Es lief die 67. Minute des DFB-Pokal­fi­nales in Berlin. Dort­munds Stürmer Pierre-Eme­rick Aub­ameyang stand bereits war­tend am Punkt und würde gleich das Finale ent­scheiden, da schob sich plötz­lich ein Sel­fiestick ins Blick­feld. Ein Pär­chen wollte sich offenbar selbst im Moment höchster Ekstase knipsen, und anstatt sich dafür dis­kret ins ver­spie­gelte Schlaf­zimmer zurück­zu­ziehen, sollte es offenbar der gemein­same Tor­jubel sein. Dass der spa­zier­stock­dicke Stab und das Handy in der Größe eines Hotel­fern­se­hers den Umste­henden die Sicht ver­sperrten, war dabei erst mal egal. Als Aub­ameyang dann tat­säch­lich traf, riss das Paar exal­tiert die Arme hoch und griente in die Kamera. Bevor er aber bei ihr nach­fragen konnte Na, wie war ich?“, beför­derte der wild schwen­kende Jubelarm des Neben­mannes den Stick zu Boden.

Schär­feein­stel­lungen statt Ver­eins­hymne

Viel­leicht war es Zufall, viel­leicht war es auch das letzte Auf­be­gehren jener, die noch ins Sta­dion gehen, um ein­fach nur Fuß­ball zu schauen. Das kommt näm­lich inzwi­schen bei­nahe schon wieder als avant­gar­dis­ti­sches Kon­zept daher ange­sichts der Tat­sache, dass in deut­schen Sta­dien inzwi­schen beim Ein­laufen der Mann­schaften mehr Handys als Schals hoch­ge­halten werden und es offenbar das Gros der Zuschauer für span­nender hält, die Schär­feein­stel­lungen des Handys zu jus­tieren, als laut­hals die Ver­eins­hymne mit­zu­singen.

Mobil­te­lefon in der Pranke

Was bei Kon­zerten schon seit einigen Jahren dazu führt, dass kaum mehr geklatscht wird, weil sämt­liche Zuschauer ihr Mobil­te­lefon in der Pranke halten, ist mitt­ler­weile auch im Fuß­ball all­ge­gen­wärtig. Und so füllen unzäh­lige Zuschauer jedes Wochen­ende ihren Han­dy­spei­cher mit Spiel­fotos, sind aber nach dem Schluss­pfiff oft­mals bass erstaunt, wenn man ihnen erzählt, dass es am Ende doch noch für einen knappen Heim­sieg gereicht hat.

Par­odon­tose beid­seitig, Karies an den Backen­zähnen“ 

Nun wäre die digi­tale Agonie noch annä­hernd ver­ständ­lich, wären die dabei ent­ste­henden Bilder so ansehn­lich, dass sie anschlie­ßend zu irgend­etwas zu gebrau­chen wären. Statt­dessen werden noch nicht einmal die Grund­re­geln seriöser Ama­teur­fo­to­grafie befolgt. Welch Über­ra­schung, dass das preis­wert im Schluss­ver­kauf erwor­bene Bil­lig­handy den wilden Schwenk übers Spiel­feld nur gro­tesk ver­wa­ckelt dar­stellen kann, und dass die toll­kühn her­an­ge­zoomte Groß­auf­nahme des Pyrorauchs in der Fan­kurve mit einem biss­chen Phan­tasie auch Küs­ten­nebel auf Amrum sein könnte oder eine Kumu­lus­wolke in Lüden­scheid.

Aber wer bei Fami­li­en­fotos kon­se­quent Füße und Köpfe abschneidet und Onkel Werner nicht mit auf dem Bild hat, wird sich im Fuß­ball­sta­dion nicht plötz­lich als unehe­li­cher Sohn von Annie Lei­bo­vitz ent­puppen. Trotzdem ist immer wieder erstaun­lich, mit wel­cher Beharr­lich­keit die Sta­di­on­fo­to­grafen beson­ders unan­sehn­liche Motive aus­giebig knipsen und filmen.

Denn es tum­meln sich ja tat­säch­lich auch jede Menge ver­hin­derter Regis­seure in den Arenen, die offenbar wirk­lich nicht Bes­seres zu tun haben, als neunzig Minuten darauf zu warten, dass ein Tor fällt, um dann mit dem Handy in der Hand wild in der Gegend her­um­zu­springen und sich und die Kum­pels beim Jubeln abzu­filmen. Was dazu führt, dass es im Internet nur so von Filmen wim­melt, auf denen wüst kra­kee­lende Fans zu sehen sind, die ihre weit auf­ge­ris­senen Münder so ins Objektiv halten, dass jeder Zahn­arzt mühelos fest­stellen kann: Par­odon­tose beid­seitig, Karies an den Backen­zähnen.“