Die Fuß­ball-Welt schaut wieder einmal nach Nürn­berg und schüt­telt den Kopf. Abstieg, kom­plette Kader­um­wäl­zung, ver­patzter Sai­son­start, Auf­sichts­rats­rück­tritte, Fan­pro­teste – da war er also wieder, der Club“, wie man ihn von früher kannte und schon fast ver­gessen glaubte, spä­tes­tens seit der Regie Bader/​Hecking.

Eine sport­liche Krise nach einem Abstieg mit per­so­nellem Umbruch und ent­spre­chenden Anlauf­schwie­rig­keiten – das wäre nüch­tern betrachtet die nahe­lie­gendste Erklä­rung, doch Teile des Umfelds wollen sich damit nicht mehr zufrieden geben und so erwächst aus der sport­li­chen Krise die struk­tu­relle Ver­eins­krise. Um das alles wirk­lich zu ver­stehen, was am Nürn­berger Valz­ner­weiher in diesen Tagen pas­siert, benö­tigt es einen Grund­kurs Ver­eins­struktur. Der Club ist, im Gegen­satz zu den meisten anderen Ver­einen im Pro­fi­ge­schäft, wei­terhin als klas­si­scher e.V.“ orga­ni­siert.

Es geht um fünf Posten im Auf­sichtsrat

Das bedeutet, dass das zen­trale Ent­schei­dungs­organ des Ver­eins die Mit­glie­der­ver­samm­lung ist. Das wie­derum heißt, dass alle im Verein Ver­ant­wort­li­chen sich (min­des­tens) einmal im Jahr den Mit­glie­dern erklären (müssen). Gleich­zeitig wählen die Ver­eins­mit­glieder einen neun­köp­figen Auf­sichtsrat des FCN und jener Auf­sichtsrat ist wie­derum dafür zuständig die Vor­stände des Ver­eins per­so­nell zu besetzen. Aber nicht nur das: Er geneh­migt auch die Ver­träge für Spieler und Trainer. Was es nicht bedeutet: Die Mit­glieder können den Vor­stand weder direkt wählen noch abwählen. Sie können die per­so­nelle Beset­zung also nur indi­rekt beein­flussen, idea­ler­weise getrieben von deren fach­li­chen Kom­pe­tenzen – manchmal aber auch schlicht danach, ob sie gerade für oder gegen die han­delnden Vor­stände sind. So ist das eben mit der Demo­kratie, die Pro­test­wähler.

Diese kom­pli­zierte Kon­struk­tion ist Teil der momen­tanen Unruhe. Denn just am Dienstag steht eine jener großen Mit­glie­der­ver­samm­lungen an, die über Wohl und Wehe des Ver­eins ent­scheiden können. Meist sind diese Ver­samm­lungen eher dröge und lang­atmig, doch diesmal ist Bri­sanz in der Sache, denn gleich fünf Posi­tionen im Auf­sichtsrat sind vakant. Es bedeutet, dass theo­re­tisch eine geord­nete Frak­tion mit einer ein­zigen Wahl die Mehr­heit im Auf­sichtsrat über­nehmen könnte und so den ganzen Verein auf den Kopf stellen kann.

Der Show­down – die Chance der Oppo­si­tion

Nor­ma­ler­weise ver­hin­dert die Sat­zung eine solche kon­zer­tierte Block­bil­dung, getragen von dem Momentum der Stunde und ein­her­ge­henden Revo­luz­zer­geist, dadurch, dass nur drei Posten pro Ver­samm­lung neu besetzt werden. Dieser Schutz­me­cha­nismus ver­sagt diesmal aber, zwei Rück­tritte kurz vor der Ver­samm­lung machen den Rahmen größer und so ist der Show­down für die Ver­samm­lung eröffnet, die Oppo­si­tion wit­tert ihre große Chance.

Es sind die beiden Rück­tritte der Auf­sichts­räte Schamel und Müller vom 26.08.2014, die – ob gewollt oder unfrei­willig (zumin­dest im Falle Müller) – einen Pro­zess in Gang setzten. Bis zu diesem Zeit­punkt konnte nur eine Revo­lu­tion von Innen kommen, nun ist sie kraft anste­hender AR-Wahl von Außen mög­lich – ein Fest für jeden Poli­tiker, Popu­listen und Spin Doctor. Ange­führt wird die Gruppe der Oppo­si­tion, die sich Pro Club 2020“ nennt, von Hanns-Thomas Schamel. Der Unter­nehmer, phä­no­ty­pisch vom Schlage Mario Adorf, wird von der Lokal­presse gern als Meer­ret­tich-Baron oder Kren-König bezeichnet. Er passt also inso­weit ideal in die Reihe Nürn­berger Größen wie Tep­pich­könig Roth oder Bau­löwe Schmelzer.

Der Meer­ret­tich-Baron

Schamel hatte sich einst mit einer pathe­ti­schen Rede einen Platz im Auf­sichtsrat gesi­chert, diesen nun aber aus eigenen Stü­cken ver­lassen mit der Begrün­dung, nicht mehr mit dem jet­zigen Vor­stand und Auf­sichtsrat zusam­men­ar­beiten zu können. Am Vor­abend seines Rück­tritts hatte sein Miss­trau­ens­an­trag gegen Sport­vor­stand Martin Bader keinen Erfolg gehabt. Ein­ziger Unter­stützer dieses Antrags im Auf­sichtsrat war der frü­here Radio­re­porter Gün­ther Koch.

Nur wenige Tage nach seinem Rück­tritt nahm Schamel zwar nicht den Rück­tritt vom Rück­tritt, aber doch eine Kehrt­wende und ver­kün­dete die erneute Kan­di­datur für den Posten, den er gerade eben noch bereit­willig aufgab. Es liegt nahe, dass Schamel die Gunst der Stunde nutzt und sich mit einem Team von Unter­stüt­zern neu posi­tio­niert, um im Auf­sichtsrat nun eine Mehr­heit zu erlangen. Der Rück­tritt ver­schaffte ihm dabei eine sicher nicht uner­wünschte mediale Auf­merk­sam­keit und ent­le­digte zugleich läs­tige Ver­pflich­tungen gegen­über dem Verein, die sich aus dem AR-Mandat ergaben. Wel­ches Kon­zept kon­kret hinter Pro Club 2020“ steht, ließ Schamel aller­dings bisher weit­ge­hend offen und setzt auf die große Bühne JHV, dort werde er sein Kon­zept exklusiv dem großen Publikum vor­stellen, so heißt es.

Zu radikal will Schamel aller­dings nicht wirken, auch eine Zusam­men­ar­beit mit Bader schließt Schamel vor­sorg­lich nicht aus.