Manchmal ist es ein­fach schade, dass man vor Gericht nicht klat­schen darf. Als der Han­no­ve­raner Pro­fessor Gunter Pilz nach seinem Gut­achten den Saal ver­lässt, weiß jeder Pro­zess­be­ob­achter genau, wer diese Ultras sind. Kein unnützes Fremd­wort, keine Eitel­keit, kein Geschwafel: Der renom­mierte Fan­for­scher Pilz hat sich mit 67 Jahren die Boden­stän­dig­keit bewahrt, die andere schon zu Beginn ihrer aka­de­mi­schen Lauf­bahn ver­loren haben.


Bevor er die deut­sche Ultra­szene seziert, soll Pilz über das Ori­ginal berichten. Denn auf der Ankla­ge­bank sitzt ein 24-Jäh­riger, der laut seinem Anwalt auch des­halb mitten in einem Sta­dion eine Bombe gezündet hat, weil er das aus seiner ita­lie­ni­schen Heimat nicht anders kennt.

Ein Spreng­körper im Spie­ler­tunnel

Vor zwei Jahren ist Juri C. aus Neapel nach Münster gezogen. Er arbeitet in schlecht bezahlten Jobs, lebt in einer Ein-Zimmer-Woh­nung. Schnell schließt er sich den Preußen-Ultras Curva Monas­teria“ an. Am 10. Sep­tember 2011, beim Derby VfL Osna­brück gegen Preußen Münster, wirft er einen Spreng­körper auf den ehe­ma­ligen Spie­ler­tunnel der Osnatel-Arena. Die Bombe rutscht durch einen Spalt und fällt einer Men­schen­gruppe vor die Füße. Poli­zisten, Erwach­sene und Kinder ver­letzten sich teil­weise schwer. Einige Poli­zisten sind stark trau­ma­ti­siert und noch immer dienst­un­fähig. Viele Opfer behalten von der Explo­sion ver­mut­lich lebens­lang einen Tin­nitus.

So einen Knall habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört“, sagt vor Gericht ein Poli­zist, der seit Jahren Pro­blem­fans ins Sta­dion begleitet. VfL Osna­brück gegen Preußen Münster – das ist wie Dort­mund gegen Schalke in klein. Wenn die beiden Fan­gruppen unkon­trol­liert auf­ein­an­der­treffen, dann kommt es zu Gewalt.“

Sechs Joints und eine Ladung Speed zum Auf­wärmen

Bei diesem völlig über­hitzten Dritt­liga-Spiel schmug­gelte der 24-jäh­rige Juri C. eine Bombe ins Sta­dion. In seiner Unter­hose. Zu diesem Zeit­punkt ist er laut eigenen Angaben bis oben hin voll mit Drogen. Seit sieben Uhr mor­gens hat er eine Fla­sche Wodka getrunken, fünf oder sechs Joints geraucht und Speed geschnupft. Um 13.30 Uhr wirft er die geschmug­gelte Bombe von der Größe einer Cola-Dose auf den Spie­ler­tunnel. Es soll eine Art Weckruf für seine Mann­schaft sein, sagt Juri C. Er habe nie­manden ver­letzen wollen und absicht­lich auf den still­ge­legten Tunnel gezielt. Er sei immer ein guter Werfer gewesen. Schon als Jugend­li­cher habe er mit Freunden im Sta­dion des SSC Neapel auf Masten geworfen und immer getroffen. Die meisten Pro­zess­be­ob­achter schüt­teln dar­über den Kopf: ein gezielter Wurf über 20 Meter, aus einem vollen Fan­block, der Werfer ist außerdem besoffen, bekifft und auf Speed – das soll mög­lich sein? Ein nüch­terner Poli­zist hat den Wurf im leeren Sta­dion simu­liert. Nächste Woche wird er davon berichten, und schon jetzt hört man auf den Gerichts­fluren, was sich jeder denken kann: Der Poli­zist hat einige Würfe gebraucht, bis er sein Ziel zum ersten Mal getroffen hat.

Neben seinem angeb­li­chen Wurf­ta­lent und der dro­gen­be­dingten ver­min­derten Steue­rungs­fä­hig­keit“ baut der Anwalt von Juri C. die Ver­tei­di­gung vor allem auf einem Argu­ment auf: Sein Man­dant sei in einer ganz anderen Fan­kultur auf­ge­wachsen. In Ita­lien habe das Han­tieren mit gefähr­li­cher Pyro­technik Tra­di­tion, ver­folgt würden die Zündler und Bom­ben­leger kaum.
Die ita­lie­ni­sche Fan-Seele war tat­säch­lich von jeher eine andere. Böller haben immer dazu­ge­hört“, sagt Fan-For­scher Gunter Pilz. 2001 habe die ita­lie­ni­sche Regie­rung die Gesetzte ver­schärft, 2005 nochmal; Milan-Tor­wart Dida war gerade von einer Rakete getroffen worden. Wie man aber in Ita­lien tat­säch­lich mit Gewalt umgehe, das zeigt laut Pilz eine Aus­sage, über die er sich bis heute auf­regt: Nachdem in Catania ein Poli­zist von einem Ultra ermordet worden ist, war sich der Prä­si­dent der ita­lie­ni­schen Liga nicht zu blöd zu sagen: Warum die Auf­re­gung? Der Tod gehört zu unserem Geschäft!‘“

Albern­heit ist nicht die Aus­nahme – es ist der Grundton

Danach ist Pilz klug genug, nicht den Küchen­psy­cho­logen zu spielen. Wie stark muss die Ver­wur­ze­lung des Ange­klagten in ita­lie­ni­schen Ver­hält­nissen sein, um hier in Deutsch­land so mit Spreng­kör­pern zu han­tieren?“, fragt ihn der Vor­sit­zende Richter. Sie zwingen mich zu spe­ku­lieren. Das ist eigent­lich nicht meine Auf­gabe“, ant­wortet Pilz. Der renom­mierte Pro­fessor behan­delt das Thema mit der Serio­sität, die es ver­dient. Der Vor­sit­zende Richter und eine Bei­sit­zerin stellen dagegen oft eigen­ar­tige Fragen, ham­peln auf ihrem Stuhl herum und machen Witz­chen über nicht funk­tio­nie­rende Technik oder die Beleh­rung von Zeugen. Albern­heit ist an diesem Pro­zesstag nicht die Aus­nahme – es ist eher der Grundton. Dabei geht es nicht um Wild­pinkler oder Schwarz­fahrer, son­dern um 33 Ver­letzte. Viel­leicht wird es bald neue Opfer geben. Und das nicht, weil der DFB Feu­er­werks­körper tole­riert, son­dern weil er sie vor kurzem strikt ver­boten hat.

Jetzt hat man als Ultra schon sein erstes Erfolgs­er­lebnis, wenn man solche Gegen­stände trotz schär­ferer Kon­trollen mit ins Sta­dion bringt“, sagt Gunter Pilz. Dieser Ehr­geiz erkläre sich auch durch die beson­dere Hal­tung der Ultras. Anders als die Hoo­li­gans, die die Polizei als sport­li­chen Gegner betrachtet haben, sehen die Ultras die Poli­zisten und Wach­leute als Feind, der sie am Aus­leben ihrer krea­tiven Bedürf­nisse hin­dern will.“ Für wen die Ultras ihre Bedürf­nisse tat­säch­lich aus­leben, ist schon häufig geschrieben worden. Der Fan­for­scher bringt es aber noch einmal auf den Punkt: Es wun­dert mich, dass Spieler manchmal über die Ultras sagen Wir haben die tollsten Fans.‘“ Würden die Spieler genau hin­schauen, dann müssten sie laut Pilz erkennen, dass die Ultras oft nur sich selber feiern. Und die Unter­stüt­zung der Kurve ist dann am geringsten, wenn die Mann­schaft sie am meisten braucht.“ Das mag nach Pau­scha­li­sie­rung klingen. Doch davon ist Pilz weit ent­fernt.

30 Ent­schul­di­gungs­briefe für die Opfer

Wie dif­fe­ren­ziert er denkt, zeigt sich spä­tes­tens, als er den Ersatz­fa­mi­lien-Cha­rakter der Ultras ana­ly­siert. Wenn 50 Ultras gewalt­tätig sind, finden das 2000 bis 3000 andere wirk­lich nicht gut. Aber die Ultras haben nun mal ein enges Treue- und Fami­li­en­ver­ständnis. Des­halb nehmen die fried­li­chen Fans hin, was ihre Brüder da machen.“

Nach rund einer Stunde bedankt sich der Vor­sit­zende Richter bei Pilz. Durch ihn sei man schlauer geworden. Am nächsten Dienstag wird der Pro­zess fort­ge­setzt. Der Poli­zist, der die Pro­be­würfe im leeren Sta­dion gemacht hat, sagt aus. Außerdem kommt ein Spreng­stoff­ex­perte, und ein Psych­iater äußert sich zu der Frage, wie sehr die Steue­rungs­fä­hig­keit von Juri C. durch seinen Alkohol- und Dro­gen­cock­tail gelitten hat.

Zum Schluss der heu­tigen Sit­zung liest der Vor­sit­zende Richter noch zwei von ins­ge­samt über 30 Ent­schul­di­gungs-Briefen vor, die Juri C. aus der Unter­su­chungs­haft an seine Opfer und den Vor­sit­zenden geschickt hat. Sehr geehrter Herr Richter, ich bin der große Idiot, der am 10. Sep­tember 33 Leute ver­letzt hat“, beginnt einer von ihnen. Der Ange­klagte schreibt, er wolle not­falls 20 Jahre arbeiten, um seine Schuld wieder gut­zu­ma­chen.

Ab wann er damit beginnen kann, wird das Gericht vor­aus­sicht­lich am kom­menden Mitt­woch ent­scheiden.