In der DDR gab es eine Liga­mann­schaft namens KKW Greifs­wald, die dem ein­zigen DDR-Kern­kraft­werk ange­schlossen war. Sie spielte von 1968 bis 1990 fast aus­schließ­lich in der 2. Liga und ging nach der Wende im Greifs­walder SC auf, der nach seiner Insol­venz vor Jahren eben­falls nicht mehr exis­tiert. Ein Gespräch Wolf­gang Moschke, KKW Greifs­wald-Trainer von 1987 bis 1990.

Wolf­gang Moschke, Sie waren Ende der Acht­ziger Trainer von KKW Greifs­wald. Ein bemer­kens­werter Name für einen Fuß­ball­klub, wenn man bedenkt, ein Zweit­li­ga­verein würde heute zum Bei­spiel AKW Biblis heißen.

Stimmt, aber für uns war der Name völlig normal. KKW war halt der Name unserer BSG, also Betriebs­sport­ge­mein­schaft, so wie andere Ver­eine Stahl Bran­den­burg oder Wismut Aue hießen. Das Kern­kraft­werk Greifs­wald war eben unser Unter­stüt­zer­be­trieb.

Ihre Mann­schaft spielte in der DDR-Liga, der zweit­höchsten Klasse. Waren die Spieler im KKW ange­stellt?
Ja, die waren Ange­stellte im Werk und arbei­teten dort auch. Aller­dings nicht Voll­zeit. Ihr Hauptjob war das Fuß­ball­spielen, dafür wurden sie letzt­lich bezahlt. Die Unter­stüt­zung der Fuß­ball­mann­schaft durch die Werks­lei­tung war richtig gut. 

Weil der Verein end­lich mal in die DDR-Ober­liga auf­steigen wollte?

Ich bin 1987 vom FC Karl-Marx-Stadt nach Greifs­wald gekommen, um das Ziel zu errei­chen. Zusammen mit der KKW-Lei­tung hatten wir einen Drei­jah­res­plan ent­wi­ckelt, um den Auf­stieg bis 1990 zu schaffen. Dann kam jedoch die Wende dazwi­schen. 1989 lagen wir noch dicht mit Union Berlin zusammen, aber als die Grenze auf­ging, sind einige Spieler in den Westen abge­wan­dert, so dass wir den Auf­stieg ver­passten. 

Denken Sie ange­sichts des AKW-Unfalls in Japan jetzt hin und wieder an ihre Zeit bei KKW Greifs­wald?

Eigent­lich nicht. Das ist für mich weit weg, auch weil es damals in Greifs­wald ja kei­nerlei Pro­bleme gab. Jeden­falls war von irgend­wel­chen Unre­gel­mä­ßig­keiten im Werk nicht das Geringste zu hören. Im Gegen­teil, jeder Beschäf­tigte dort war froh, Arbeit im Werk bekommen zu haben, weil dort für DDR-Ver­hält­nisse relativ hohe Löhne gezahlt wurden. Nicht mal im Ansatz kann ich mich an Gerüchte über einen Hava­rie­fall oder eine Gesund­heits­ge­fähr­dung erin­nern. Zumin­dest habe ich nichts davon mit­be­kommen. 

Gab es nach Tscher­nobyl 1986 kein biss­chen Skepsis, dass doch mal etwas pas­sieren könnte? Haben sich die Spieler dar­über nie Gedanken gemacht?

Nein. Ich hatte ja viele jungen Spieler nach Greifs­wald geholt, aus Berlin, aus Ros­tock oder aus Karl-Marx-Stadt unter anderem Rico Schmidt, den jet­zigen Trainer von Aue. Aber Bedenken wegen mög­li­cher Gefahren durch das KKW hat nie­mand geäu­ßert.

Nor­ma­ler­weise lief der Aus­tausch von guten Spie­lern eher umge­kehrt. KKW Greifs­wald diente vor allem als Talen­te­lie­fe­rant für den Ober­li­gisten Hansa Ros­tock, oder?

Ja, aber Ende der Acht­ziger, im Zuge der sys­te­ma­ti­schen För­de­rung der KKW-Fuß­baller, änderte sich das etwas. Bei Hansa wuchs die Befürch­tung, dass viele ihrer Spieler wegen des Gehalts­ge­füges in Greifs­wald zu KKW abwan­dern würden. Des­halb wurde sogar eine Ver­ein­ba­rung zwi­schen beiden Ver­einen getroffen. Wir einigten uns, dass KKW keine Män­ner­spieler von Hansa abwerben würde und wir dafür keine Talente nach Ros­tock abgeben mussten. 

Wurde denn der sehr spe­zi­elle Ver­eins­name KKW von den Fans spe­ziell wahr­ge­nommen? Quit­tierten ihn zum Bei­spiel die geg­ne­ri­schen Fans mit beson­derem Spott und Häme?

Nicht massiv, eher gab es ver­ein­zelte Sprüche, so in die Rich­tung: Jetzt kommt die strah­lende Mann­schaft. 

Und die eigenen Fans? Erz­ge­birge Aue hat ja heute noch in Anleh­nung an die Wismut-Ver­gan­gen­heit einen Fan­klub namens Radio­aktiv.

Nein, so was ist mir nicht bekannt. Aber wir hatten schon zu Ost­zeiten einen kleinen KKW-Fan­klub in Ham­burg. Den hatte ein ehe­ma­liger Greifs­walder aus der Taufe gehoben und der besuchte uns auch öfter bei unseren Spielen.

Ein ehe­ma­liger Übungs­leiter von KKW Greifs­wald berichtet, dass es gele­gent­lich Freund­schafts­spiele mit Ver­einen aus anderen sozia­lis­ti­schen Atom­kraft­werk­stand­orten in der Sowjet­union, CSSR und Bul­ga­rien gab, inklu­sive Betriebs­füh­rungen für die Spieler. Haben Sie das auch erlebt?

Das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Aber wie gesagt, ein Kern­kraft­werk war damals für die Leute ein Betrieb wie jeder andere.