Die Saison 2000/2001 lief für die großen Mai­länder Klubs schlecht. Richtig schlecht. In der Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League bla­mierte Inter sich gegen die Schweden aus Hel­sing­borg und schied sen­sa­tio­nell aus, in der Europa League war im Ach­tel­fi­nale gegen Alaves Schluss. Bei Milan lief es inter­na­tional etwas besser, für die Ansprüche des Klubs aber bei weitem nicht gut genug: Man erreichte die Zwi­schen­runde der Cham­pions League, schied da glatt aus. In der Serie A ein ähn­lich trost­loses Bild: Vor dem 30. Spieltag standen Milan und Inter mit je 44 Punkten auf den Plätzen fünf und sechs. Doch all das war ver­gessen, als das Derby della Madon­nina“, das Mai­lander Stadt­duell, ange­pfiffen wurde. Es sollte ein denk­wür­diger Abend werden.

In Minute drei schlägt es das erste Mal im Inter-Tor ein. Serginho, einer von Silvio Ber­lus­conis Lieb­lingen, setzt sich auf links durch, bedient den völlig frei­ste­henden Gianni Coman­dini. Der netzt zum 1:0 ein. Nur zwölf Minuten die nächste Bude: Serginho kommt links völlig frei zum Flanken, Coman­dini steigt fünf Meter vor dem Tor am höchsten, 2:0. Das ist auch der Halb­zeit­stand.

Coman­dini traf nur in jenem Derby – nie zuvor und nie danach

Dass aus­ge­rechnet Coman­dini das Spiel so ent­schei­dend prägt, gehört zu den beson­deren Pointen dieses Derbys. Der Angreifer war vor der Saison aus Vicenza gekommen und eine ein­zige Ent­täu­schung. Er traf nur in diesem Spiel für Milan, nicht ein ein­ziges Mal davor oder danach und ver­ließ den Klub nach einem Jahr in Rich­tung Ber­gamo. Im Jahr 2006 been­dete er, gebeu­telt von Ver­let­zungen, seine Kar­riere im Alter von 29 Jahren.

Zurück ins Spiel, die zweite Halb­zeit. In der 54. Minute trifft der Nächste, der eigent­lich nie trifft. Federico Giunti schlägt einen Frei­stoß von rechts aus 30 Metern als Flanke aufs Tor. Zur großen Über­ra­schung von Inter-Tor­wart Sebas­tien Frey berührt kein Spieler den Ball, er reagiert zu spät, 3:0. Es bleibt Giuntis ein­ziger Treffer in seinen zwei Jahren bei Milan.

In der 67. Minute reicht es der Pro­mi­nenz im Milan-Sturm mit den No-names als Tor­schützen. Wieder setzt sich Serginho stark auf links durch, flankt diesmal auf den langen Pfosten. Da steht Andrej Schewt­schenko und nickt zum 4:0 ein. Einem Inter-Fan brennen schon da die Siche­rungen durch, er rennt aufs Feld und will Milan-Abwehr­spieler Ales­sandro Cos­ta­curta an den Kragen. Sicher­heits­kräfte gehen in letzter Sekunde dazwi­schen. Wer weiß, was er getan hätte, wenn er Schewt­schenkos 5:0 (78.) und Serginhos 6:0 (81.) abge­wartet hätte.

Eine Schande!“, schimpft Trainer Marco Tar­delli

Inter ringt nach der his­to­ri­schen Nie­der­lage – nur beim 1:8 1918 ver­loren die Neraz­zurri höher gegen den Lokal­ri­valen – um Fas­sung. Trainer Marco Tar­delli schimpft nach dem Spiel („eine Schande!“), Chris­tian Vieri ver­lässt das Gui­seppe-Meazza-Sta­dion wei­nend, Kapitän Javier Zanetti for­dert von seinen Kol­legen: Ent­schul­digt Euch gefäl­ligst bei den Fans.“ Die legen darauf aber keinen gestei­gerten Wert, son­dern ran­da­lieren nach der Partie in der Stadt, zünden Autos an und lie­fern sich wüste Prü­ge­leien. Die Polizei setzt Trä­nengas, sieben Men­schen werden ver­letzt, zwei müssen ins Kran­ken­haus. Ein 23-Jäh­riger wird wegen der Attacke auf einen Poli­zisten fest­ge­nommen.

Bei Milan gibt es nur strah­lende Gesichter – bis auf eines. Der deut­sche Natio­nal­stürmer Oliver Bier­hoff muss das Spiel von der Tri­büne aus mit­ver­folgen, steht nicht einmal im Kader. Diesmal war es eine tak­ti­sche Maß­nahme, mehr hat mir der Trainer nicht gesagt“, erklärt er. Es ist mehr als das, näm­lich Teil von Bier­hoffs langem Abschied in Mai­land. Nach der Saison geht er zum AS Monaco.

Die Saison gerettet hat der große Sieg Milan übri­gens nicht. Der Klub wurde Sechster, einen Platz hinter Inter. Trotzdem sind es die Milan-Fans, die an die ver­korkste Saison die bes­seren Erin­ne­rungen haben. Wegen des Derbys und der Tore von Coman­dini, Giunti, Schwet­schenko und Serginho.