Seite 2: Was nach dem Jubel bleibt

Der Jubel der Russen ist Begeis­te­rung über den ehr­li­chen Sieg, über die gleich­be­rech­tigte Teil­nahme an einem Wett­kampf der Nationen, über die inter­na­tio­nale Aner­ken­nung als Haus­herr eines wich­tigen sport­li­chen Ereig­nisses. Anders als 2014 bei Olympia in Sot­schi, wo die Kritik an dem Groß­ereignis die sport­li­chen Erfolge der Russen über­tönte, scheint sich die Welt nun größ­ten­teils mit den Russen zu freuen: Es war keine erwart­bare, mit (wie sich später her­aus­stellte) unlau­teren Mit­teln erzielte Höchst­leis­tung.

Ein Underdog hat sich und andere über­rascht. Der patrio­ti­sche Stolz hat nichts Revan­chis­ti­sches, er kommt ohne poli­ti­sche Unter­töne aus, ist nicht zum Fürchten. Er tri­um­phiert nicht. Man könnte sagen: Er ist in seiner simplen Freude sym­pa­thisch.

Die tollen Tage sind bald vorbei

Gleich­zeitig gilt: Für den Kreml hätte die WM nicht besser laufen können. Das Event war zuvor reine Chef­sache, ein gigan­ti­sches Bau­pro­jekt, das Unsummen ver­schlang, eine wei­tere Pres­ti­ge­ver­an­stal­tung. Nun aber hat die Gesell­schaft Feuer gefangen – frei­willig, ohne dass sie zum Mit­ma­chen über­redet werden musste.

Das Russ­land, das man dieser Tage erleben kann, ist grund­sym­pa­thisch, eine alter­na­tive Ver­sion seiner selbst: Es ist so, wie es auch sein könnte. Mit aus­ge­las­senen, alko­hol­ge­tränkten Ver­samm­lungen in der Öffent­lich­keit, unge­zwun­genen Treffen zwi­schen In- und Aus­län­dern, hilfs­be­reiten Poli­zisten, die nicht in eigener Sache unter­wegs sind – und ange­sichts der Bier­dosen in den Händen der Fans die Augen aus­nahms­weise zudrü­cken. Die Bürger genießen diese letzten Tage in vollen Zügen. Die Mehr­heit der Russen weiß sehr wohl, dass sie Teil eines Spek­ta­kels sind, das am 16. Juli vorbei ist.

Hoff­nung auf Ände­rung? Die Ant­wort fällt ziem­lich ein­deutig aus

Bezeich­nend ist, dass der Repres­si­ons­ap­parat auch wäh­rend der WM im Ein­satz ist. In der Teil­re­pu­blik Tsche­tsche­nien, wo sich Prä­si­dent Ramsan Kadyrow als feu­daler Gast­geber der ägyp­ti­schen Natio­nal­mann­schaft insze­nierte, hat der Gerichts­pro­zess gegen den dor­tigen Chef der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Memo­rial begonnen. Ojub Titijew wird Dro­gen­be­sitz vor­ge­worfen; er streitet die Anschul­di­gungen ab. Ähn­lich frag­würdig sind die Vor­würfe gegen einen Memo­rial-Ver­treter in Kare­lien, wo die Behörden erneut Anklage gegen Juri Dmi­trijew erhoben haben.

Ihm wird sexu­eller Miss­brauch seiner Adop­tiv­tochter vor­ge­worfen. Zuvor war er vom Vor­wurf der Kin­der­por­no­grafie frei­ge­spro­chen worden. Und in einem Gefängnis im hohen Norden führt der Ukrainer Oleg Senzow seit mehr als 50 Tagen einen Hun­ger­streik durch. Prä­si­dent Putin hat die Chance, ein Zei­chen zu setzen und Senzow zu begna­digen, nicht genutzt.

So wie der Kreml deut­lich macht, dass er keinen poli­ti­schen Libe­ra­li­sie­rungs­kurs ein­schlagen wird, so fällt auch die Ant­wort auf die Frage, ob sich in Russ­land durch die WM etwas ver­än­dert, ziem­lich ein­deutig aus: Es wäre zu hoffen, ist aber nicht anzu­nehmen.