Seite 3: Warum ist Boateng eigentlich noch wichtig?

Natür­lich hatte auch Korkut ein Bild von Boateng im Kopf, als er Ende November nach Berlin kam. Es war das Bild von einem erfolg­rei­chen Fuß­baller mit großer Ver­gan­gen­heit. Und jetzt? Ich muss ehr­lich sagen, dass ich einen sehr demü­tigen Men­schen ken­nen­ge­lernt habe, der hier wirk­lich noch einmal alles geben will“, sagt Korkut. Ich bin zuver­sicht­lich, dass er uns auch in der Rück­runde noch in einigen Spielen helfen wird.“

Einmal im Herbst hat Boateng seinen sie­ben­jäh­rigen Sohn mit zum Trai­ning gebracht. Er küm­mert sich um ihn, als sich die Spieler in der Mitte ver­sam­meln, später passt sich Sport­di­rektor Arne Fried­rich mit ihm ein paar Bälle zu. Als die Mann­schaft ein Tor über den Platz trägt, steht nur Boateng etwas abseits und winkt mit seinen Armen wie ein Flug­lotse, der ein Flug­zeug in die Park­po­si­tion ein­weist.

Eine Fuß­ball­mann­schaft ist ein hoch­sen­si­bles soziales Gebilde, in dem jedes Zei­chen von Schwäche penibel regis­triert wird. Wer Schwäche zeigt, wird weg­ge­bissen wie ein grauer alter Wolf. Dem­nach müsste Boa­tengs Füh­rungs­rolle in Her­thas Mann­schaft min­des­tens prekär sein. Er spielt eher unre­gel­mäßig, muss sich immer wieder Pausen nehmen, weil der Körper zickt und zwickt. Für Fredi Bobic aber ist Boateng jemand, der für die Kabine sehr, sehr wichtig ist“.

Es fehlt Hertha BSC an Füh­rungs­fi­guren

Jurgen Ekkel­en­kamp, 21, ist im Sommer, kurz vor dem Ende der Trans­fer­pe­riode von Ajax Ams­terdam zu Hertha BSC gekommen. Er gilt als überaus talen­tiert, hat auch bei seinem neuen Arbeit­geber schon beson­dere Momente erlebt, und doch ist der hol­län­di­sche U‑21-Natio­nal­spieler noch weit davon ent­fernt, eine tra­gende Rolle in Her­thas Mann­schaft zu über­nehmen. Dem TV-Sender NOS aus seiner Heimat hat er im Herbst erzählt: Bei Ajax hat­test du Blind und Tadic, in Berlin hast du Kevin-Prince Boateng. Von sol­chen Jungs lernst du sehr viel als junger Spieler.“

„Auf dem Platz bin ich ein Freak“

Wo er auf­taucht, brennt der Baum: Davie Selke über Belei­di­gungen von Fans, Ärger mit Gegen­spie­lern und gewalt­be­reite Nazis in der badi­schen Pro­vinz.

Natür­lich stellt Boateng immer noch etwas dar. Er hat in den großen Ligen Europas gespielt, für Klubs wie den AC Mai­land, den FC Bar­ce­lona und Tot­tenham Hot­spur. Aber dass er bei Hertha inner­halb des Teams immer noch als Wort- und Anführer wahr­ge­nommen wird, das erzählt vor allem etwas über die Struktur inner­halb des Kaders. Ich habe nicht beson­ders viele Füh­rungs­spieler in der Mann­schaft“, sagt Fredi Bobic. Dedryck Boyata, der Kapitän, hat immer wieder mit sich und seinem ver­let­zungs­an­fäl­ligen Körper zu kämpfen, Leute wie Vla­dimir Darida und Peter Pekarik, die Erfah­rensten im Team, sind vor allem ruhig und zurück­hal­tend.

Kevin-Prince Boateng ist bei Hertha BSC auch des­halb immer noch so stark, weil es nie­manden gibt, der ihm die Füh­rungs­rolle wirk­lich streitig machen kann. Und will.

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Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.