Wir waren irgendwo zwi­schen Carl Benz Center und Por­sche-Arena, als die Masse der Fans noch einmal ihre Wir­kung ent­fal­tete. Zu meiner Linken dis­ku­tierten zwei Kibitze das eben gese­hene Spiel, vor allem den End­stand, der ja reich­lich knapp gewesen sei und über­haupt, der deut­sche Sturm zwar gut, die Abwehr aber die Schwach­stelle. Skepsis. Zur Rechten näherten sich bier­be­helmte Mitt­zwan­ziger, die Plüsch­paule kreisen ließen und dazu in groben Stro­phen von Einig­keit und Recht und Frei­heit kra­keelten. Euphorie. Zehn Meter weiter löschte ein Schnauz­bart in Leder­kutte eilig den Licht­kegel der ros­tigen Cam­pin­g­lampe, die eben noch den mit Bier­dosen, Schnaps und Ziga­retten bela­denen Tape­zier­tisch in schumm­rigen Dunst getaucht hatte. Scheele Sei­ten­blicke zum Ord­nungs­dienst. Die Angst des Heh­lers vor der Ent­tar­nung, genährt durch den laut­starken Pro­test zweier Mäd­chen mit sehr syn­the­ti­schen Haaren, end­lich die bestellten Dop­pel­körner raus­zu­geben. Anspan­nung. Und dann – schlen­derte der Ord­nungs­dienst weiter, ging die Lampe wieder an, bekamen die Mäd­chen ihre Kurzen gereicht. Ent­span­nung.

Das Spiel zwi­schen Deutsch­land und Bra­si­lien hat wieder mal bewiesen, wie wenig das Publikum bei Län­der­spielen mit den Kurven der Bun­des­liga gemein hat. Auf Ver­eins­ebene dik­tiert ein ent­spannter Trott den Spieltag. Es ist die zigste Saison, man hat alles schon gesehen, alles schon gehört, alles schon erlebt. Die Liga ist Alltag, der Regel­fall. Län­der­spiele genießen indes eine expo­nierte Stel­lung. Die zeit­li­chen Abstände zwi­schen den Spielen, die ständig wech­selnden Aus­tra­gungs­orte, die immer im Wandel begrif­fene Mann­schaft – Län­der­spiele sind Aus­nah­me­si­tua­tionen, und wie das nun mal so ist in Aus­nah­me­si­tua­tionen, ver­halten sich die Men­schen plötz­lich anders. Extremer. Dieses Ver­halten eska­liert in beide Rich­tungen. Es gibt extreme Freude, wenn die extremen Erwar­tungen erfüllt, und extreme Wut, wenn sie ent­täuscht werden. Län­der­spiele sind ein gigan­ti­sches Bor­der­line-Syn­drom. Die Stim­mung kann jeder­zeit kippen.

Zwi­schen Laola und Pfeif­kon­zert

Der gest­rige Abend in Stutt­gart hatte sogar noch mehr Fall­höhe, weil es nicht mal um Punkte ging. Die Partie war als Freund­schafts­spiel eti­ket­tiert. Das klingt harmlos. Aber Freund­schaften können auch zer­bre­chen. Das Team von Jogi Löw dik­tierte die erste Halb­zeit, zwölfmal in Serie rollte die Laola durch die Arena. In der 43. Minute rutschte dem als Rechts­ver­tei­diger auf­ge­bo­tenen Chris­tian Träsch dann gleich zweimal ein simpler Quer­pass ins Sei­tenaus. Das Publikum quit­tierte die Aktion mit gel­lendem Pfeifen. Natür­lich, Träsch ist Ex-Stutt­garter, im Sommer hat er dem Verein für Wolfs­burg den Rücken gekehrt. Grund genug für die Miss­gunst, könnte man meinen. Als er in der 45. Minute aller­dings nach mutigem Solo ein­fach mal abzog, aus mehr als zwanzig Metern, und das Tor nur knapp ver­fehlte, da bebten die Ränge. Da gab es don­nernden Applaus für den Ex-Stutt­garter und neuen Wolfs­burger.

Zwei­fellos ist die Even­ti­sie­rung von Län­der­spielen hin­läng­lich beschrieben. Das heißt aber nicht, dass man sich an sie und ihre Aus­wüchse gewöhnt hat. In Stutt­gart floh ich noch vor dem Abpfiff aus dem Sta­dion, ent­kräftet vom Emo­ti­ons­me­tronom, von den extremen Stim­mungs­schwan­kungen. Auf meinem Weg über die Beton­treppen sah ich am Eis­stand eine kleine Familie in trauter Runde, Vater, Mutter, Tochter, alle in Schal und Trikot. Ich sah den Vater seiner Tochter ein Eis kaufen, es ihr mit einem Kuss auf die Wange über­geben, die Mutter lächelte milde, die Kleine strahlte. Dann ent­glitt ihr der Stiel und das Eis matschte zu Boden. Der Vater pöbelte und schrie laut, ein Euro, futsch sei der ein­fach, das Mäd­chen weinte und die Mutter rollte mit den Augen.