Seite 3: Endlich ein Titel für den OFC

Sicher ist: Die Partie war minu­ten­lang unter­bro­chen und stand kurz vor dem Abbruch. Schließ­lich sorgten Ordner und die Polizei gemeinsam mit den Spie­lern dafür, dass die Leute den Rasen ver­ließen. Spä­tes­tens zu diesem Zeit­punkt hatten sich die vielen neu­tralen Zuschauer auf die Seite der Kickers geschlagen und doku­men­tierten dies durch gel­lende Pfiffe. Was im Ver­lauf der Tumulte auf dem Feld vor sich ging, konnte nie genau geklärt werden. Allerlei Ver­sionen exis­tieren über den angeb­li­chen Platz­ver­weis, den Referee Schu­len­burg gegen den Offen­ba­cher Hansi Reich aus­sprach. Eine davon konnte man in der Offen­bach-Post“ vom 31. August 1970 nach­lesen: Hansi Reich hatte Schu­len­burg nach dessen Elf­me­ter­pfiff auf die 50 000 auf­merksam gemacht: Hören Sie, wie die mit Ihrer Ent­schei­dung ein­ver­standen sind!‹ ›Raus, Sie gehen raus!‘, war die Reak­tion des Schiris. Dazu Weil­bä­cher, unbe­herrscht: Der bleibt drin!‘“

Und er blieb, und das trotz Wolf­gang Over­aths Pro­testen. Weil es damals noch keine für alle sicht­bare rote Karte gab, konnte der Schieds­richter dem Spieler den Platz­ver­weis aus­schließ­lich verbal mit­teilen, was einen gewissen Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum zur Folge hatte. Zumin­dest die Elf­me­ter­ent­schei­dung blieb aber unwi­der­rufen. OFC-Keeper Volz nutzte die Gele­gen­heit, sich inmitten des Tru­bels auf die Tor­linie zu setzen und zu ent­spannen. Ich war sehr gelassen, weil ich wusste, wie Biskup schießen wird. Auch damals gab es ja schon Fern­sehen und ich hatte es in der Sport­schau immer gesehen: Er schoss alle Elfer der Kölner, und zwar immer rechts unten.“ Schließ­lich machte sich Werner Biskup auf den Weg zum Krei­de­punkt. Was pas­sieren würde, wenn er traf, konnte keiner vor­her­sagen. Poli­zisten warfen ihre Mützen in die Höhe Doch Karl-Heinz Volz machte alle Spe­ku­la­tionen zunichte. Der junge Tor­wart, der noch vor nicht allzu langer Zeit die Ersatz­bank gedrückt hatte, fischte Bis­kups Schuss mit einer exzel­lenten Parade aus dem rechten Eck. Nun pro­tes­tierten die Kölner, Volz habe sich zu früh bewegt, aber dass Schieds­richter Schu­len­burg diesen Elf­meter nicht wie­der­holen lassen würde, war ange­sichts der vor­herr­schenden Erre­gungs­zu­stände klar.

Jour­na­listen feiern in der Kabine mit

Der anschlie­ßende Jubel war unbe­schreib­lich. Poli­zisten, die eben noch das Spiel­feld abge­si­chert hatten, warfen ihre Mützen in die Höhe. Die letzten sieben Minuten ver­gingen wie im Flug, dann hatte der OFC im dritten Anlauf – nach den ver­lo­renen End­spielen um die Deut­sche Meis­ter­schaft 1950 und 1959 – end­lich einen Titel geholt. Nach der Pokal­über­gabe durch Außen­mi­nister Hans-Diet­rich Gen­scher begaben sich die freu­de­strah­lenden Roten, getrieben von ihrer erneut auf den Platz stür­menden Anhän­ger­schar, auf die Ehren­runde. Ent­gegen der heu­tigen Unsitte, für alle Fälle gerüstet zu sein, fand in der Kabine des Sie­gers eine impro­vi­sierte Feier statt. Sport­jour­na­list Erich Müller hatte das Glück, dabei zu sein: Damals war das für uns Jour­na­listen mög­lich, die Kabinen auf­zu­su­chen. Ich weiß noch, dass es erst mal keinen Sekt zum Feiern gab, ja eigent­lich gar nichts Alko­ho­li­sches. Es dau­erte eine Vier­tel­stunde, bis was da war, aber bis dahin hat sich auch keiner gelang­weilt.“ Der 1. FC Köln war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Nicht im Traum hatte man daran gedacht, dass Offen­bachs Win­fried Schäfer und nicht Wolf­gang Overath der spiel­ent­schei­dende Mit­tel­feld­stra­tege sein würde.

Auf Seiten des DFB war die Über­ra­schung über den Spiel­aus­gang jedoch am Offen­kun­digsten. Beim Ban­kett in den Maschsee-Gast­stätten“ sah die Sitz­ord­nung mit den auf den Tischen plat­zierten Wim­peln vor, dass die Kölner Elf vorne an den Sie­ger­ti­schen und die Offen­ba­cher in der zweiten Reihe erwartet wurden. Dies musste in aller Eile umgrup­piert werden, was tat­säch­lich ein paar Kölner Funk­tio­näre zum Anlass genommen haben sollen, den Saal wut­ent­brannt zu ver­lassen.

Die Kölner sind kaan Gechner meer, schickt uns Inter Mai­land her!“

Ganz im Gegen­satz zu den FC-Spie­lern, die nach alter Fuß­ball­sitte auf­standen und den Gegner ehrten: Auf den Sieger des deut­schen Pokal­end­spiels, Kickers Offen­bach, ein drei­fa­ches Hip-Hip-Hurra!“ Im Son­derzug zurück in die Heimat schwappte der­weil der Jubel über: Die Kölner sind kaan Gechner meer, schickt uns Inter Mai­land her!“ Ver­wirrt durch die eska­lie­renden Glücks­hor­mone und gut betankt, blieben manche sogar auf der Strecke, als sie bei einem unplan­mä­ßigen Zwi­schen­stopp vor Bebra den Zug ver­ließen und die Wei­ter­fahrt ver­passten, weil sie sich schon am Offen­ba­cher Haupt­bahnhof wähnten. In Offen­bach selbst war zu diesem Zeit­punkt der Ver­kehr zum Erliegen gekommen. Die Offen­bach-Post“: Vor dem Haupt­bahnhof gehörte die Kreu­zung noch lange allein den Kickers­fans. Man fei­erte die erste Begeg­nung mit den Daheim­ge­blie­benen, tanzte auf der Straße und schwenkte noch einmal den Wald der Kickers­fahnen. Auto­fahrer hatten nur dann eine Chance, durch diesen Men­schen­wall hin­durch­zu­kommen, wenn sie sich mit einem rhyth­mi­schen Hup­kon­zert als Kickers­an­hänger aus­wiesen.“

Ganz Offen­bach fei­erte ein Fuß­ball­fest, und wer hätte gedacht, dass dies für lange Zeit das letzte sein sollte? Beim Emp­fang der Mann­schaft säumten 150 000 Men­schen die rot-weiß geschmückten Straßen. Ober­bür­ger­meister Georg Diet­rich been­dete seine Ansprache mit dem Satz: Jetzt wird einer drauf­ge­macht!“ Die Mann­schaft wollte dem Stadt­ober­haupt nicht nach­stehen, auch wenn wir gar nichts mehr trinken konnten“, so Volz. Wir hatten uns am Sams­tag­abend schon etwas ver­aus­gabt, damals trank ja nie­mand Cola.“ Außer­ge­wöhn­lich war laut Volz die Ankunft am Frank­furter Flug­hafen: Nicht nur, dass dort eine Menge Leute war­teten. Dann sind wir auch noch mit diesen offenen Wagen über die Auto­bahn nach Offen­bach. Die war für den Ver­kehr Rich­tung Offen­bach kom­plett gesperrt worden. Ganz alleine auf der A 3 – eine heute sicher undenk­bare Sache.“ Ganze zweimal ist es danach noch pas­siert, dass Auto­bahnen hier­zu­lande gesperrt wurden: wäh­rend der auto­freien Sonn­tage wegen der Ölkrise 1973 sowie bei der Blo­ckade des Frank­furter Flug­ha­fens 1981, als tau­sende Men­schen den Neubau der Start­bahn West ver­hin­dern wollten. Doch das ist eine andere Geschichte.