Kurz vor meiner ersten Begeg­nung mit ihm war Oliver vom Platz gestellt worden. Es war der 1. Mai 1999 und ich, der Tor­wart der Ama­teure, saß als Zuschauer auf der Tri­büne des Olym­pia­sta­dions. Es war die 23. Minute, als Olli mit gestreckten Bein auf Glad­bachs Jörgen Pet­terson zuflog. Gelbe Karte und Elf­meter. Im nächsten Moment traf Toni Polster und Olli reagierte auf seine Art. Für das Ball­weg­schlagen sah er die Gelb-Rote Karte. 

Nur ein Wort? Wille.

Trotz der Unter­zahl, trotz des frühen Gegen­tors gewannen wir mit 4:2. Doch wäh­rend sich die Mann­schaft am Dienstag auf den Weg nach Stutt­gart machte, um dort gegen den VfB zu spielen, stand der gesperrte Oliver Kahn zum ersten Mal neben mir auf dem Trai­nings­platz. Für mich war das ein Wow-Moment, für ihn eine ganz nor­male Trai­nings­ein­heit. Ich muss gestehen, ich stand mit meinem Idol auf dem Platz – allein, Olli war das nicht. Son­dern unser Tor­wart­trainer Sepp Maier. Ihn hatte ich immer bewun­dert, seine Bücher zum rich­tigen Tor­wart­trai­ning auf­ge­sogen. Ein Pro­be­trai­ning mit Seppl“ hatte mich end­gültig von einem Wechsel zu den Bayern über­zeugt. Und nun standen wir also zum ersten Mal zu dritt auf diesem Trai­nings­platz an der Säbener Straße. 

Die Bild-Zei­tung hatte gerade vom Kami­kaze-Kahn“ geschrieben und zu seinem Platz­ver­weis einen Psy­cho­logen befragt. Der hatte gesagt: Kahn ist ein Mann mit sehr starken Ambi­tionen, einem ebenso starken Drang zur Per­fek­tion.“ Und das kann ich bezeugen. Müsste ich Olli mit nur einem Wort beschreiben, würde ich Willen“ wählen. 

Ein ganz beson­deres Ziel

Eine selt­same Situa­tion war es ganz bestimmt, dass ich immer dann pro­fi­tierte, wenn Olli aus­fiel. An der Vor­be­rei­tung zur Saison 1999/2000 durfte ich teil­nehmen, weil er sich im Som­mer­ur­laub ver­letzt hatte. Als er später dazu­stieß, glaube ich, hat auch er mich zum ersten Mal wahr­ge­nommen. Es war nicht irgendein Sommer, die Nacht von Bar­ce­lona, als Ole-Gunnar Solks­jaer für Man­chester United zum späten 1:2 getroffen hatte, war nur wenige Wochen her. Es heißt, Olli habe lange gebraucht, um sich davon zu erholen. Er selbst würde später sagen, dass er sich ein­ein­halb Jahre völlig leer gefüllt habe. Dass sein System aus Erfolg und Dis­zi­plin zusam­men­ge­bro­chen wäre. Für mich war er noch immer unschlagbar. 

Neben seiner unge­heuren Sprung­kraft erin­nere ich mich daran, wie Olli in jedem Trai­ning jeden ver­dammten Ball fest­halten wollte. Nicht ins Sei­tenaus klären, nicht nach vorne boxen. Nein! Gut mög­lich, dass er es heute schwerer hätte. Die Ansprüche an einen Tor­wart waren zu dieser Zeit per­fekt für ihn. Die schnellen Reak­tionen, die Sprung­kraft, die Arbeit mit den Händen. Um jeden Preis wollte er sein Tor ver­tei­digen, auch dann noch, wenn eine Situa­tion schon abge­pfiffen war. Das habe ich mir ver­sucht, von ihm abzu­schauen.