Die schönsten Schmie­ren­ko­mö­dien schreibt immer noch die Fifa. In der aktu­ellen Auf­füh­rung geben sich der Clan der Bra­si­lianer“ und Joseph Blatter in seiner Rolle als nur anschei­nend mys­te­riöser P1“ die Ehre. In den Haupt­rollen ver­treten sind Joao Have­lange, lang­jäh­riger Über­vater des Fuß­ball­welt­ver­bandes, und Ricardo Tei­xeira, lang­jäh­riger Prä­si­dent des bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes und lang­jäh­riges Mit­glied im Fifa-Exe­ku­tiv­ko­mitee. Jahr­zehn­te­lang domi­nierten diese beiden den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­ver­band, Tei­xeira hei­ra­tete Have­langes ein­zige Tochter Lucia, machte als Ver­bands­chef Ver­träge mit sich selbst und setzte sämt­liche Fami­li­en­mit­glieder auf Füh­rungs­po­si­tionen des Ver­bandes.

Um die beiden näher ken­nen­zu­lernen, genügen zwei Zitate:

2014 kann ich jede erdenk­liche Bos­haf­tig­keit begehen. Und wisst ihr, was pas­siert? Nichts.“ (Tei­xeira)
Der Papst oder die Regie­rungs­chefs haben ihre Macht, ich habe meine. Ich habe die Macht über den Fuß­ball, die nun einmal alles über­ragt.“ (Have­lange)

Erster Akt: Die Ver­mark­tungs­agentur ISL wurde 1982 von Horst Das­sler gegründet und wenig später zur Haus­agentur der Fifa. Sie erwarb die TV-Rechte, bei­spiels­weise jene für die Welt­meis­ter­schaften 2002 und 2006 für 2,8 Mil­li­arden Schweizer Franken. Einen nicht uner­heb­li­chen Vor­teil in der Gunst der Fifa-Funk­tio­näre ver­schaffte sich die ISL wohl durch Zah­lungen in die Pri­vat­scha­tulle der Fifa-Funk­tio­näre. Gerichts­fest waren bis­lang 140 Mil­lionen Schweizer Franken, die zwi­schen 1989 und 1998 auf diesem Weg flossen.

Die Ein­stel­lungs­ver­fü­gung aus der Schweiz, die am Mitt­woch bekannt wurde, kor­ri­gierte den Wert um 20 Mil­lionen – nach oben. Das muss nicht das Ende der Fah­nen­stange sein. Ricardo Tei­xeira soll nach neu­esten Erkennt­nissen mehr als zwölf Mil­lionen Schweizer Franken von der ISL über­wiesen bekommen haben. Auch das muss nicht das Ende der Fah­nen­stange sein. Zum ersten Akt der Schmie­ren­ko­mödie gehört aber, dass die Bestechung von Pri­vat­per­sonen im besagten Zeit­raum in der Schweiz nicht strafbar war. P1“ wird darauf noch später ein­gehen.

Zweiter Akt: Um die Zah­lungen nicht ganz so offen­sicht­lich vor­zu­nehmen, soll die ISL die Gelder über Stif­tungen wie die Nunca“ in Liech­ten­stein oder Sunbow S.A.“ auf den Bri­ti­schen Jung­fern­in­seln an die Funk­tio­näre über­wiesen haben. Die hatten sich ihrer­seits einige Tarn­firmen zuge­legt, die Sanud“ in Liech­ten­stein oder die Ren­ford Ltd.“ – letz­tere angeb­lich eine Trans­port­firma, wie Tei­xeira und Have­lange es aus­drü­cken. Dum­mer­weise lan­dete eine Zah­lung in Höhe von einer Mil­lion Schweizer Franken nicht bei Have­lange, son­dern auf einem Fifa-Konto. Jemand vom Welt­ver­band erklärte sich aber freund­li­cher­weise bereit, die Summe an Have­lange wei­ter­zu­leiten.

Inter­es­sant hierzu ist der Punkt 6.6 in der Ein­stel­lungs­ver­fü­gung, die am Mitt­woch bekannt wurde:

Nicht in Frage gestellt werden kann die Fest­stel­lung, dass die Fifa Kenntnis von Schmier­geld­zah­lungen an Per­sonen ihrer Organe hatte. Einer­seits schon dadurch, dass ver­schie­dene Mit­glieder des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees Gelder erhalten hatten und zudem unter anderem vom ehe­ma­ligen Finanz­chef der Fifa als Zeuge bestä­tigt wurde, dass eine für Joao Have­lange bestimmte Zah­lung der Gesell­schaft 1 über CHF 1’000’000.00 irr­tüm­li­cher­weise direkt auf einem FIFA Konto ein­ge­gangen sei, wovon nicht nur er, son­dern unter anderem auch P1 Kenntnis gehabt hätten.“

P1? Ja, das bin ich“, erklärte Joseph Blatter am Don­nerstag. Blatter wusste also von den Schmier­geld­zah­lungen – was ihn nicht weiter beun­ru­higte. Er nennt sie Pro­vi­sionen“.

Dritter Akt:  2001 ging die ISL pleite, womög­lich machten sich die teuren Pro­vi­sionen“ dann doch in der Brief­ta­sche bemerkbar. Die Fifa ver­misste aber noch 50 Mil­lionen Dollar auf ihrem Konto, die die ISL über­weisen sollte. Der Welt­ver­band stellte Straf­an­zeige, verlor nach den ersten Ermitt­lungen aber über­ra­schend die Lust an der Straf­ver­fol­gung. Aus gutem Grund.

Der Kon­kurs­ver­walter der ISL war auf den Trichter gekommen, wie der Clan der Bra­si­lianer“ jah­re­lang die Hand auf­ge­halten hatte. Die Fifa reagierte auf ihre Art: Es flossen 2,5 Mil­lionen Franken Schwei­ge­geld, sodass die Namen der Geld­emp­fänger, Have­lange und Tei­xeira, anonym blieben – das war 2004.

Neben den 2,5 Mil­lionen kamen dann 2010 noch einmal 5,5 Mil­lionen hinzu – als Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lung in die Jus­tiz­kasse. So unter­band die Fifa erneut, dass die Ein­stel­lungs­ver­fü­gung der Justiz publik wurde, sprich die Namen der Geld­emp­fänger ver­öf­fent­licht werden. Zum dritten Akt der Schmie­ren­ko­mödie gehört aber, dass die Fifa und Joseph Blatter ankün­digten, die Ein­stel­lungs­ver­fü­gung selbst zu ver­öf­fent­li­chen. Genau das, was sie vorher mit aller Macht (juris­tisch) ver­hin­dert hatte.

Vierter Akt: Der Ankün­di­gung folgten keine Taten, die Fifa schwieg. Es war das Ver­dienst von Jean-Fran­cois Tanda von der Züri­cher Han­dels­zei­tung und Jour­na­listen der BBC, die sich für die Ver­öf­fent­li­chung ein­setzten. Mit Erfolg.

So wurde am Mitt­woch öffent­lich, was am 11. Mai 2010 in der Ein­stel­lungs­ver­fü­gung nie­der­ge­schrieben wurde.
Die Fifa zeigte sich erfreut über die Ver­öf­fent­li­chung – warum auch immer. Zwei ihrer lang­jäh­rigen Top-Funk­tio­näre wurde Kor­rup­tion nach­ge­wiesen. Der Fifa, spe­ziell Joseph Blatter, wurde nach­ge­wiesen, davon gewusst zu haben. Und das Gericht stellte der Fifa („dem Unter­nehmen“) noch ein Armuts­zeugnis aus unter Punkt 7.3:

„… ob das Unter­nehmen, wel­ches Opfer einer unge­treuen Geschäfts­be­sor­gung geworden ist, nicht gleich­zeitig auch noch als Täter für dieses Delikt bestraft werden kann, muss an dieser Stelle nicht abschlie­ßend beant­wortet werden…“

Das Unter­nehmen steht nicht wegen der Anlasstat am Pranger, son­dern wegen des Vor­wurfs eines Orga­ni­sa­ti­ons­man­gels…“

Have­lange und Tei­xeira kamen ihrem Raus­wurf bei IOC und Fifa zuvor, indem sie aus gesund­heit­li­chen Gründen zurück­traten. Zum vierten Akt der Schmie­ren­ko­mödie gehört, dass Have­lange weiter Ehren­prä­si­dent der Fifa bleibt.

Da wäre also noch Joseph Blatter, genannt P1“. Der äußerte sich am Don­nerstag zu den Schmier­geld­zah­lungen: Damals konnte man solche Zah­lungen als Geschäfts­auf­wand sogar von den Steuern abziehen. Heute wäre dies strafbar. Ich kann also nicht von einem Delikt gewusst haben, wel­ches keines war.“

Die Zuschauer der Komödie müssten einen Gesichts­aus­druck haben, bei dem man nicht weiß, ob sie lachen oder weinen. Doch das schafft nur Robert de Niro.

Wei­tere Infor­ma­tionen und Berichte zu diesem Thema finden Sie auf dem Blog von Jens Wein­reich oder bei der Han­dels­zei­tung.