Bernd Schneider, machen Sie sich Sorgen um die deut­sche Natio­nal­mann­schaft?
Nein, warum sollte ich das tun? Meinen Sie etwa wegen des ver­lo­renen Cham­pions-League-Finals der Bayern am Sonn­abend gegen Chelsea?

Genau. Es heißt, die Bayern-Spieler könnten mental ange­schlagen in die Euro­pa­meis­ter­schaft gehen. Sie wurden 2002 mit Bayer Lever­kusen eben­falls drei Mal Zweiter und sind dann zur WM gereist. Nimmt man die Gedanken an diese Ent­täu­schungen mit ins Tur­nier?
Eigent­lich nicht. Natür­lich ist jeder Spieler anders. Aber nor­ma­ler­weise sollte eine Nie­der­lage, egal wie schmerz­lich sie auch sein mag, ver­gessen sein, wenn man zur Natio­nal­mann­schaft reist.

Was stimmt Sie so opti­mis­tisch?
Bei der Natio­nal­mann­schaft kommt man in ein kom­plett anderes Umfeld. Ich drücke es mal ein­fach aus: Du reist da an und plötz­lich hast du Spieler von anderen Ver­einen um dich herum. Die sind alle gut drauf und ziehen dich mit ihrer Laune wieder hoch. Dir bleibt im Grunde auch gar keine Zeit, um Trübsal zu blasen.

Auch nicht, wenn man mal allein im Hotel­zimmer ist?
Das sollte man in den ersten Tagen ver­meiden. Es gibt genug Mög­lich­keiten, sich abzu­lenken: Fahr­rad­touren, Fern­seh­abende, Gespräche mit den Kol­legen. Alles, wobei man nicht allein ist, hilft.

Kann man sich als Spieler denn so ein­fach von einem Ziel auf das nächste fokus­sieren?
Das geht. Gerade weil eine WM oder EM auch nicht irgendein Ziel ist. Viele Spieler kommen im Laufe ihrer Kar­riere nur drei oder vier Mal in den Genuss, ein sol­ches Tur­nier zu spielen. Wenn über­haupt. Dazu arbeitet man über zwei Jahre darauf hin: Erst die müh­se­lige Qua­li­fi­ka­tion und dann das eigent­liche Tur­nier. Diesen Auf­wand ver­gisst du nicht. Hängen lässt sich da keiner, auch wenn die Saison im Klub viel­leicht nicht so optimal geendet ist.

Bun­des­trainer Joa­chim Löw hat ange­kün­digt, die Bayern-Spieler jetzt ein paar Tage in Ruhe zu lassen, damit sie Abstand gewinnen können. Halten Sie das für den rich­tigen Weg?
Ich denke ja. Als Spieler soll man so ein Erlebnis ja auch nicht ver­drängen, son­dern ver­ar­beiten. Da kann es hilf­reich sein, wenn man zwei, drei Tage kom­plett in Ruhe gelassen wird. Wie gesagt, jeder ist da anders, aber Joa­chim Löw kennt die betrof­fenen Spieler gut. Er weiß, wie er mit ihnen umgehen muss.

Wie haben Sie es damals emp­funden, nach der ver­patzten Meis­ter­schaft und den ver­lo­renen End­spielen in DFB-Pokal und Cham­pions League zur Natio­nal­mann­schaft zu reisen?
Als Erleich­te­rung. Mir per­sön­lich hat das sehr geholfen. So blieb mir keine Zeit zum Nach­denken. Ich hätte es viel schlimmer gefunden, wenn die Saison danach zu Ende gewesen wäre und ich vier Wochen hätte grü­beln können. Urlaub wäre da zur Qual geworden. Wobei unsere Situa­tion 2002 nur schwer mit der der Bayern ver­gleichbar ist.

Weil Lever­kusen als krasser Außen­seiter nach Glasgow gereist war?
Richtig. In der Cham­pions League haben wir auch ver­dient 1:2 gegen Real Madrid ver­loren. Danach sind wir ins Flug­zeug, haben die Stadt und das Erlebte schnell hinter uns gelassen. Für die Bayern ist das nicht mög­lich. Eine Nie­der­lage im eigenen Sta­dion schmerzt mehr.

Vor allem Bas­tian Schwein­s­teiger könnte Bun­des­trainer Joa­chim Löw nach seinem ver­schos­senen Elf­meter Sorgen bereiten.
Er kommt da wieder raus. Man muss es positiv sehen: Hätte Bas­tian in Madrid nicht den ent­schei­denden Elf­meter ver­wan­delt, wären die Bayern gar nicht ins End­spiel gekommen.