Seite 2: Als sähe ich einem Fremden zu

Obwohl die Zeit im Osten oft lang­samer dahin­tropft und mein altes Inter­nats­zimmer immer noch hinter dem glei­chen grauen Putz exis­tiert, hat sich beim BFC Dynamo vieles getan mit den Jahren. Der Klub ist von einem kühlen Verein der Elite, in dem die Fuß­baller die größte Klappe hatten, zu einem inte­gra­tiven Brei­ten­sport­verein geworden, in dem die Fuß­baller immer noch die größte Klappe haben. Ich sehe täg­lich hun­derte Kinder und Jugend­liche, alle mit diesem einen Traum in den Köpfen: Fuß­ball­star werden.

Als Trainer und Vor­bild ist es mein Job, diese Wün­sche zu för­dern, aber auch zu warnen: Die Wahr­schein­lich­keit, dass sie Profis werden, ist ver­schwin­dend klein. Ich ver­mittle selbst meinen Viert­li­ga­spie­lern, den Bei­nahe-Profis, dass Fuß­ball mehr ist als die Bun­des­liga. Er findet Freunde, schafft schnell ein Umfeld, wenn man in eine neue Stadt ziehen muss, er kann neben dem Beruf ein Zuver­dienst sein. Das ist mehr als die meisten Sportler haben. Und ich kann ihnen nur emp­fehlen: Seid wie Jari Lit­manen.

So. Um neun. Gute Nacht.“

In Ros­tock war ich der Zim­mer­kol­lege dieses Welt­stars und er mein Vor­bild. Im Trai­ning konnte er nur Vollgas. Auch wenn er ruhig spielen sollte, damit die anderen in die Übung rein­kommen konnten, rasierten seine Pässe den Rasen. Abseits des Platzes war er die per­so­ni­fi­zierte Dis­zi­plin. Abends auf dem Zimmer sagte er: So. Um neun. Gute Nacht.“ Der Finne schob sich die Schlaf­brille ins Gesicht und pennte. Nur eines konnte ich Jari bei­bringen: Back­gammon.

Er spielte es mit kind­li­cher Unbe­schwert­heit, er war süchtig danach. Wenn ich sage, seid wie Jari, meine ich: immer alles geben, dis­zi­pli­niert sein – aber sich vor allem die kleinen Freuden des Lebens bewahren. Zwi­schen Hohen­schön­hausen und Lit­manen wird nie­mand auto­ma­tisch Profi, die meisten aber zu glück­li­chen Men­schen.

Gele­gent­lich werde ich gefragt, was mich in meiner Kar­riere glück­lich gemacht hat. Ich weiß es nicht. Manchmal spüre ich eine Leere, wenn ich an meine Pro­fi­jahre zurück­denke.

Für dieses Gefühl bin ich Trainer geworden

Um meinem Sohn, er ist 5, zu zeigen, was der Papa früher gemacht hat, habe ich eine DVD mit meinen Toren zusam­men­ge­schnitten. Doch die Szenen berühren mich kaum. Als sähe ich einem Fremden zu. Viel­leicht ist es ein Schutz­re­flex des Gehirns, der ver­hin­dert, dass Leute wie ich sich mor­gens die Strümpfe bis zu den Knien hoch­ziehen und auf dem Weg zum Brief­kasten die Hände über dem Kopf zusam­men­klat­schen. Viel­leicht war der Pro­fi­fuß­ball ein Aben­teuer, für mich aber nicht die beste Sache der Welt.

Wenn mir ein Moment ein­fällt, der annä­hend per­fekt war, dann war es eine Ein­wechs­lung in Ros­tock, die ich als Manager erlebte. Ein erfolg­loses Kapitel mit vielen Feh­lern. Doch ein Augen­blick hat sich positiv ein­ge­brannt. Tobi Jänicke, damals keine 20 Jahre alt, machte sein erstes Spiel für seinen Hei­mat­verein. Ich stand auf und es schüt­telte mich. Ich hatte Gän­se­haut.

So muss sich auch ein Erzieher fühlen, der ein Kind nach vielen gemein­samen Beulen und Schrammen mit dem großen Ranzen auf dem Rücken in das Leben stol­pern sieht. Für dieses Gefühl bin ich Fuß­ball­trainer geworden.