Seite 2: Neue Lust am Risiko

Löw, dem nach der Nie­der­lage gegen Frank­reich eine hasen­fü­ßige Hal­tung vor­ge­worfen worden war, ent­deckte seine Lust am Risiko neu. Der Auf­trag war, dass wir in der Offen­sive eine andere Kraft erzeugen“, sagte er. Zum Erfolg seiner Taktik trugen vor allem die deut­lich höher pos­tierten Außen­ver­tei­diger Joshua Kim­mich und Robin Gosens bei. Es war unser Ansinnen und unser Plan, dass wir über die Außen­po­si­tion mehr für Gefahr sorgen“, erklärte der Bun­des­trainer. Die Außen­ver­tei­diger haben bewusst höher gespielt. Wir wollten hinter die Abwehr. Beide haben es super gut gemacht.“

Kim­mich und/​oder Gosens waren an allen vier Toren in irgend­einer Weise betei­ligt. Das zwi­schen­zeit­liche 4:1resultierte sogar aus einer Co-Pro­duk­tion der beiden Außen­ver­tei­diger. Das war sinn­bild­lich“, sagte Innen­ver­tei­diger Mat­thias Ginter. Als Kim­mich auf der rechten Angriffs­seite den Ball hatte, rückte Gosens von links in den Straf­raum ein und erzielte per Kopf sein zweites Län­der­spieltor. In einer ähn­li­chen Posi­tion hatte er sich auch ganz zu Beginn des Spiels befunden, als er nach einer Her­ein­gabe von Innen­ver­tei­diger Mat­thias Ginter aus dem Halb­feld per Sche­ren­schlag zum ver­meint­li­chen 1:0 traf, das dann wegen einer Abseits­po­si­tion zuvor aller­dings nicht zählte.

Der, den sie brauchen Über die sensationelle Leistung von Robin Gosens

Robin Gosens ist der ein­zige deut­sche Spieler, der nur über Umwege im Pro­fi­fuß­ball und gegen jede Wahr­schein­lich­keit im EM-Kader von Jogi Löw gelandet ist. Aus­ge­rechnet er begeis­tert beim 4:2 gegen Por­tugal ganz Europa. Kein Wunder.

Wir haben die Por­tu­giesen in der Defen­sive einige Male über­for­dert“, sagte Löw. Und das, ohne die eigene Abwehr allzu sehr zu ver­nach­läs­sigen. Trotzdem kas­sierten die Deut­schen zwei Gegen­tore, und ihre Ent­ste­hung ver­wies auf ein Pro­blem, das Löw und seine Mann­schaft immer noch nicht in den Griff bekommen haben. Wir haben aus dem Spiel wenig zuge­lassen. Das ist schon mal positiv“, sagte Ginter. Aber bei ruhenden Bällen ist das deut­sche Team wei­terhin zu anfällig. Alle drei Gegen­tore bei der EM fielen im Nach­gang eines Stan­dards: das 0:1 gegen die Fran­zosen nach einem Ein­wurf, das 2:4 gegen die Por­tu­giesen nach einem Frei­stoß und deren 1:0 nach einer Ecke. Nach einer Ecke für die Deut­schen. Löw hatte seine Mann­schaft vor dem Spiel explizit darauf hin­ge­wiesen, wie gefähr­lich Por­tugal in sol­chen Situa­tionen umschaltet. Es half nicht.

Wir müssen weiter an unserer Balance arbeiten“, sagte Joshua Kim­mich, dass wir hinten wenig zulassen und uns trotzdem Chancen erar­beiten“. Immerhin sieht es inzwi­schen wieder so aus, als könnten die Deut­schen dazu bei der Euro­pa­meis­ter­schaft doch noch einige Gele­gen­heiten erhalten.

Dieser Text erschien zuerst im Tages­spiegel und wird an dieser Stelle im Rahmen einer Koope­ra­tion ver­öf­fent­licht.