann beim ersten Heim­spiel der Saison gegen den FC Bury. Die Fans hängten damals ein Banner an ihren Block, auf dem stand: Big Fucking German“. Wie bei Per Mer­te­sa­cker. Ich fand das cool. Die Ordner ent­fernten das Banner aller­dings, sie fanden die Sprache unflätig. Am fol­genden Spieltag hatten die Anhänger daher ein neues Banner dabei. Nun war da zu lesen: Groß Ver­dammt Deutsch“.
 
Sie hatten die Wörter per Google-Trans­lator über­setzt?
Offenbar. Aber auch das war den Ord­nern zu krass. Erst als die Fans einen dritten Ent­wurf prä­sen­tierten, hatte nie­mand mehr was ein­zu­wenden. Und der lau­tete eben: Groß Zen­siert Deutsch“. (Lacht.)
 
Sie haben über 300 Zweit- und Dritt­li­ga­spiele für Ale­mannia Aachen oder Ein­tracht Braun­schweig bestritten. Wie sind Sie in Eng­land gelandet?
Ende 2010 zog ich mir einen Mit­tel­fuß­bruch zu, und als ich im Januar 2011 wieder zur Mann­schaft stieß, hatte ich meinen Stamm­platz ver­loren. Weil der Ver­trag mit Aachen im Sommer eh aus­lief, schaute ich mich nach Alter­na­tiven um. Ich machte Pro­be­trai­nings bei Swansea, Preston oder Leeds, wo man mir zwar gute Leis­tungen attes­tierte, die Ver­träge aber nicht zustande kamen.
 
Sie hatten auch ein Angebot aus Kreta. Klingt nach traum­haften Bedin­gungen: Erst­li­ga­fuß­ball, Sonne, Meer.
Aber die Ver­hand­lungen ver­liefen etwas seltsam, außerdem hatte gerade erst die Euro­krise begonnen. Meiner Frau und mir war das Paket zu heikel, zumal unser Sohn gerade erst drei Monate alt war. Wir wollten etwas Sicheres. Und Eng­land war immer schon ein Traum.
 
Viele Spieler sagen das. Dabei gilt etwa Eng­lands Fan­kultur als tot.
Das mag stimmen. Ich sehe auch einige Dinge kri­tisch. Etwa die Ein­tritts­preise. Neu­lich wollten meine Frau und ich ein Spiel in Leeds gucken, wir hätten 46 Pfund pro Ticket zahlen müssen – für ein Zweit­li­ga­spiel. Und auch hier in Don­caster zahlt ein Fan um die 20 Pfund. Die Leute können es kaum glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass man in Dort­mund Steh­platz­ti­ckets für weniger als 15 Euro bekommt. Für viele Eng­länder ist Deutsch­land daher nun der neue Sehn­suchtsort. Sie zahlen mit Flug und Ein­tritts­karte oft weniger als für ein Spiel im Emi­rates.
 
Warum wollen trotzdem so viele Profis nach Eng­land? Geht’s am Ende doch nur ums Geld?
Ich kann nur für mich spre­chen. Ich wusste immer: Wenn ich ins Aus­land gehe, dann nur nach Eng­land. Zum einen ist da dieser Mythos des Mut­ter­lands. Außerdem sagt man, das Spiel sei kör­per­be­tonter, etwas härter. Da ich fast zwei Meter groß bin, dachte ich, dass ich ganz gut nach Eng­land passe.
 
Bevor Sie auf die Insel wech­selten, waren Sie einige Monate arbeitslos. Was haben Sie gemacht?
Ich habe mich im VDV-Camp (Ver­ei­ni­gung der Ver­trags­fuß­ball­spieler, d. Red.) und in der zweiten Mann­schaft des SV Werder Bremen fit­ge­halten. Im Herbst 2011 kam erneut ein Anruf aus Preston. Der Klub wollte wissen, ob ich noch ver­fügbar sei und wann ich in da sein könnte. Ich fuhr sofort nach Hause, packte meine Sachen und am nächsten Dienstag stand ich erst­mals auf dem Platz.
 
Sie fei­erten einen sen­sa­tio­nellen Ein­stand.
Wir spielten im Pokal gegen Roch­dale, und es ging ins Elf­me­ter­schießen. Plötz­lich stand mein Tor­wart­trainer neben mir und sagte: Thorsten, weißt du, wie das hier aus­geht? So wie immer, wenn ein Deut­scher im Tor steht!“ Und dann hielt ich wirk­lich drei Elf­meter. Eine Woche drauf spielten wir erneut gegen Roch­dale, diesmal in der Liga, und ich hielt wieder einen Straf­stoß. Plötz­lich galt ich als Elf­me­ter­killer, obwohl ich in Deutsch­land nicht unbe­dingt dafür bekannt war. Ganz ehr­lich, nach dem Pokal­spiel dachte ich nur: End­lich mal einen gehalten. (Lacht.)

Was wussten Sie über Preston North End?
Der Klub war der erste eng­li­sche Meister (1888÷89, d. Red.), hat also eine große Tra­di­tion und ein tolles Sta­dion. Aller­dings war die Mann­schaft 2011 gerade aus der zweiten Liga abge­stiegen. Danach hat sie jah­re­lang ver­sucht, wieder nach oben zu kommen. 2015 sind wir schließ­lich wieder in die Cham­pi­onship auf­ge­stiegen, wo Preston meiner Mei­nung nach auch hin­ge­hört.
 
Wie gut war Ihr Eng­lisch, bevor Sie nach Preston gingen?
Es war pas­sabel. Ich habe aber sicher­heits­halber ein Wör­ter­buch mit nach Eng­land genommen. Aller­dings musste ich recht schnell erkennen, dass das nicht viel half – jeden­falls nicht in der Kabine oder auf dem Platz. Dort hat es ein biss­chen gedauert, bis ich die ganzen Slangs ver­standen habe: Irisch, Schot­tisch, wir hatten auch ein paar Aus­tra­lier. Anfangs dachte ich sogar: Das lerne ich nie. Schließ­lich ging es aber doch schnell, die Mann­schaft hat mich ein­fach super auf­ge­nommen.
 
Hatten Sie die Mög­lich­keit nach Deutsch­land zurück­zu­gehen?
Vor zwei Jahren kam ein Angebot eines Zweit­li­gisten. Aber wir hatten uns als Familie sehr gut ein­ge­lebt und fanden die Land­schaft North West Eng­lands wun­der­schön. Wir wollten gerne bleiben.
 
Wie weit wären Sie eigent­lich run­ter­ge­gangen?
Ich hatte einmal ein Angebot aus Wup­pertal (Ober­liga Nie­der­rhein, d. Red.). Das habe ich abge­lehnt, Dritte Liga wollte ich min­des­tens spielen, zweite Liga wäre noch mal ein Traum. Wenn ich 2015 in Preston ver­län­gert hätte, würde ich dort heute auch sein. Aber ich saß zuletzt nur auf der Bank. Ich will halt spielen.
 
Sie werden dieses Jahr 35.
Ich muss mich manchmal länger von unseren Phy­sios behan­deln lassen als das noch mit 25 der Fall war, und wenn ich sonn­tags mit Weh­weh­chen auf­wache, sagt meine Frau manchmal spa­ßes­halber: Ich melde dich vom Sport ab.“ Aber im Grunde fühle ich mich noch fit. Und ich finde es toll, dass mich meine Kinder noch auf dem Platz sehen können. Des­wegen bin ich von Preston nach Don­caster gewech­selt.
 
Warum haben Sie Ihren Stamm­platz in Preston ver­loren?
Preston ver­pflich­tete mit Sam John­stone ein großes Talent aus der Jugend von Man­chester United. Der Trainer sagte, dass der Klub das machen musste, es war eine große Chance für Preston. Und letzt­end­lich muss man ehr­lich sagen: Er hatte Recht. Sam ist ein wahn­sinnig guter Keeper. Und er wider­legt das alte Kli­schee, dass alle eng­li­schen Keeper Flie­gen­fänger sind.