Um ein außer­ge­wöhn­li­ches Phä­nomen zu ver­bild­li­chen, ver­wenden Medien gerne aber­wit­zige Ver­gleiche. Dann ist zum Bei­spiel die Rede davon, dass etwas halb so groß ist wie Russ­land, genauso teuer wie ein ganzer Südsee-Insel­staat oder fast so viel wiegt wie die chi­ne­si­sche Mauer. Und wenn ein Autor eine beson­ders lange Schaf­fens­dauer ver­an­schau­li­chen möchte, kann man etwa lesen, dass zu Beginn der Tätig­keit die Men­schen noch auf Kut­schen zur Arbeit gefahren sind oder für die geschäft­liche Kor­re­spon­denz Schreib­ma­schinen ver­wendet haben.
 
Kinder, wie die Zeit ver­geht, hört man den Autor denken. Wahn­sinn, japsen in des Schrei­bers Ohren dann die Leser.

Ver­dammt ich lieb‘ dich“

 
Auch die Geschichte des Tor­hü­ters Rogerio Ceni eignet sich für so einen Ein­stieg her­vor­ra­gend. Als der damals 17-Jäh­rige im Sep­tember 1990 zum FC Sao Paulo wech­selte, war die DFB-Elf gerade Welt­meister geworden, die Men­schen hörten noch Schall­platten, und im Radio lief Mat­thias Reims Ver­dammt ich lieb‘ dich“ in Dau­er­schleife.
 
Das Erstaun­liche an dieser Geschichte ist aller­dings: Rogerio Ceni ist so lange dabei, dass par­allel nicht nur Phä­no­mene auf­tauchten und ver­schwanden – sie kamen im Retro-Hype sogar wieder.
 
Es begann alles Ende der acht­ziger Jahre. Damals schrieb Tele San­tana, Trainer des FC Sao Paulo, einen Brief an Cenis Eltern. Ein paar Mal hatte San­tana den Jungen beob­achtet und war begeis­tert. Ceni schien ein Natur­ta­lent zu sein, schließ­lich hatte er drei Jahre zuvor nur Vol­ley­ball gespielt. Erst als sich eines Tages der Tor­hüter einer Fuß­ball-Hob­by­mann­schaft ver­letzte, stellte er sich ins Tor. Sie nannten ihn damals Mücke“, denn er war der Enkel einer Ham­bur­gerin, die diesen Nach­namen trug. Seine Eltern hatten sich für ihn eine Aus­bil­dung bei einer Bank erhofft, aber Mücke“ hielt so gut, dass er zu einem semi­pro­fes­sio­nellen Verein ins bra­si­lia­ni­sche Hin­ter­land wech­selte, nach Sinop im Bun­des­staat Mato Grosso, und dann nach Sao Paulo.
 
25 Jahre später hat Rogerio Ceni, mitt­ler­weile 42 Jahre alt, seine Kar­riere beendet. Er hat Trends kommen und gehen sehen – und blieb so lange, bis sie wieder kamen. Deutsch­land ist wieder amtie­render Welt­meister, die Schall­platte feiert ein Come­back, und sogar Mat­thias Reim will es wieder wissen.

25 Jahre, über 1200 Pflicht­spiele.
 
Ceni war nie der beste Tor­wart der Welt. Er war nicht mal die Nummer eins seines Landes, für die Selecao lief er nur 17 Mal auf. Trotzdem wurde er (ohne Ein­satz) Welt­meister 2002. Je zweimal gewann er den Welt­pokal und die Copa Libertadores. Dazwi­schen war auch viel Mit­telmaß. Aber den Fans war das egal. Schließ­lich stand er immer da, im Estádio do Morumbi, zwi­schen den Pfosten des FC Sao Paulo. Von 1990 bis 2015. In über 1200 Pflicht­spielen.
 
Kein aktu­eller Spieler aus dem One-Club-Men“-Zirkel, nicht mal Fran­cesco Totti, kommt an diese Werte heran. Und in Bra­si­lien über­holte er sogar Pelé in puncto Spiele. Ganz nebenbei hält er auch den Rekord mit den meisten geschos­senen Tor­wart-Toren. Ceni hat in seiner Kar­riere 129 Treffer erzielt, mehr als dop­pelt so viele wie Para­guays Tor­wart­le­gende José Chil­avert.