Seite 2: „Ich liebe diese Stadt“

Auch viele andere Men­schen in der Stadt, von denen fast alle einen Freund, eine Bekannte oder Ver­wandte an das Virus ver­loren haben, sehen es kri­tisch, dass wieder Fuß­ball gespielt wird. So fragt Sara Maz­zo­leni, die einen Kiosk in der Nähe des Sta­dions betreibt, im Gespräch mit DW, wie es sein kann, dass es für Pro­fi­fuß­baller Tests in Hülle und Fülle gibt“, diese aber in den Kran­ken­häu­sern fehlen“.

Wahr­schein­lich ist die Skepsis in der Stadt auch so groß, da unter Viro­logen das Cham­pions-League-Hin­spiel zwi­schen Ata­lanta und dem FC Valencia als Beschleu­niger bei der Aus­brei­tung des Virus gilt. Vor allem der Umstand, dass tau­sende Anhänger rund um die Partie von Ber­gamo nach Mai­land hin-und her­ge­reist sind, könnte sich negativ auf den Pan­de­mie­ver­lauf in der Lom­bardei aus­ge­wirkt haben.

Zusam­men­halt und viele Tore

Somit ist es nicht über­ra­schend, dass für viele Berg­a­mesci Fuß­ball der­zeit nicht das Wich­tigste ist, auch wenn die Mann­schaft von Ata­lanta unter sport­li­chen Gesichts­punkten mehr Auf­merk­sam­keit ver­dient hätte. Der über­zeu­gende Sieg gegen Sas­suolo hat mal wieder gezeigt, dass in Ber­gamo der­zeit eines der span­nendsten Pro­jekte im euro­päi­schen Spit­zen­fuß­ball statt­findet. Mit über 2,8 Toren pro Partie (ins­ge­samt: 76 Tore in 26 Spielen) stellt Ata­lanta nach den Bayern die stärkste Offen­sive der fünf großen euro­päi­schen Ligen. Auch am Mitt­woch­abend erspielte sich Ata­lanta nach einem 0:2‑Pausenrückstand noch ein 3:2 gegen die Spit­zen­mann­schaft Lazio. 

Trainer Gas­perini hat seiner Mann­schaft in knapp drei Jahren einen offen­siven Geist ein­ge­impft, der sie bisher in jedem Jahr unter seiner Regie zumin­dest in die Qua­li­fi­ka­tion zum Euro­pa­pokal geführt hat. In dieser Saison hat Ata­lanta mit dieser mutigen Spiel­weise sogar sen­sa­tio­nell das Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League erreicht. Dabei war vor allem der Zusam­men­halt des Teams ent­schei­dend, wie der deut­sche Flü­gel­spieler Robin Gosens bei DAZN fest­stellt: Wir spielen seit drei Jahren zusammen und im Gegen­satz zu anderen Teams können wir wohl behaupten: Wir sind eine Mann­schaft.“

Herz und Ver­stand

Anders als bei vielen anderen Spie­lern nimmt man Gosens diese Aus­sagen ab. Schon nach dem bis dato wich­tigsten Spiel der Ver­eins­ge­schichte in Donezk, als Ber­gamo das Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League sen­sa­tio­nell und auf den letzten Drü­cker ein­ge­tütet hatte, hätte die ganze Ata­lanta-Familie, inklu­sive Jugend­spie­lern, zusammen gefeiert. Die Spieler gönnen sich gegen­seitig den Tor­er­folg, sodass nicht nur schon fast jeder Kader-Spieler in dieser Saison getroffen hat, son­dern auch ein bul­liger Tor­jäger wie der Kolum­bianer Duvan Zapata auf die Flügel aus­weicht und Tore vor­be­reitet. Außer den für das System emi­nent wich­tigen Außen­spie­lern, die kon­se­quent defensiv und offensiv die Linie halten, haben die Spieler sehr viele Frei­heiten. So hat der kleine Papu Gómez seine sport­liche Heimat in Ber­gamo gefunden und ist eine Kon­stante im Verein. Hin­sicht­lich seiner Posi­tion agiert der Argen­ti­nier dafür sehr variabel und wech­selt sich im Spiel oft mit dem Slo­wenen Josip Ilicic auf der nomi­nellen Zeh­ner­po­si­tion ab.

Ins­ge­samt hat Trainer Gas­pierini ein System erschaffen, in dem jeder seine Auf­gaben und die Lauf­wege der anderen Spieler sehr gut kennt, wie Robin Gosens bestä­tigt. Mit­unter kann die Spiel­weise etwas unor­thodox wirken, jedoch macht dieser Umstand Ber­gamo auch sym­pa­thisch. Hinter all den tak­ti­schen Finessen des Trai­ners steckt näm­lich nicht nur viel Akribie, son­dern auch eine Menge Herz. Wer die Spiele schaut, sieht elf Spieler, die für den Verein und das Wappen auf der Brust brennen. Ata­lanta Ber­gamo, das ist im Jahr 2020 ein Verein für Fuß­ball­ro­man­tiker. Exem­pla­risch für diese Hin­gabe steht auch der Deut­sche Robin Gosens – gegen Lazio erzielte er bereits sein achtes Sai­sontor – der im Gespräch mit 11FREUNDE mit seinen Gefühle nicht hin­term Berg hält: Ich liebe diese Stadt.“

Beste Saison der Ver­eins­ge­schichte

Dieser selten gewor­dene Umstand, diese Iden­ti­fi­ka­tion mit der Stadt, könnte auch mit der tra­di­tio­nell sehr engen Ver­bin­dung zwi­schen Fans und Verein zusam­men­hängen. Auf­grund der zurück­lie­genden schreck­li­chen Wochen ist diese Ver­bin­dung etwas abge­kühlt. Der Fuß­ball hat an Bedeu­tung ver­loren. Doch je mehr Tore Ata­lanta schießt, je mehr Punkte die Mann­schaft in der ohnehin schon erfolg­reichsten Saison der Ver­eins­ge­schichte anhäuft, desto schwerer wird es den Men­schen in der Stadt fallen, ihre eigent­lich geliebten Helden zu igno­rieren. Und was, wenn Ata­lanta tat­säch­lich weiter durch die Cham­pions League stürmt?

Viel­leicht werden dann zumin­dest in den Straßen wieder blau-schwarze Fahnen geschwenkt. Und viel­leicht hallt per la curva e per la tua cittá“ – für die Kurve und für deine Stadt – auch inbrünstig durch die Gassen. Spä­tes­tens dann wäre Ber­gamo wieder Ber­gamo. Eine Stadt, die ihren Verein abgöt­tisch liebt.