Seite 3: „Meine Mädchen wehren sich jetzt gegen Beschneidungen“

Dachten Sie zu diesem Zeit­punkt ans Auf­geben?
Ich war ver­zwei­felt, aber ich wusste immer, dass ich es wieder gut­ma­chen muss. Ich musste die Mäd­chen irgendwie zurück­holen. Ich beschloss, mit den Ehe­män­nern meiner ver­lo­renen Spie­le­rinnen zu spre­chen. Für viele war das jewei­lige Mäd­chen schon die dritte oder vierte Frau. Immerhin über­re­dete ich die Männer dazu, die Mäd­chen zurück in die Schule zu schi­cken. Nicht jedoch zurück zum Fuß­ball, keine Chance. Da hatte ich mein größtes per­sön­li­ches Tief und dachte: Viel­leicht sind wir doch noch nicht weit genug für Mäd­chen­fuß­ball.

Wie haben Sie doch noch die Kehrt­wende geschafft?
Eines Tages sprach ich mit einem ört­li­chen Imam, zu dem ich Ver­trauen auf­ge­baut hatte. Ich erklärte ihm, dass wir alle von Fuß­ball­spie­lenden und somit selbst­be­wuss­teren Mäd­chen pro­fi­tieren könnten. Er war skep­tisch. Das ginge nur mit Kopf­tuch. Ich sagte: Klar, wir spielen die ganze Zeit schon mit Kopf­tuch. Ich zeigte ihm Fotos. Er ver­langte aber auch lange Gewänder über den kurzen Hosen. Ich ver­sprach es ihm. Dann ver­such es“, sagte er. Er würde mich unter­stützen. Als nächstes redete ich mit den Müt­tern einiger Mäd­chen. Ich erklärte ihnen, was ich vor­hatte und fragte: Was wollt ihr für eure Töchter? Wollt ihr eine unab­hän­gige Zukunft für sie? Drei Mütter konnte ich über­zeugen. Sie brachten ihre Töchter am nächsten Tag zum Trai­nings­platz. Die Mann­schaft wuchs.

Spielten Sie auch selbst mit?
Ja, ich spielte mit und das machte einen großen Unter­schied. Die Mütter sahen mich als Vor­bild für ihre Töchter. In der Hoff­nung, dass die Mäd­chen auch besser in der Schule werden würden, über­zeugten sie irgend­wann auch die Väter.

Das war 2009. Wo stehen Sie und Ihre Orga­ni­sa­tion HODI (Horn of Africa Deve­lo­p­ment Initia­tive) heute?
Gegen­wärtig betreuen wir in der gesamten Region um Mars­abit herum 348 Jugend­mann­schaften. 50 davon sind Mäd­chen­mann­schaften. Auf meinem Hei­mat­platz spielen mitt­ler­weile mehr Mäd­chen als Jungs. Sie spielen in kurzen Hosen. Und gehen sogar in kurzen Hosen zum Trai­ning. Das Selbst­ver­trauen der Mäd­chen ist enorm gewachsen.

Woran machen Sie das fest?
Wir setzen all unseren Spie­le­rinnen Ziele, die sie in der Schule errei­chen sollen. Wir spre­chen mit den Mäd­chen und Eltern auch über Beschnei­dung, eines der größten Tabu­themen in unserer Gesell­schaft. Jedes Mäd­chen in Mars­abit muss beschnitten werden. Wir haben es geschafft, dass mitt­ler­weile zwölf Mäd­chen diesem Schicksal ent­gehen konnten. Viele meiner Mäd­chen haben mitt­ler­weile das Selbst­be­wusst­sein, sich zu Hause zu wehren und sich vor ihren Eltern für ihre Rechte ein­zu­setzen. Mit zwölf Schulen arbeiten wir seit drei Jahren zusammen, 1044 Mäd­chen haben wir betreut. Keines von ihnen hat die Schule abge­bro­chen, keine ist schwanger geworden. Eine unserer Mann­schaften hat es sogar zu einem natio­nalen Tur­nier geschafft. Das zeigt also: Fuß­ball ist eine Lösung.

Sie waren die erste Frau in Nord­kenia, die Jura stu­dierte. Hat Ihnen Ihr Beruf als Anwältin bei Ihren Pro­jekten geholfen?
Nicht direkt, aber es gibt Par­al­lelen zwi­schen den beiden Jobs: Als Anwältin war ich die Stimme für meine Man­danten. Doch ich brauchte einen Fuß­ball­platz, um mein State­ment zu machen. Zu zeigen, dass Mäd­chen es schaffen können. Wenn ich eine Man­dantin, die gegen ihren Willen ver­hei­ratet worden war, ver­trat, war das Ver­bre­chen ja schon geschehen. Aber die Frage ist doch: Was können wir tun, damit die Zwangs­ver­hei­ra­tung gar nicht erst pas­siert? Fuß­ball gab mir und den anderen Mäd­chen diese Mög­lich­keit.

Gibt es einen Fuß­ball­spieler, der Sie selbst inspi­riert hat?
Zine­dine Zidane. Er war so ein groß­ar­tiger Spieler, ein Fein­geist auf dem Platz. Ich liebte es, ihm zuzu­sehen. Bis er in seinem letzten Spiel diese rote Karte bekommen hat. Ich war der­maßen ent­täuscht. Aber ich dachte mir auch: Er hatte nie die Chance, dieses Ver­gehen zu revi­dieren. Und da kam mir der Gedanke: Viel­leicht müssen wir Gewalt nicht bestrafen, son­dern Fair­play belohnen. Das inspi­rierte mich zur Ein­füh­rung der grünen und weißen Karten.