Seite 2: „Ok, dann schlag mich!“

Was hat es damit auf sich?
Fast jeder der jungen Männer dort hatte eine Waffe, die er von den Älteren bekommen hatte, um Leute aus anderen Stämmen zu töten. Oft brachten sie die Waffen mit zum Trai­ning. Einmal ent­si­cherte einer im Streit um ein Tor seine Waffe und zielte auf einen anderen. In dem Moment wusste ich nicht, was ich tun sollte. Mir war klar: Schießt er, dann stirbt jemand. Ich ver­suchte ihn zu beru­higen: Wenn du schießt, ver­lieren wir nicht nur ein Leben. Dann ver­lieren wir alles, auch den Fuß­ball. Lass uns ver­han­deln, lass uns reden.“ Fortan trafen wir uns in der Halb­zeit der Spiele und dis­ku­tierten mit beiden Mann­schaften strit­tige Situa­tionen. Ich mode­rierte diese Gespräche. Und das war der Start unseres gewalt­freien Pro­gramms.
 
Warum haben die Männer aus­ge­rechnet Sie respek­tiert?
Das kann ich immer noch nicht genau sagen. Ich war ein­fach zum rich­tigen Moment am rich­tigen Ort. Ich habe nie meine Hand gehoben. Wenn jemand mich schlagen wollte, sagte ich: Ok, schlag mich!“ Aber nie­mand tat es, obwohl sie wütend waren. Dann ent­schul­digten sie sich und ich akzep­tierte das sofort. Aus meinen Aktionen heraus ent­stand eine kleine Bewe­gung. Es gab Zeiten da kämpften Stämme gegen­ein­ander, aber die Kinder der­selben Stämme spielten auf dem Platz fried­lich mit­ein­ander. Auch wenn draußen Men­schen getötet wurden, spielten wir weiter.

Welche wei­teren Regeln auße haben Sie noch eta­bliert?
Wir haben die grüne und die weiße Karte ein­ge­führt, für die man nach dem Spiel soge­nannte Peace Point erhälts“. Die grüne Karte bekommt ein Spieler für faire Aktionen wäh­rend des Spiels, die weiße Karte wird am Ende vom Schieds­richter an das gesamte Team ver­geben, wenn kein Spieler sich unfair ver­halten hat. Das galt auch für das Ver­halten außer­halb des Spiel­feldes: Wenn einer aus der Mann­schaft draußen in eine Schlä­gerei ver­wi­ckelt war, konnte die ganze Mann­schaft keine weiße Karte bekommen. Das hat vielen gezeigt, dass man nur als Mann­schaft gemeinsam stark ist. Man konnte drei Tore schießen, aber wenn man nicht genug Peace Points“ hatte, konnte man keinen Pokal gewinnen. Mitt­ler­weile ist die Her­kunft aus unter­schied­li­chen Stämmen kein Pro­blem mehr inner­halb der Mann­schaften.

Wie haben Sie dann die Mäd­chen ins Spiel gebracht?
2008 fühlte ich mich selbst­be­wusst genug, ein­zu­for­dern, dass auch Mäd­chen mit­spielen sollten. Und wieder hieß es: Das ist gegen unsere kul­tu­rellen Regeln. Zu dem Zeit­punkt hatte ich aber schon zwölf Mäd­chen zusammen getrom­melt, die unbe­dingt spielen wollten. Ich nahm sie ein­fach mit auf den Platz. Das führte zu vielen Dis­kus­sionen und Streit, vor allem mit den Eltern. Ein Vater schlug mich, mitten auf dem Fuß­ball­feld. Er schrie mich an: Warum bringst du meine Tochter dazu, ihre Beine zu heben?“ Und ich sagte nur: Dein Ver­halten ist genau der Grund dafür, warum ich das tue.“

Hatten Sie in diesen Momenten Angst?
Nein, aber Respekt. Ich wusste: Diesmal waren alle gegen mich: Die Stam­mes­äl­testen, die Eltern der Mäd­chen und sogar meine Jungs, die mich mitt­ler­weile respek­tierten. Trotzdem orga­ni­sierte ich Spiele für die Mäd­chen, einmal fuhren wir sogar 600 Kilo­meter nach Nai­robi und ver­loren dort gegen eine andere Mäd­chen­mann­schaft 0:8. Einige Eltern waren sehr erbost über die Fahrt. Sie nahmen ihre Mäd­chen aus dem Team. Ich verlor sieben Spie­le­rinnen, alle zwölf oder 13 Jahre alt. Sie wurden ver­hei­ratet. Und gingen dadurch auch nicht mehr zur Schule. Ich machte mir selbst große Vor­würfe.