Seite 2: „Wenn es eng wurde, habe ich den Verein gewechselt“

Waren Sie damals schon besser als die anderen Kinder?
Ohne arro­gant klingen zu wollen: Ich war wohl ein großes Talent. Bloß hatte ich noch nicht kapiert, dass Talent alleine irgend­wann nicht mehr reicht. Son­dern dass man auch an sich arbeiten muss. Statt­dessen habe ich mich in der Jugend auf dem, was ich hatte – der Schnel­lig­keit, dem Dribb­ling – aus­ge­ruht. Und die anderen Jungs haben Stück für Stück auf­ge­holt.

War Ihnen Kritik damals egal?
Egal ist das fal­sche Wort. Ich war nur im Gegen­satz zu meinen Trai­nern zu früh zu zufrieden. Weil es lange Zeit trotzdem für mich gereicht hat. Und wenn es eng wurde, habe ich ein­fach den Verein gewech­selt. Damals war das ja sehr ein­fach, ich hatte keine Ver­träge, keine Ver­pflich­tungen. Genü­gend Inter­es­senten gab es immer. Im Nach­hinein denke ich: Wo wäre ich jetzt, wenn ich damals nicht bockig geworden wäre, wenn ich mal auf der Bank saß, son­dern einen anderen Ehr­geiz ent­wi­ckelt hätte?

Wissen Sie, für wie viele Ver­eine Sie gespielt haben?
Ich weiß nur: Es waren viel zu viele. Aber lassen Sie mich nach­denken: Viel­leicht zehn? Oder elf?

Laut Wiki­pedia-Ein­trag sind es 13.
Kuchen, Ebers­bach, VfB Stutt­gart, Eis­lingen, Karls­ruher SC, Kai­sers­lau­tern, Hom­burg, Stutt­garter Kickers, Göp­pingen, Grun­bach, Frei­berg, Sand­hausen, Cottbus, Pader­born. Es waren 14…

Wer in der Jugend so oft wech­selt, wird irgend­wann schief ange­guckt. Hatten Sie damals einen schlechten Ruf?
Ich glaube nicht. Wie gesagt: Damals gab es keine Ver­träge, keine Berater, es wurde kein großes Tamtam um diese Wechsel gemacht. Wenn ich jetzt, als Profi, jedes Jahr wech­seln würde, wäre das wahr­schein­lich anders.

Wie anstren­gend ist es für den Kopf, wenn man alle sechs Monate wieder der Neue“ in der Kabine ist?
Das ging total klar. Ich finde mich gut in Gruppen ein. Außerdem gab es meis­tens, so war zumin­dest mein Gefühl, eine Art Wow-Effekt, wenn ich neu kam. Nach dem Motto: Wie schnell ist dieser Typ denn?“ Das ist zwar zu oft zu schnell ver­flogen, weil ich nicht genug an mir gear­beitet habe, aber der Ein­stieg war nie ein Pro­blem.

Um mich herum hieß es: Mach lieber eine Aus­bil­dung“

Konnten Sie bei all dem Hin und Her Freund­schaften auf­bauen?
Defi­nitiv. Bei Jungs geht das meiner Mei­nung nach auch sehr schnell. Man hängt eine Woche zusammen rum – und schon ver­hält man sich unter­ein­ander wie unter dicken Bros. Und hat gefühlt alles durch­ge­macht. Manchmal reicht es auch, einen ein­zigen Abend zusammen unter­wegs zu sein… (Lacht.)

Einige Ihrer ehe­ma­ligen Mit­spieler aus Stutt­gart oder Karls­ruhe rückten als 18-Jäh­rige plötz­lich auf die große Bühne – wäh­rend Sie für Grun­bach in der Ober­liga spielten. Oder auf der Bank saßen.
Einige? Ich könnte eine kleine Welt­aus­wahl zusam­men­stellen.

Gerne.
Im Tor waren es Bernd Leno und Odis­seas Vla­cho­dimos. In der Abwehr Koray Günter, Robin Yalcin und Jeremy Toljan. Und weiter vorne wurde es dann extrem: Hakan Cal­ha­noglu, Rani Khe­dira, Serge Gnabry, Timo Werner… Bestimmt habe ich noch ein paar ver­gessen.

Waren Sie damals nei­disch, wenn Sie die Kum­pels von früher plötz­lich im Fern­sehen sahen?
Nein, nicht nei­disch. Es war ein­fach ärger­lich. Nach dem Motto: Alter, die haben es gepackt, die zocken auf dem höchsten Level – und ich bin noch nicht so weit gekommen.“ Gleich­zeitig hatte ich das Ziel Pro­fi­fuß­ball immer im Kopf. Ich war mir sicher: Ich packe das auch noch. Die Frage war nur wann.

Hatten Sie keine Zweifel?
Ich selber nicht. Ich habe mir nur ein Limit gesetzt: Wenn ich mit 24 Jahren nicht gut vom Fuß­ball leben kann, trete ich kürzer.“

Gab es einen Plan B?
Nein, gar nicht. (Lacht.) Um mich herum hieß es auch immer: Junge, mach lieber eine Aus­bil­dung.“ Aber je mehr Men­schen mir das sagten, desto trot­ziger und sturer wurde ich. Ich wollte es ihnen beweisen. Jetzt bin ich den Leuten dankbar, die mich damals in der Ober­liga kannten und meinten, ich solle lieber mal auf­hören zu träumen.