Seite 2: „Hätte ich mal meine Fresse gehalten“

Die Kre­mers-Zwil­linge haben bei uns im Inter­view erzählt, dass Merkel die Spieler beschul­digte, seine Auto­reifen geklaut zu haben.
Ich war das jeden­falls nicht. (Lacht.) Später baute sich mein Mit­spieler Bernd Thiele in der Kabine auf und posaunte aus Scherz: Jungs, ich habe neue Reifen und Felgen, günstig abzu­geben, 800 Mark.“ Doch hinter ihm stand Merkel und fauchte ihn an: Was erzählst du hier, du Arsch­loch?“

Klingt nicht nach Har­monie.
Das Beste war aber die Story im Trai­nings­lager in Waren­dorf. Franz Kraut­hausen kam als Neu­zu­gang vom FC Bayern und etwas später aus dem Urlaub zurück, direkt ins Trai­nings­lager. Er war noch braun­ge­brannt, trug eine kurze weiße Hose und ein weißes Hemd. Er sah aus wie ein Bade­meister. Merkel ist zu ihm hin und fragte gespielt: Und wer sind Sie?“ – Franz Kraut­hausen, ich komme vom FC Bayern.“ Merkel sagte: Ah ja, habe ich schon mal gehört.“ Der wollte ihn direkt am ersten Tag ver­ar­schen und schickte ihn zusammen mit Stan zum Dau­er­lauf. Da hieß es dann: Hombre hat einen an der Murmel.“

Wieso Hombre“?
Stan hat Merkel immer abfällig Hombre“ genannt, weil der ja mal in Spa­nien gear­beitet hatte. Stan und Kraut­hausen haben das Hand­tuch geschmissen und sind vom Trai­nings­lager abge­hauen. Wir haben ihnen nur hin­ter­her­ge­guckt, als sie mit dem Mer­cedes vom Park­platz fuhren. Sie schmissen die Kippen in hohem Bogen aus dem Fenster und riefen uns nur zu: Tschüü-hüüs!“

Libuda war zuerst Ihr Vor­bild. Wie war es, mit ihm dann zusam­men­zu­spielen?
Er hat mich als Kon­kur­rent gesehen und mir gleich mit­ge­teilt, dass ich nie so gut werde wie er. Stan war ein unglaub­li­cher Fuß­baller, doch er war inner­halb der Mann­schaft sehr ver­schlossen. Wenn wir nach dem Spiel noch einen Sekt tranken, ist er sofort ver­schwunden.

In Ihrer Zeit auf Schalke wurden Sie zum Natio­nal­spieler. Ihr Zusam­men­spiel mit Klaus Fischer war legendär.
Ich habe als junger Spieler sehr viele Extra­schichten mit Friedel Rausch geschoben. Den Klaus habe ich immer gut getroffen, er war nicht groß, hatte aber einen sehr guten Bewe­gungs­ab­lauf.

Sie legten Fischer das Tor des Vier­tel­jahr­hun­derts auf, ein Fall­rück­zieher im Län­der­spiel gegen die Schweiz 1977.
Die Her­ein­gabe ist mir aber total ver­rutscht, sie war viel zu hoch. Schließ­lich hatte ich fünf Mann gegen mich, ich war in Bedrängnis. Und eigent­lich hätte Klaus auf den ersten Pfosten laufen müssen. Alles lief falsch, da sieht man mal, wie viel Zufall im Fuß­ball steckt.

In Ihrer Natio­nal­mann­schafts­kar­riere erlebten Sie die Schmach von Cor­doba bei der WM 1978. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an dieses Spiel?
Da hat der eine oder andere auf der fal­schen Posi­tion gespielt: Manni Kaltz lief zum ersten Mal in seinem Leben als Libero auf, Berti Vogts wuselte plötz­lich vorne rum. Der Trainer Helmut Schön hat uns zu sehr nach vorne gepeitscht. Wir hätten ein­fach viel cle­verer spielen müssen. Als ich Jahr­zehnte später Trainer in Öster­reich war, haben mich immer noch fast täg­lich Leute auf dieses beson­dere Spiel ange­spro­chen. Die waren wie ver­rückt danach.

Das Tur­nier fand im Zei­chen der argen­ti­ni­schen Mili­tär­dik­tatur statt. Wie erlebten Sie die Situa­tion?
Wir mussten als Spieler immer eine Pla­kette tragen, ohne die wir wohl ver­haftet worden wären. Ein ein­ziges Mal sind wir raus­ge­fahren. Wir saßen mit der GSG 9 im Bus, über uns kreiste ein Hub­schrauber, vor und hinter uns fuhr ein Mili­tär­auto.

Die deut­sche Stu­dentin Eli­sa­beth Käse­mann wurde vom Regime gefol­tert und ermordet. Ihr Mit­spieler Karl-Heinz Rum­me­nigge sagte in der Doku­men­ta­tion Das Mäd­chen“: Wenn die Natio­nal­mann­schaft mit dem DFB und der Politik Druck gemacht hätte, hätten man dieses Mäd­chen befreien können.“
Der DFB wusste sicher­lich mehr als wir und hätte das eine oder andere bewegen können. Doch woher hätten wir das wissen sollen? Wir waren ein­ka­ser­niert. Wir kamen von unserem Gelände so gut wie nicht weg. Günter Netzer wollte uns einmal besu­chen und hatte echte Pro­bleme, über­haupt durch­zu­kommen. Ganz ehr­lich: Wir haben von der Außen­welt nicht viel mit­be­kommen.

Ins­ge­samt liefen Sie nur 19 Mal für die Natio­nal­mann­schaft auf. Haben Sie sich durch Ihre direkte Art mehr Ein­sätze ver­baut?
Viel­leicht. Nach einem Spiel in Malta kam mein spe­zi­eller Freund“ Her­mann Neu­berger, der dama­lige DFB-Prä­si­dent, zu mir. Er sagte, ich hätte schlecht gespielt. Ich meinte nur: Sie haben doch über­haupt keine Ahnung.“ Neu­berger war total ein­ge­schnappt und ist erst zum Bun­des­trainer Helmut Schön, dann zum Ältes­tenrat gelaufen. Ich wurde abge­sägt und bestritt in der Folge nur noch zwei Län­der­spiele. Klar, wenn ich meine Fresse gehalten hätte, wäre ich locker auf 50 Län­der­spiele gekommen.