Gut ein Jahr ist es her, da lag die Welt von River Plate buch­stäb­lich in Trüm­mern. Voller Hoff­nung waren damals knapp 50.000 Anhänger ins Sta­dion El Monu­mental“ in Buenos Aires gepil­gert. Es galt, ein 0:2 aus dem Hin­spiel in der Rele­ga­tion gegen Zweit­li­gist CA Bel­grano aus Cor­doba wett­zu­ma­chen. Das Vor­haben miss­lang. Am Ende hieß es 1:1. Der erste Abstieg des stolzen Rekord­meis­ters aus Argen­ti­niens Eli­te­klasse war besie­gelt. 

Nicht nur sport­lich ging jener 26. Juni 2011 als schwär­zester Tag in die Klub­ge­schichte ein. Auch ob der Kra­walle nach dem Schluss­pfiff. Als das Unvor­stell­bare zur Gewiss­heit geworden war, eska­lierte die Gewalt. Die ruhm­reiche Spiel­stätte im noblen Wohn­viertel Nuñez ver­wan­delte sich in ein Toll­haus. Auf den Rängen ran­da­lierten River-Fana­tiker hem­mungslos, selbst in den Kata­komben gingen rei­hen­weise Glas­scheiben zu Bruch.

Auch vor den Sta­di­on­toren ließ der ent­fes­selte Mob eine Spur der Ver­wüs­tung hinter sich: Müll­eimer brannten, Autos wurden demo­liert und Geschäften zer­trüm­mert. Die Nach­bar­schaft glich einem Schlacht­feld. Die Bilanz der Aus­schrei­tungen: Dut­zende Ver­letzte und rund 50 Fest­nahmen. Zeit­gleich gingen am anderen Ende der Stadt die Sym­pa­thi­santen der Boca Juniors auf die Straße und fei­erten die sport­liche Schmach des Erz­ri­valen.

Ein Jahr mussten die Fans in Argen­ti­nien auf jene Duelle ver­zichten, die ein ganzes Land für 90 Minuten para­ly­sieren. Am kom­menden Sonntag gibt es ihn nun end­lich wieder: den legen­dären Super­clá­sico“ zwi­schen River und Boca.

Die Bot­schaft der Fans: Koste es, was es wolle!“

Obgleich der Partie von jeher aus Pres­ti­ge­gründen jede Menge Bri­sanz inne­wohnt, ist der Druck auf beide Teams diesmal noch um einiges größer. Beide Seiten, allen voran die Trainer, benö­tigen einen Sieg drin­gender denn je. Weniger um Titel­am­bi­tionen zu unter­mauen, denn um für Ruhe im eigenen, immer unru­higer wer­denden Umfeld zu sorgen.

Den Spie­lern von Boca dürften die Gesänge vom ver­gan­genen Spieltag noch immer war­nend in den Ohren klingen. Nach dem tristen tor­losen Remis daheim gegen Estu­di­antes hatten die Fans in der Bom­bonera“ ihren Lieb­linge laut­stark fol­gende Bot­schaft mit in Kabine geschickt: Am Sonntag: Koste es, was es wolle!“ Gegen River zählt nur ein Sieg.

Die Erfolge der abge­lau­fenen Saison, als die Elf von Trainer Julio Fal­cioni die wie­der­ein­ge­führte Copa Argen­tina“ gewann und in der Copa Libertadores“, dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Pen­dant zur Cham­pions League, bis ins Finale mar­schiert war, sind ver­blasst. In der hei­mi­schen Liga läuft es seit dem Gewinn der Aper­tura 2011 nicht mehr. Als Titel­ver­tei­diger belegte Boca zuletzt nur Rang vier.

Boca ist wun­der­schön, schlaucht aber unheim­lich.“

Die aktu­elle Meis­ter­schaft Fal­cionis wartet seit nun­mehr vier Spielen auf einen Tri­umph. Der Rück­stand auf Spit­zen­reiter Newell’s Old Boy beträgt der­zeit fünf Punkte. Bei noch acht aus­ste­henden Begeg­nungen ist rech­ne­risch zwar noch alles offen. Doch die zuletzt gezeigten Leis­tungen geben wenig Anlass zum Träumen. Fal­cioni hat die wach­sende Unzu­frie­den­heit regis­triert: Boca ist wun­der­schön, schlaucht aber unheim­lich.“ Eine Nie­der­lage in Nuñez und er dürfte seinen Platz wohl zeitnah räumen müssen, auch wenn Boca-Prä­si­dent Daniel Ange­lici betont: Fal­cionis Zukunft steht am Sonntag nicht auf dem Spiel.“

Boca befindet sich im Umbruch. Zu Sai­son­be­ginn hatte Roman Riquelme den Klub geräusch­voll ver­lassen. Offi­ziell begrün­dete der Super­star die Bitte um Auf­lö­sung seines Ver­trages damit, dass er sich aus­ge­brannt fühle, und eine neue Her­aus­for­de­rung brauche. Doch war es ein offenes Geheimnis, dass der ebenso geniale wie lau­ni­sche Spiel­ma­cher den Spaß am etwas phan­ta­sie­losen Kon­zept des kau­zigen Defen­siv­stra­te­gens Fal­cioni ver­loren hatte.

Nach Martin Palermo war Boca damit inner­halb von einem Jahr die zweite Klub­le­gende und Kor­sett­stange von Bord gegangen. Der Ver­lust von Tor­jäger Palermo, mit dem sich Riquelme nie grün gewesen war, konnte noch kom­pen­siert werden. Befreit von seinem Intim­feind bril­lierte Riquelme und führte Boca zu zwei Titeln und in ein Finale der Copa Libertadores. Doch ohne die Ideen des Mit­tel­feld­re­gis­seurs lahmt nun das Spiel der Blau-Gelben.

Bei River ist nach dem kurz­zei­tigen Stim­mungs­hoch dank zwei auf­ein­an­der­fol­gender Kan­ter­siege nach der jüngsten 0:1‑Pleite in Quilmes auch wieder Ernüch­te­rung ein­ge­kehrt. Die Zwi­schen­bi­lanz nach dem Wie­der­auf­stieg ist mit­tel­mäßig. Erst vier Siege stehen aus elf Par­tien zu Buche. Mit 15 Punkten belegt die Elf von Trainer Matías Almeyda momentan Rang neun. Zu wenig für die hohen Ansprüche der Mil­lio­na­rios“, die ange­sichts der glor­rei­chen Klub­his­torie kein gewöhn­li­cher Auf­steiger sind.

Rau­schende Fuß­ball­shows hat das Monu­mental schon lange nicht mehr erlebt. Einst die Bühne von Ball­vir­tuosen wie Alfredo di Ste­fano, Mario Kempes oder Enzo Fran­ces­coli, sorgen die dort gezeigten Dar­bie­tungen der jüngsten Ver­gan­gen­heit eher für Pfiffe beim ver­wöhnten Publikum.

Tre­ze­guet traf bis­lang nur einmal

Am meisten Glanz in Rivers fra­gilem Ensemble ver­sprüht David Tre­ze­guet. Der­zeit jedoch auch eher ob seines großen Namens. Zuletzt plagte den Ex-Welt­meister eine Blessur am Knie. Die Zwangs­pause nutzte dieser für einen Abste­cher nach Frank­reich, um pri­vate Dinge zu erle­digen. Gleich­zeitig ließ er sich bei seinem ehe­ma­ligen Klub Monaco behan­deln und wird nun pünkt­lich zum Super­clá­sico“ ein­satz­be­reit in Buenos Aires zurück­er­wartet.

Mit seinen 13 Tref­fern hatte der gebür­tige Argen­ti­nier, der inter­na­tional aller­dings für Frank­reich aktiv war, maß­geb­li­chen Anteil an Rivers post­wen­dender Rück­kehr ins Ober­haus. Dort war er bis­lang jedoch erst einmal erfolg­reich.

Mit seinen 35 Jahren hat Tre­ze­guet noch hohe Ziele. Ich würde gern mein 300. Tor als Profi erzielen, mög­lichst im Trikot von River.“ Momentan ist Tre­ze­guet bei 293 Tref­fern ange­langt. Für sein Kar­rie­re­ende hat er noch einen Wunsch: Wenn ich noch einen Meis­ter­titel holen könnte, dieses Mal als Kapitän, dann wäre das ein idealer Abschluss.“
Ob Tre­ze­guet jedoch auch über Sai­son­ende hinaus das Trikot von River Plate tragen wird, scheint frag­lich. Zuletzt hatten dessen Äuße­rungen für Spe­ku­la­tionen um einen mög­li­chen Abschied gesorgt. Zwar fühle er sich in der Stadt seiner Jugend sehr wohl, betonte der Sohn eines Argen­ti­niers. Seine Familie sei jedoch weit weg im fernen Frank­reich. Im Dezember werde ich in Ruhe sehen, was das Beste für den Verein und für mich per­sön­lich ist“, sagte Tre­ze­guet.

Eine acht Kilo­meter lange Fahne

Die Begeis­te­rung der River-Fans für ihren Klub hat der­weil auch wäh­rend der ein­jäh­rigen Zweit­klas­sig­keit nicht gelitten. Am 8. Oktober strömten knapp 100.000 Men­schen auf die Straßen von Buenos Aires und fei­erten das welt­weit längste Banner eines Fuß­ball­ver­eins.

Rund 24.000 Hände waren nötig, um die etwa acht Kilo­meter lange Fahne in den Straßen der argen­ti­ni­schen Haupt­stadt aus­zu­rollen. Die Sehn­sucht, die Demü­ti­gung des Abstiegs mit einem sym­bol­träch­tigen Sieg im ersten Super­clá­sico“ nach der Rück­kehr in die Pri­mera Divi­sion Argen­ti­niens zu tilgen, ist riesig.

Auch für River-Trainer Almeyda hätten drei Punkte einen beson­ders süßen Bei­geschmack. Im letzten Kräf­te­messen mit Boca stand er noch als Spieler auf dem Feld. Beim 0:2 in der Bom­bonera wurde Almeyda vom Platz gestellt und geriet auf dem Gang in die Kabine mit einem Poli­zisten anein­ander.