Nicht, dass ich mich beklagen will. Aber es gibt schon Fragen, die sehr schwer zu beant­worten sind. Die nach dem Lieb­lings­transfer“ gehört zu den schwersten über­haupt. Dazu muss man wissen, dass ich in den Sieb­zi­gern in Ost­fries­land auf­wuchs. Große Emo­tionen, den Glauben an eine bes­sere Welt und daran, dass es am Ende doch immer gut aus­geht, egal, was man dazu bei­trägt, bekommt man dort nicht unbe­dingt in die Wiege gelegt. Im Gegen­teil. Der Ost­friese glaubt nur das, was er sieht. Und ich bin bis heute über­zeugt, dass dies auch gut und richtig so ist.

So viele Ent­täu­schungen: Wuttke, Ailton, Dahlin, Becken­bauer…

Darin bestärkt mich meine lang­jäh­rige Sym­pa­thie zum HSV, der es wie kaum ein Bun­des­li­ga­klub schafft, mit seiner Per­so­nal­po­litik Hoff­nungen zu schüren und binnen Rekord­zeit wieder zu ent­täu­schen. Ein paar Namen gefällig? Sergio Zarate, Wolfram Wuttke, Ailton, Martin Dahlin, Pawel Woj­tala, Franz Becken­bauer, Bou­bacar Sanogo. Die Rück­hol­ak­tion von Jörg Albertz. Am Ende sogar die von Raf­fael Van Der Vaart? Ihr wisst, was ich meine.

Das Gefühl, dass eine Neu­ver­pflich­tung den Puls höher schlagen lässt, Meis­ter­titel und Euro­pa­cup­fi­nals gedank­lich in greif­bare Nähe rücken – ich kenne es nicht. Die Erin­ne­rungen daran sind ver­schüttet. Als Fuß­ballfan bin ich abge­stumpft. Jede stär­kere Gefühls­re­gung, wenn ich, sagen wir, von der Ver­pflich­tung eines Martin Zafirov oder eines Marcus Berg höre, würde bedeuten, sehenden Auges in eine von einem Schlag­ring umflorte Faust zu rennen.

Und so liegt die letzte eupho­ri­sche Som­mer­pause, die ich erlebte, weit zurück in meiner Kind­heit. Wenn am Sonn­tag­abend in der Sport­schau“ eine 90-sekün­dige Zusam­men­fas­sung aus der First Divi­sion lief, die Keeper ohne Hand­schuhe, die knal­lengen Sta­dien, die maro­die­renden Fans auf den Rängen, fühlte es sich an, als würde ich das erste Mal Punk­rock hören. Und der größte Star im roten Trikot des FC Liver­pool, der Kapitän der eng­li­schen Natio­nalelf, und Träger der legen­därsten Locken­krause im euro­päi­schen Fuß­ball, hieß wie sonst nur Detek­tive in düs­teren Hafen­stadt­krimis heißen: Kevin Keegan. Und der wech­selte 1977 für unfass­bare 2,3 Mil­lionen Mark zum Ham­burger SV.