Seite 2: Kein Bock auf Pep

Man ver­gisst manchmal, dass der Fuß­ball zwar eine eigene Blase ist, sich aber den­noch in der Rea­lität abspielt. Und so ist es nicht selbst­ver­ständ­lich, dass ein 17-Jäh­riger von zu Hause weg­geht, wo ihm so viele simp­lere Türen offen stehen. Das erfor­dert Mut, Willen und eine Menge Glauben an sich selbst. Denn Sancho hätte 2017, als Borussia erst­mals bei Man­City anklopfte, genauso gut den ein­fa­chen Weg gehen können. Er hätte bei Pep Guar­diola bleiben und dort angreifen können, genauso hätte er sich einem anderen eng­li­schen Verein anschließen können. Mit der Emp­feh­lung einer her­aus­ra­genden U17-EM wollte ihn sei­ner­zeit schon das ganze Land ver­pflichten. Er aber ent­schied sich für den Gang nach Dort­mund. Sancho konnte es nicht schnell genug gehen, den nächsten Schritt zu machen und auf der großen Fuß­ball­bühne vor­zu­spielen.

Er hatte damals einen Scho­l­ar­ship-Ver­trag bei Man­City, den – so erlauben es die eng­li­schen Sta­tuten – ein Spieler selbst kün­digen darf. Obwohl Sancho diesen Ver­trag auf­löste, über­wies Dort­mund knapp acht Mil­lionen Euro an City, weil der BVB nicht auf einen Schieds­spruch des eng­li­schen Ver­bands warten wollte. Nie­mand sollte bei dieser Ver­pflich­tung noch dazwi­schen­funken. Zwei­ein­halb Jahre später ist Sancho der auf­re­gendste Bun­des­liga-Eng­länder seit Kevin Keegan.

Kerbe in der Braue, Seiten frisch

Es gibt dieses Bild, das viele von Sancho haben, das ihm aber nicht gerecht wird. Er hat die Atti­tüde eines Kreis­klassen-Zeh­ners, der eigent­lich zu gut für Lich­ten­dorfs Dritte ist. Die blin­kenden Ohr­ringe mit Tape abge­klebt, Kerbe in der Augen­braue, Seiten frisch, die Stutzen über die Knie gezogen, knall­bunte Schuhe, kurze Ärmel aber Hand­schuhe. Und im geg­ne­ri­schen Team macht sich die Sorge breit: Die ham‘ einen von der Ersten dabei.“

Den Ball am starken Rechten, Hüfte schwin­gend, geht er an zwei Geg­nern vorbei, die Mög­lich­keit zum Pass besteht, aber auch am Dritten geht er noch vorbei, weil jetzt ein noch bes­seres Zuspiel mög­lich ist. Und nach dem dritten Bein­schuss würde ihm jeder Kreis­klassen-Sechser gerne das Gestänge weg­ge­treten.

Dass dieses Getänzel in Jadon San­chos Spiel aller­dings keine brot­lose Kunst ist, hat in der Fuß­ball­welt mitt­ler­weile jeder ver­standen. Und wem San­chos Spiel noch nicht Beweis­lage genug sein sollte, der kann sich den nume­ri­schen Beleg abholen. Denn seine Zahlen lügen nicht: In 89 Pflicht­spielen für den BVB hat er 30 Tore erzielt und 41 auf­ge­legt. Sein Markt­wert liegt bei 130 Mil­lionen Euro. Er ist in seinem Alter schlicht der beste Fuß­baller der Welt.

Siggi Held, Timo Konietzka… Jadon Sancho?

Sancho wird keiner sein, den sie in Dort­mund in einem Atemzug mit Siggi Held, Timo Konietzka, Paulo Sousa oder auch bald Lukasz Pisczek nennen werden. Er ist nicht der Spieler, der stell­ver­tre­tend für eine Genera­tion steht. Aber jeder, der es mit dem Verein hält, wird noch in Jahr­zehnten sagen: Ich hab damals Sancho spielen sehen.