In der 80. Spiel­mi­nute lan­dete der erste Hin­weis auf das nahende Ende von Michael Bal­lacks großer, aber etwas unvoll­endeter Kar­riere auf dem Rasen der Leip­ziger Arena. Schon seit einigen Minuten hatten die Zuschauer im Ober­rang ver­sucht, Klatsch­pappen einen tie­feren Sinn zu geben und sie als Papier­flieger den weiten Weg aufs Feld zu schi­cken. Moti­viert vom Hin­weis auf den Wer­be­banden, dass im Juli die WorldS­kills in Leipzig statt­finden. Und nun war einem Unbe­kannten die erste Qua­li­fi­ka­tion geglückt. Tosender Applaus.

Weil das Spiel zu dem Zeit­punkt nur noch vor sich her plät­scherte, musste das Publikum Zei­chen setzen. Sie wollten wieder feiern, Welt­stars, Tore und vor allem Michael Bal­lack. Es dau­erte nur Sekunden, und die Luft in Leipzig war durch­zogen von weißen Flug­kör­pern. Die Abschied­scho­reo­gra­phie gelang besser als die vor dem Spiel ein­ge­probte, bei der die Mes­sage („Danke Micha“) nur für Ein­ge­weihte erkennbar war.

Carsten Jancker und andere Welt­stars

Zu Michael Bal­lacks Kar­riere gehört eben auch Unvoll­kom­men­heit. Denn eigent­lich war das Leip­ziger Publikum gewillt, von Anfang an zu beweisen, dass es nach hoch­klas­sigem Fuß­ball lechzt, wie ihm nach vielen Jahren der Viert­klas­sig­keit gerne unter­stellt wird. So hatte es nicht mal einen Tag gedauert, bis das Sta­dion für Bal­lacks Abschied aus­ver­kauft war. Und so wurde bei der Spie­ler­vor­stel­lung jeder Betei­ligte für sein Kommen auf­mun­ternd bis fre­ne­tisch beju­belt. So wurden aus ehe­ma­ligen Bun­des­liga-Fuß­bal­lern mit ost­deut­schen Wur­zeln – Bernd Schneider, Ulf Kirsten, auch Carsten Jancker – Welt­stars.

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Tat­säch­lich waren der Ein­la­dung des 36-jäh­rigen Capi­tanos zahl­reiche Weg­ge­fährten aus sämt­li­chen Sta­tionen seiner Lauf­bahn gefolgt. Bal­lack spielte stan­des­gemäß für beide Seiten (Bal­lack and Fri­ends, Welt­aus­wahl) und traf regulär für beide Seiten. Zweiter wollte er an diesem Tag nicht werden. Ein letztes Mal wollte er es allen zeigen. Auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge, Jogi Löw und Oliver Bier­hoff waren ja da.

Lahm und Bal­lack ver­söhn­lich

Für lange Zeit war nur Liebe in der Luft. Alle Weg­ge­fährten äußerten sich löb­lich über den 98-fachen Natio­nal­spieler. Auch Philipp Lahm (Welt­aus­wahl) zeigte sich nach dem Triple-Gewinn ver­söhn­lich, verzog nach einer viertel Stunde einen Tor­schuss so herr­lich, dass Bal­lack den Natio­nal­mann­schafts­ka­pitän gön­ner­haft lächelnd in den Arm nehmen konnte. Es war früh das viel­leicht schönste Geschenk des Abends. Und auch wenn José Mour­inho aus­schaute, als habe Bal­lack Lionel Messi oder Sergio Bus­quets in die von ihm betreute Welt­aus­wahl berufen, nuschelte er etwas von Freude, Freunden und großer Kar­riere.

Ähn­lich gön­ner­haft zeigte sich im Spiel nur noch Tor­hüter Pascal Zuber­bühler. Denn die längste Zeit des Spiels hatte André Schürrle ver­geb­lich ver­sucht, seinen bal­digen Viel­leicht-Trainer José Mour­inho zu beein­dru­cken, um in Zukunft nicht allzu oft die Posi­tion neben Marko Marin (war nicht ein­ge­laden) ein­zu­nehmen. Sollte Mour­inho auf furchtbar unge­fähr­liche und unprä­zise Tor­ab­schlüsse bei Abschieds­spielen stehen, war er sicher beein­druckt. Aber Zuber­bühler dachte sich, es könnte auch nicht schaden, wenn einer dieser Abschlüsse wenigs­tens als Treffer zählt.

Das Spiel war der­weil geprägt durch deut­sche Ernst­haf­tig­keit. Didier Drogba und Dimitar Ber­batov ern­teten von den umste­henden Vize­welt­meis­tern 2002 jeden­falls keinen sicht­li­chen Respekt für ihre tech­ni­schen Finessen. Noch ungnä­diger als die beiden auf­fällig moti­vierten Innen­ver­tei­di­gungen (Carvalho/​Essien – Mertesacker/​Wörns) waren zudem nur die Lini­en­richter, die selbst bei knappsten Mil­li­me­ter­ent­schei­dungen humorlos auf Abseits ent­schieden. Sie schafften es damit immerhin, den größten Unmut des Abends auf sich zu kon­zen­trieren. Bei der Spie­ler­vor­stel­lung hatten sich auch beim Namen Lahm noch ein paar Pfiffe in die fried­liche Atmo­sphäre gemischt.

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Am Ende ver­stand auch Schieds­richter Bernd Heyne­mann die Papier­flieger-Zei­chen, machte den Ahlen­felder und schickte Bal­lack bereits einige Minuten vor Ende auf die Ehren­runde. Aller­dings been­dete die Sta­di­on­spre­cher Johannes B. Kerner auf halber Strecke mit einem unwür­digen Manöver, bei dem er Bal­lack zurück in den Mit­tel­kreis beor­derte. Es gab Zeiten, da hätte Bal­lack das noch wild ges­ti­ku­lie­rend abge­lehnt. Aber ein Jahr nach seinem letzten Pflicht­spiel ließ er das Schau­spiel über sich ergehen.

Ein biss­chen beschämt

Oliver Bier­hoff würde schon nicht dahinter ste­cken: Doch hätte der es sich nicht per­fider aus­denken können. Denn nun stand Michael Bal­lack in der Mitte der aus­ver­kauften Arena und musste sich zusammen mit all seinen ihm wohl­ge­sonnen Gästen auf der Anzei­ge­tafel einen Ein­spieler seiner Fuß­ball spie­lenden Familie anschauen. Nicht nur einer von Bal­lacks Söhnen zuckte beschämt zusammen. So ganz voll­kommen sollte eben auch der Abschied von Michael Bal­lack nicht sein.

Doch Bal­lack schüt­telte sich ein letztes Mal, hatte er sich doch My Way“ als Abschieds­song gewünscht. Also fand er seine Würde im Mit­tel­kreis schnell wieder, been­dete seine Ehren­runde und ern­tete ehr­liche Dank­bar­keit. Dafür, dass er für ein Jahr­zehnt den Welt­fuß­ball im Osten ver­kör­pert hat und dafür, dass er für einen Tag den Welt­fuß­ball in den Osten geführt hat.