Seite 2: „In Göttingen war das Bier alle!“

Unter den Zug­rei­senden befand sich auch Heinz Fröh­lich, der sich mit einem Freund etwas Beson­deres für den großen Tag aus­ge­dacht hatte. Weil er als gelernter Fein­täschner gut an Stoff her­ankam und sein Kumpel leid­lich zeichnen konnte, ent­warfen die beiden ein Trans­pa­rent für das Pokal­fi­nale, mit dem sie in Offen­bach stadt­be­kannt wurden. Nicht nur wegen seiner Größe, son­dern auch wegen des darauf ver­ewigten Spruchs, der in erster Linie der eigenen Mann­schaft Mut machen sollte: Wir brau­chen keinen Overath – der OFC ist so auf Draht“. An den Son­derzug kann sich Fröh­lich noch erin­nern, nicht aber an ein­zelne Zug­stopps oder ob es über­haupt Hal­te­stellen gab“. Eines zumin­dest weiß er noch immer: In Göt­tingen musste gehalten werden, weil das Bier alle war.“

Vom Bahnhof ging es – damals noch ohne großes Poli­zei­auf­gebot – gera­de­wegs ins Sta­dion. Die Han­no­ve­raner beäugten die rot-weiße, mehr­heit­lich ange­trun­kene Men­schen­menge mit einer gewissen Zurück­hal­tung, auch wenn die Jungs und Mädels mit ihren von Oma oder Mama gestrickten Schals und den eben­falls hand­ge­nähten Fahnen eher goldig aus­ge­sehen haben. Natür­lich traf man auf dem Weg auch viele selbst­be­wusste Kölner, die nur an die Sie­ges­feier danach dachten. Zoff in dem Sinn gab es damals noch nicht“, sagt Heinz Fröh­lich. Wir wollten zum Fuß­ball und nichts anderes.“ Im Sta­dion waren die Blöcke getrennt, es domi­nierte zwangs­läufig die beiden Klubs gemeine Farb­kom­bi­na­tion rot-weiß, wenn­gleich die Kölner in der Mehr­zahl waren. Schät­zungen gehen von 5000 bis 8000 Offen­ba­chern und bis zu 15 000 Köl­nern aus. Wie man es aus Offen­bach gewohnt war, sam­melte sich das Gros der OFC-Fans auf der Gegen­ge­rade in Höhe der Mit­tel­linie.

Alle einen Steh­platz“

Wir hatten alle Steh­platz“, erzählt Man­fred Kehm. Im Sta­dion konnte man sich frei bewegen. Von daher war es klar, dass wir dort stehen, wo wir auch in Offen­bach immer standen.“ Trotz des bis dahin Erreichten herrschte im Umfeld des hes­si­schen Tra­di­ti­ons­klubs zunächst Beschei­den­heit. Ver­tei­diger Seppl Weil­bä­cher gab als Ziel aus: Wir wollen nur nicht so hoch ver­lieren.“ Über eine Sieg­prämie hatte man gar nicht erst gespro­chen. Am Tag des End­spiels wurde die Elf wieder von Aki Schmidt betreut, der sich mitt­ler­weile gesund gemeldet hatte. Klu­ger­weise beschloss Schmidt, das erfolg­reiche System seines Vor­gän­gers zu über­nehmen. Das Sta­di­on­rund war erwar­tungs­froh, aber mit etwa 50 000 Zuschauern nicht aus­ver­kauft, und das, obwohl die ARD nicht live über­trug, son­dern ledig­lich Aus­schnitte in der Sport­schau“ zeigte. Die Begeg­nung erschien wegen ihres ver­meint­lich klaren Sie­gers wohl zu unat­traktiv. Viel­leicht können wir das ein wenig halten“ Schon kurz nach dem Anpfiff ver­deut­lichten die in Rot spie­lenden Offen­ba­cher ihrem in Weiß geklei­deten End­spiel­gegner, dass sie nicht nur kämpfen, son­dern auch spielen konnten. In der 25. Minute setzten die Kickers das erste Aus­ru­fe­zei­chen, als Klaus Winkler zwei Kölner Ver­tei­diger aus­tanzte – Karl-Heinz Thielen wirkte dabei für den Bruch­teil einer Sekunde wie zur Salz­säule erstarrt – und Tor­wart Man­glitz mit einem fein gezir­kelten Schuss in die lange Ecke keine Chance ließ. Im Offen­ba­cher Lager herrschte trotzdem nur ver­hal­tener Opti­mismus.

Canellas mit­ten­drin

Viel­leicht können wir das ein wenig halten“, lau­tete das vor­sich­tige Credo auf den Rängen zur Halb­zeit.  Nach dem Sei­ten­wechsel drängte die Geiß­bo­ckelf mit aller Macht auf den Aus­gleich. Doch gegen die kör­per­be­tont agie­renden Offen­ba­cher erwiesen sich ihre unge­stümen Bemü­hungen als untaug­lich. Wie an einer Gum­mi­wand prallte der Ball immer wieder zurück, und so kam es, wie es kommen musste: Die mal wieder mit Mann und Maus vor­ge­rückten Kölner ver­loren den Ball, worauf der Ex-Essener Horst Pille“ Gecks zu einem Solos­print über 60 Meter ansetzte und dem FC-Keeper ein raf­fi­niertes Schüs­s­chen ver­ste­ckelte“ („Offen­bach-Post“). Auf der Kickers-Bank sah man danach nur ein über­ein­ander fal­lendes und sprin­gendes Men­schen­knäuel, mit­ten­drin Prä­si­dent Canellas, der ent­gegen dem DFB-Pro­to­koll nicht in der Ehren­loge Platz genommen hatte.

Erst der 1:2‑Anschlusstreffer durch Hannes Löhr gab den Köl­nern Auf­trieb, und sieben Minuten vor dem Ende ging plötz­lich ein Weißer im Offen­ba­cher Straf­raum zu Boden. Einen Schwä­che­an­fall des Köl­ners Bernd Rupp („Gefallen wie später Holz im 74er End­spiel“, O‑Ton Volz) inter­pre­tierte der Unpar­tei­ische als Regel­wid­rig­keit und zeigte auf den Elf­me­ter­punkt. Wilde Pro­teste der Kickers-Akteure, und auch auf den Rängen sorgte die Ent­schei­dung von Schieds­richter Schu­len­burg für Tumulte. Ein großer, far­biger Hüne drosch den Ball vom Elf­me­ter­punkt“, erin­nert sich Volz. Den habe ich dann noch beru­higt.“ Volz meint, mehr­heit­lich Zuschauer aus Han­nover aus­ge­macht zu haben, die den all­ge­meinen Unmut zum Anlass nahmen, mit einem Platz­sturm ihr Müt­chen zu kühlen. Die Fans selbst sehen das etwas anders, nament­lich Fröh­lich und Kehm, die aller­dings auf ihren Plätzen blieben. Das waren Offen­ba­cher“, sagt Kehm. Ich glaube, der Große, der den Ball vom Elfer kickte, war einer aus der OFC-Box­ab­tei­lung.“