Der fol­gende Text stammt aus dem Buch Schwarze Adler, weiße Adler – Deut­sche und pol­ni­sche Fuß­baller im Räder­werk der Politik“ (Verlag Die Werk­statt) von Thomas Urban.

Kla­gen­furt, 8. Juni 2008: Im ersten Spiel der EM 2008 trifft Deutsch­land auf Polen. In der 20. Minute bekommt Lukas Podolski den Ball sieben Meter vor dem Tor von Miroslav Klose zuge­spielt – und lässt sich diese Chance nicht ent­gehen. Der Schütze wird von seinen Mit­spie­lern beglück­wünscht, er aber ver­zieht keine Miene. In der 72. Minute macht Podolski mit einem Gewalt­schuss vom Straf­raum­rand den 2:0‑Sieg der Deut­schen per­fekt – wie­derum nach Vor­ar­beit Kloses. Und erneut bleibt der Tor­schütze ganz ernst, ver­sagt sich jede Geste des Jubels. Nach dem Abpfiff kommt es zum obli­ga­to­ri­schen Tri­kot­tausch. Podolski läuft im roten Hemd mit dem weißen Adler zum pol­ni­schen Fan-Block. Später sagt er dazu: Ich war zufrieden, dass ich meine Auf­gabe als Spieler gut gelöst hatte, und gleich­zeitig war ich traurig.“

Meh­rere pol­ni­sche Kom­men­ta­toren meinten, die Deut­schen hätten nur gewonnen, weil ein Pole für sie Tore geschossen und ein anderer Pole, näm­lich Klose, dafür die Vor­lagen gelie­fert habe. Auch in deut­schen Blät­tern wurde darauf ver­wiesen, dass zwei gebür­tige Polen“ die Nie­der­lage der eigenen Lands­leute in einem pres­ti­ge­träch­tigen Spiel besie­gelt hätten. Bei der WM zwei Jahre zuvor, als Podolski im Ach­tel­fi­nale gegen Schweden eben­falls zwei Tore geschossen hatte, wie­derum nach Vor­ar­beit von Klose, schrieb das War­schauer Bou­le­vard­blatt Fakt“: Das hat es noch nicht gegeben – Mil­lionen Deut­sche hul­digten den pol­ni­schen Helden!“

In der Tat wurden Klose und Podolski als Staats­bürger der Volks­re­pu­blik Polen geboren, in Oppeln (Opole) und Glei­witz (Gli­wice). Da aber bei beiden die Vor­fahren väter­li­cher­seits Bürger des Deut­schen Rei­ches waren, hatten sie von Anfang an nach Artikel 116 des Grund­ge­setzes das Recht auf den begehrten grünen Bun­des­pass“, wie man in Polen sagte. Dem­nach ist auch Deut­scher, wer als Flücht­ling oder Ver­trie­bener deut­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit oder als dessen Ehe­gatte oder Abkömm­ling in dem Gebiete des Deut­schen Rei­ches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Auf­nahme gefunden hat.“ Der Bezug auf die Grenzen von 1937“ fand sich erst­mals im Pots­damer Pro­to­koll von 1945; die Alli­ierten wollten damit klar­stellen, dass die Erwei­te­rung des Reichs­ge­bietes durch den Anschluss Öster­reichs und des Sude­ten­landes im fol­genden Jahr als ungültig ange­sehen werde.

Die Fami­lien Klose und Podolski gehörten zu den rund andert­halb Mil­lionen Spät­aus­sied­lern, die seit den fünf­ziger Jahren aus dem pol­ni­schen Hoheits­ge­biet, vor allem aus Ober­schle­sien und Masuren, in die Bun­des­re­pu­blik gekommen sind. Häufig aus poli­ti­schen Gründen, weil sie näm­lich als Deut­sche Repres­sionen durch die kom­mu­nis­ti­schen Behörden aus­ge­setzt waren, oft auch aus wirt­schaft­li­chen Gründen, weil der Alltag mit seinen krassen Ver­sor­gungs­män­geln in der Plan­wirt­schaft überaus mühsam war. Fast alle pol­ni­schen Medien igno­rierten diese his­to­ri­schen Hin­ter­gründe. Nur die links­li­be­rale Gazeta Wyborcza schrieb klar: Klose und Podolski sind zwar in Polen geboren, doch ihre Eltern haben deut­sche Wur­zeln.“ Dagegen hieß es in Fakt“: Die an der Weichsel“ gebo­renen Polen, die nun in der Bun­des­liga spielten, könnten eine eigene Natio­nal­mann­schaft bilden. Doch sind die auf­ge­führten Spieler nicht an der Weichsel, son­dern an der Oder geboren – in Ober­schle­sien.

Lojalka und Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung

Ein beträcht­li­cher Teil der Ein­wohner Ober­schle­siens war in den ersten Nach­kriegs­jahren von der Ver­trei­bung ver­schont geblieben. Zum einen wurden die deut­schen Fach­kräfte in der Indus­trie und in den kom­mu­nalen Ver­sor­gungs­ein­rich­tungen zurück­ge­halten, weil es für ihre Tätig­keiten noch keine pol­ni­schen Spe­zia­listen gab. Zum anderen betrach­teten die pol­ni­schen Behörden die zwei­spra­chigen Ober­schle­sier und auch die Masuren schlicht als Lands­leute, obwohl ein Groß­teil von ihnen sich selbst kei­nes­wegs als Polen ansah.

Die Zurück­ge­blie­benen mussten sich aller­dings einer Veri­fi­zie­rung“ unter­ziehen, in der ihre Kennt­nisse des Pol­ni­schen über­prüft wurden. Ins­ge­samt waren es fast 900.000 Per­sonen, die vor den Kom­mis­sionen erschienen. Meh­rere Zehn­tau­send Men­schen, die als Deut­sche galten oder die Veri­fi­zie­rung ablehnten, kamen in den ersten beiden Nach­kriegs­jahren in Arbeits­lager. Tau­sende kamen dort um, Tau­sende unter­zeich­neten schließ­lich die Lojalka“ (Loya­li­täts­er­klä­rung) zum pol­ni­schen Staat, um aus dem Lager zu kommen.

Viele Ober­schle­sier blieben aus dem ein­fa­chen Grunde, weil sie nicht Haus und Hof auf­geben wollten; auch gab es west­lich von Oder und Neiße nur zer­bombte und von Flücht­lingen über­füllte Städte. Ein Groß­teil von ihnen war auch der Über­zeu­gung, dass die pol­ni­sche Ver­wal­tung nur vor­über­ge­hend sei, dass die Deut­schen zurück­kämen. Im Pots­damer Pro­to­koll war ja die Rede davon gewesen, dass die Ost­ge­biete unter pol­ni­sche Ver­wal­tung“ kommen sollten; die Frage der pol­ni­schen West­grenze hatten die Sie­ger­mächte auf der Pots­damer Kon­fe­renz offen­ge­lassen.

Diese Erwar­tungen erfüllten sich jedoch nicht, das kom­mu­nis­ti­sche Regime sta­bi­li­sierte sich und betrach­tete die bis­he­rigen deut­schen Ost­ge­biete als eigenes Staats­ge­biet, wogegen die West­mächte zunächst pro­tes­tierten. Die Ober­schle­sier, die bis­lang Bürger des Deut­schen Reichs waren, bekamen indes kei­nes­wegs sofort die vollen Bür­ger­rechte zuer­kannt. Viel­mehr wurden sie auf vie­lerlei Weise von den Behörden dis­kri­mi­niert. Der Gebrauch der deut­schen Sprache wurde mit Buß­geld belegt, in ober­schle­si­schen Schulen wurde kein Deutsch unter­richtet, deut­sche Bücher wurden beschlag­nahmt und meist ver­nichtet.

Da aber das Deutschtum“ auf diese Weise nicht aus­zu­rotten war, ent­schloss sich War­schau letzt­lich, die Abwan­de­rung von ehe­ma­ligen Reichs­bür­gern und ihrer Ange­hö­rigen im Rahmen der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung“ zuzu­lassen. Unter Par­tei­chef Edward Gierek begriff die pol­ni­sche Füh­rung in den sieb­ziger Jahren, dass sich mit den Aus­rei­se­wil­ligen ein Geschäft machen ließ: Sie sagte Bonn die Aus­reise von 125.000 Deutsch­stäm­migen aus ganz Ober­schle­sien zu, im Gegenzug ver­mit­telte Bun­des­kanzler Helmut Schmidt einen Kredit über eine Mil­li­arde Mark. Aller­dings wurden Ober­schle­sier, die Aus­rei­se­an­träge stellten, meist von den Behörden schi­ka­niert. Viele von ihnen ver­loren ihre Arbeit. Unter den Spät­aus­sied­lern waren auch Ober­schle­sier, deren Eltern oder Groß­el­tern nach dem Ersten Welt­krieg für Polen optiert hatten; manche waren sogar in pol­ni­schen Gesell­schaften aktiv gewesen. Nun ver­ließen ihre Nach­kommen als deut­sche Spät­aus­siedler das Land.

Sozia­lismus oder Kapi­ta­lismus

Mit der großen Aus­sied­ler­welle Ende der sieb­ziger Jahre zog auch die Familie des damals noch jugend­li­chen Martin Max von Ober­schle­sien ins Ruhr­ge­biet. Talent­su­cher von Borussia Mön­chen­glad­bach wurden auf ihn auf­merksam; als er 21 Jahre alt war, bekam er 1989 dort seinen ersten Pro­fi­ver­trag. Mit dem Verein vom Nie­der­rhein gewann er 1995 den DFB-Pokal, zwei Jahre später mit Schalke 04 sogar den UEFA-Cup.

Nach seinem Wechsel zu 1860 Mün­chen wurde Max in den Jahren 2000 und 2002 Tor­schüt­zen­könig der Bun­des­liga. In dieser Zeit kam er auch zu seinem ein­zigen Län­der­spiel­ein­satz: In einem Freund­schafts­spiel gegen Argen­ti­nien wurde er acht Minuten vor Schluss ein­ge­wech­selt. Seine Kar­riere been­dete er bei Hansa Ros­tock. In fünf­zehn Jahren war er auf 386 Bun­des­li­ga­par­tien gekommen.

Auf eine Bun­des­li­ga­saison weniger als Max kam sein ober­schle­si­scher Lands­mann Dariusz Wosz, dessen inter­na­tio­nale Kar­riere dagegen ungleich erfolg­rei­cher war: Er bestritt 24 Län­der­spiele, sieben für die DDR, 17 für die DFB-Elf. Die Familie Wosz hatte sich näm­lich nicht dem großen Aus­sied­lerzug in den Westen ange­schlossen, son­dern war von Ober­schle­sien nach Halle in der DDR gezogen. Dort betrieb der Onkel des spä­teren Natio­nal­spie­lers eine Gärt­nerei. Er hatte eine Hal­len­serin gehei­ratet und war in die DDR gezogen.

Sein Schwager und seine Schwester Dorota, Dari­uszs Eltern, sahen für sich keine Per­spek­tiven mehr in der Volks­re­pu­blik Polen. Dorota Wosz berich­tete, dass ihr Vater wie­der­holt Ärger mit den Behörden gehabt habe, da sie als Kind in der Öffent­lich­keit Deutsch gespro­chen habe. Sie sei des­halb sogar von ihrem Lehrer geschlagen worden.

Als ihr Mann und sie später den Aus­rei­se­an­trag stellten, habe ihr eine Leh­rerin gestanden, dass der Direktor der Schule sie ange­wiesen habe, Dariusz schlechte Schul­noten zu geben. Die Woszs waren vor der Über­sied­lung über­zeugt, sie könnten ihre pol­ni­schen Pässe behalten. Die Polen durften damals vor­über­ge­hend in den Westen und nach West-Berlin reisen; dort lebte damals ein Teil der Familie Wosz. Doch nach der Ankunft in Halle mussten sie ihre pol­ni­schen Pässe abgeben und bekamen statt­dessen DDR-Aus­weise. So waren wir vom Sozia­lismus in den Sozia­lismus gekommen“, sagte Dorota Wosz im Rück­blick.

Der damals zehn Jahre alte Darek, wie er in der Familie genannt wurde, sprach fast kein Deutsch. Wie viele andere Über­sied­ler­kinder kom­pen­sierte er seine anfäng­li­chen schu­li­schen Pro­bleme mit sport­li­chem Ehr­geiz. Sein Feld wurde zunächst der Eis­schnell­lauf, er wurde sie­benmal in die Jugend­aus­wahl der DDR berufen. Doch letzt­lich gewann der Fuß­ball die Ober­hand.

Der beste der ört­li­chen Clubs, Chemie Halle, wurde auf ihn auf­merksam, dann auch der Trai­ner­stab der DDR-Aus­wahl; als 16-Jäh­riger nahm er an einer Reise einer Jugend­mann­schaft nach Süd­ame­rika teil. Beim Rück­flug hat er nach dem Bericht der Mutter den Abwer­be­ver­such eines offenbar west­deut­schen Pas­sa­giers zurück­ge­wiesen, der ihm eine Fuß­ball­kar­riere im Westen in Aus­sicht gestellt haben soll, falls er bei einer Zwi­schen­lan­dung das Flug­zeug ver­lasse.

1988, gerade 18 Jahre alt, spielte Wosz bereits in der ersten Mann­schaft von Chemie Halle. Schon kurz darauf folgte die Ein­la­dung zu seinem ersten Län­der­spiel für die DDR. Wenige Monate später fiel die Ber­liner Mauer. Seine Mutter Dorota hatte drei Tage zuvor nach langen Kämpfen mit der DDR-Büro­kratie end­lich zu ihren Ver­wandten nach West-Berlin reisen dürfen. Ein Jahr nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung 1990 unter­zeich­nete Wosz einen Ver­trag beim VfL Bochum, wo er bald einer der zen­tralen Spieler und Mann­schafts­ka­pitän wurde. Von einem drei­jäh­rigen Zwi­schen­spiel bei Hertha BSC abge­sehen, hielt er Bochum bis zum Ende seiner Kar­riere im Jahr 2005 die Treue.

Eine Zeit­lang spielte Wosz beim VfL Bochum mit Paul Freier zusammen, der 1979 im ober­schle­si­schen Beu­then auf den Namen Sła­womir Paweł getauft worden war. Als er sieben Jahre alt war, sie­delte seine Familie an den Rand des Ruhr­ge­bietes über. Mitt­ler­weile auf den Namen Paul hörend, kam er bereits als Jugend­li­cher zum VfL Bochum. Nach vier Jahren des Aufs und Abs zwi­schen Erster und Zweiter Bun­des­liga wech­selte er zu Bayer 04 Lever­kusen, um nach wei­teren vier Jahren nach Bochum zurück­zu­kehren.

Zurück­wei­sung weiß-roter Offerten

Der erste Ober­schle­sier, dem in der Bun­des­liga und der Natio­nal­mann­schaft der große Durch­bruch gelang, war Miroslav Klose aus Oppeln, dem Zen­trum der deut­schen Min­der­heit in Polen. Sein Vater Josef berich­tete, dass seine Eltern Deutsch gespro­chen haben. Er selbst wuchs indes zu einer Zeit auf, als die Par­tei­füh­rung den öffent­li­chen Gebrauch der deut­schen Sprache unter Strafe gestellt hatte und auch kein Deutsch­un­ter­richt in den Schulen Ober­schle­siens statt­fand.

Die Familie Klose hat aller­dings nicht bei den pol­ni­schen Behörden die Aus­reise in die Bun­des­re­pu­blik bean­tragt, son­dern ist von einer offi­ziell geneh­migten Urlaubs­reise nach Frank­reich 1985 nicht zurück­ge­kehrt. Josef Klose hatte näm­lich mit Erlaubnis der pol­ni­schen Behörden zuletzt in fran­zö­si­schen Clubs in Auxerre und Châ­lons-sur-Saône gespielt, nachdem er zuvor viele Jahre lang Stürmer bei Odra Oppeln gewesen war.

Die Kloses mel­deten sich bei den bun­des­deut­schen Behörden und wurden erst einmal in ein Heim für Spät­aus­siedler ein­ge­wiesen. Miroslav Klose schil­derte seine Ein­drücke von dieser Zeit, er war damals acht Jahre alt: Für mich war es ein bru­taler Schock. In dem Aus­sied­ler­heim weinte ständig irgend­je­mand. Die Kinder waren oft krank. Es herrschte ein großes Chaos. Wir waren der Über­zeu­gung, dass wir schnell den Marsch nach oben antreten mussten.“

Wegen seiner feh­lenden Deutsch­kennt­nisse war der Ein­stieg in die Schule nicht gerade ein­fach für ihn: Am ersten Tag mussten wir ein Diktat schreiben, ich kannte auf Deutsch aber nur die Wörter ja‘, nein‘ und danke‘.“ Später wurde er um zwei Klassen zurück­ge­setzt, von der vierten in die zweite Klasse. Auch er kom­pen­sierte seine Start­schwie­rig­keiten in der deut­schen Schule mit Sport: Dort hätte ich mich aus­ge­schlossen gefühlt, wenn wir nicht in jeder freien Minute nach dem Unter­richt hinter dem Ball her­ge­jagt wären. (…) Ich erin­nere mich, dass ich jedes Mal als Erster gewählt wurde, wenn die Mann­schaften auf­ge­stellt wurden. Jeder wollte, dass ich in seiner Mann­schaft spielte. Das gab mir Selbst­si­cher­heit und half mir, mich in der neuen Lage zurecht­zu­finden. Schließ­lich hat mir diese Erfah­rung auch erlaubt, mich bei den Deut­schen zu inte­grieren.“

Klose spielte als Jugend­li­cher beim FC Hom­burg, bis zu dem Moment, als Stefan Majewski, der pol­ni­sche Bun­des­li­ga­profi des 1. FC Kai­sers­lau­tern, ihn unter die Lupe nahm. Majewski hatte gemeinsam mit dem frü­heren Natio­nal­stürmer Andrzej Szar­mach die Familie Klose in ihrem Haus in Rhein­land-Pfalz besucht.9 Szar­mach hatte Josef Klose in Auxerre ken­nen­ge­lernt und war seitdem mit ihm befreundet. Majewski holte Miroslav Klose zu den Ama­teuren des 1. FC Kai­sers­lau­tern, die er trai­nierte. Als Majewski als Trainer zum pol­ni­schen Club Amica Wronki wech­selte, wollte er Klose dorthin mit­nehmen. Doch dieser zog es vor, in Kai­sers­lau­tern zu bleiben. Er über­zeugte den dama­ligen Trainer Otto Reh­hagel von seinen Fähig­keiten und schaffte so den Sprung in die Bun­des­li­ga­mann­schaft.

Auf Emp­feh­lung Majew­skis kam der pol­ni­sche Natio­nal­trainer Jerzy Engel im Februar 2001 nach Kai­sers­lau­tern, um per­sön­lich Klose zu einem Län­der­spiel für die Weiß-Roten ein­zu­laden. Dieser schlug das Angebot dan­kend aus: Ich fühle mich als Deut­scher, und wenn ich jemals in einer Natio­nal­mann­schaft spielen werde, so wird es die deut­sche sein.“ Vier Wochen später bestritt er sein erstes Län­der­spiel, Gegner war Alba­nien.

Für die deut­sche Natio­nal­hymne

Als pol­ni­sche Reporter Josef Klose vor seinem Haus fragten, wie er sich als Pole fühle, wenn sein Sohn nun für die Deut­schen spiele, ant­wor­tete dieser: Ich bin Schle­sier und Euro­päer. Mirek ver­dankt alles, was er erreicht hat, den deut­schen Ver­einen und meiner Person.“

Die pol­ni­sche Presse hat ihren Lesern vor­ent­halten, dass Josef Klose im WM-Jahr 2006 zum Oppelner Hei­mat­treffen der Lands­mann­schaft Schle­sien kam; dort hat er sich gemeinsam mit Her­bert Hupka, dem lang­jäh­rigen Vor­sit­zenden der Lands­mann­schaft, foto­gra­fieren lassen.

Sein Sohn Miroslav hat eben­falls wie­der­holt gegen­über pol­ni­schen Jour­na­listen unter­stri­chen, dass er Deut­scher sei. Gele­gent­lich ener­vierte er sie, indem er ihre Fragen auf Deutsch beant­wor­tete. Als er vor dem Spiel gegen Polen bei der WM 2006 gefragt wurde, ob er vor dem Anpfiff beide Natio­nal­hymnen mit­singen werde, sagte er: Nur die deut­sche. Die pol­ni­sche kenne ich über­haupt nicht.“ Auch gegen­über deut­schen Medien bekannte er sich zur Natio­nal­hymne. Dem Playboy“ sagte er: Ich singe auch immer lauter mit als jeder andere. Ich bin keiner, der nur die Lippen auf­spannt, und dann kommt kein Ton raus!“

Doch betonte er auch wie­der­holt, dass er gern nach Polen fahre: Dort wohnen meine Ver­wandten, eine Tante und ein Onkel. Ich mag die Polen sehr gern, die ich dort treffe.“ Gegen­über dem Playboy“ schwärmte er von der Herz­lich­keit und Offen­heit der Men­schen in Ober­schle­sien: Davon können wir hier noch viel lernen.“ Seine Ehe­frau ist Polin, mit ihr spricht er Pol­nisch, ihre Zwil­linge werden zwei­spra­chig erzogen.

Nach den Erfolgen Kloses bei den Welt­meis­ter­schaften warfen pol­ni­sche Sport­kom­men­ta­toren immer wieder den PZPN-Offi­zi­ellen und auch den Klub­prä­si­denten vor, sie hätten nicht genü­gend Anstren­gungen unter­nommen, um Klose für Polen zu gewinnen. Der frü­here Natio­nal­spieler Jan Furtok, der erfolg­reichste Pole in der Bun­des­liga, meinte aller­dings wäh­rend der WM 2010 dazu, dass Klose in Polen auf keinen Fall eine Welt­kar­riere gemacht hätte: Bei einigem Glück hätte er zwei pol­ni­sche Meis­ter­titel mit Wisła Krakau oder Lech Posen erreicht, und jetzt würde er noch für die Rente dazu­ver­dienen, indem er auf Zypern oder in einer der nied­ri­geren grie­chi­schen Ligen spielte.“ Der Boxer Dariusz Mich­al­c­zewski sagte bei der­selben Gele­gen­heit: Wenn Klose in Polen geblieben wäre, würde er heute sicher­lich ver­dienen – indem er Spiele ver­kauft.“

Gegen die deut­sche Natio­nal­hymne

Auch im Falle Podol­skis ver­wiesen pol­ni­sche Fuß­ball­ex­perten darauf, dass er sich kaum in dieser Weise ent­wi­ckelt hätte, wenn die Familie ihre Heimat nicht ver­lassen hätte. Unter den ehe­ma­ligen Nach­barn der Familie herrschte eben­falls Einig­keit dar­über: Wenn er hier­ge­blieben wäre, würde er nicht solche Tore schießen.“

Lukas Podolski selbst erklärte in den pol­ni­schen Medien, dass der PZPN ihm keine Per­spek­tive geboten habe: Ich kann es schon nicht mehr hören, dass ich angeb­lich wegen des Geldes für die Deut­schen spiele, dass ich keine Ehre habe, dass die Ver­treter des pol­ni­schen Ver­bandes mich ange­fleht hätten, dass ich mit dem weißen Adler auf der Brust spiele. (…) Die Wahr­heit ist eine andere: Nie­mand hat mir vor­ge­schlagen, für Polen zu spielen, als dies noch mög­lich war. Die Offi­zi­ellen haben den güns­tigen Moment ver­schlafen.“

Erst als er bereits beim 1. FC Köln in der Bun­des­liga Furore machte, schickte ihm der PZPN ein Trikot mit dem weißen Adler, der Rücken­nummer 10 und seinem Namen. Bild“ schrieb dar­aufhin, die Polen wollten Podolski klauen“. Sein Vater Wal­demar sagte im Rück­blick: Lukas könnte für Polen spielen, wenn die Herren vom PZPN sich recht­zeitig ori­en­tiert hätten, dass mein Sohn Fuß­ball­spieler ist.“

Wal­demar Podolski hatte eben­falls eine Fuß­ball­kar­riere ange­strebt. Er spielte in zweitund dritt­klas­sigen Clubs in Ober­schle­sien, bis ihm der Liga­verein Szom­bierki Bytom (Beu­then) einen Ver­trag gab. Doch bestritt er nur eine ein­zige Partie in der obersten Spiel­klasse Polens.

Nach einer Saison ver­ließ er den Club und trat wieder für Ver­eine der Bezirks­liga an. Nebenbei schloss er das Lehr­amts­stu­dium im Fach Eng­lisch ab. Er wuchs zu der Zeit auf, als der aus Kat­to­witz nach War­schau gekom­mene Par­tei­chef Edward Gierek die ober­schle­si­sche Indus­trie­re­gion beson­ders sub­ven­tio­nieren ließ. Wal­demar Podol­skis Frau ent­stammt einer pol­ni­schen Familie ohne deut­sche Vor­fahren; wie die Mutter von Miroslav Klose war sie Hand­ball­na­tio­nal­spie­lerin. Es gibt keine Hin­weise darauf, dass ihre Familie von Repres­sa­lien der pol­ni­schen Behörden betroffen waren, wie sie Ver­wandte und Freunde der Kloses erfahren haben.

Als ihr Sohn Lukas zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Bergheim/​Erft bei Köln um, wohin bereits die Eltern Wal­demar Podol­skis als ehe­ma­lige Reichs­bürger über­ge­sie­delt waren. Lukas Podolski sagte den pol­ni­schen Medien über die Aus­reise der Familie: Die Lebens­be­din­gungen im Lande wurden immer schwie­riger. Es ist meinen Eltern nicht leicht­ge­fallen, sich für Deutsch­land zu ent­scheiden.“

Ganz anders als Miroslav Klose erklärte er immer wieder gegen­über pol­ni­schen Jour­na­listen, dass er sich ent­weder fast oder sogar ganz als deren Lands­mann fühle: Ich habe zwei Herzen, ein deut­sches und ein pol­ni­sches. (…) Ein wenig fühle ich mich als Pole.“ – Ich unter­streiche immer, dass ich Pole bin.“ – Mein Herz schlägt auf Pol­nisch.“

Befrie­digt nahmen die pol­ni­schen Medien zur Kenntnis, dass Podolski mit seinem breiten ober­schle­si­schen Akzent erklärte, er werde – wie­derum im Gegen­satz zu Klose – die deut­sche Natio­nal­hymne nicht mit­singen.

Volks­deut­sches Meis­ter­stück und pol­ni­scher Rap

Aus den Bekennt­nissen Podol­skis zu Polen lei­teten die War­schauer Bou­le­vard­me­dien vor jeder Begeg­nung der Weiß-Roten gegen die DFB-Elf ab, dass dieser nicht mit vollem Ein­satz gegen seine Lands­leute spielen werde, dass er sogar das deut­sche Spiel sabo­tieren könnte. So lau­tete der Bild­text zu einem Podolski-Foto wäh­rend der WM 2006: Unser Mann in der deut­schen Natio­nal­mann­schaft.“ Er selbst wurde von Fakt“ mit den Worten zitiert: Sollte ich allein vor dem Tor­hüter sein, so könnte es sein, dass ich mit dem Schuss zögern werde.“

Doch ein Teil der pol­ni­schen Sport­kom­men­ta­toren und viele Fans halten diese Bekennt­nisse für unglaub­würdig. Das links­li­be­rale Magazin Poli­tyka“ schrieb zu seinem Auf­tritt bei der EM 2008: Nach dem Spiel, in dem er zwei Tore gegen die pol­ni­sche Mann­schaft erzielt hat, wurde er (neben Miroslav Klose) zum wich­tigsten Volks­deut­schen‘ der pol­ni­schen Inter­net­foren.“ Der vom NS-Regime geprägte Begriff volks­deutsch“ bedeutet in Polen (in der Schreib­weise folks­dojcz“) den Verrat an der pol­ni­schen Nation.

Die natio­nal­kon­ser­va­tive Rze­cz­pos­po­lita“ unter­stellte ihm und seinen Bera­tern gar eine Mar­ke­ting­stra­tegie: Das war ein gera­dezu geniales Meis­ter­stück der PR – erst zweimal den Ball im pol­ni­schen Tor zu ver­senken, dann aber die Herzen der pol­ni­schen Fans zu erobern.“

Das natio­nal­pa­trio­ti­sche Lager an der Weichsel empörte der Unter­schied zwi­schen seinen Worten und Taten“. Der frü­here stell­ver­tre­tende Bil­dungs­mi­nister Mirosław Orzechowski, Vor­stands­mit­glied der natio­nal­ka­tho­li­schen Liga pol­ni­scher Fami­lien (LPR), for­derte wäh­rend der EM 2008, Podolski die pol­ni­sche Staats­bür­ger­schaft zu ent­ziehen. Fast alle anderen Par­teien wiesen diese For­de­rung aller­dings zurück; die pol­ni­sche Ver­fas­sung sieht den Entzug der Staats­bür­ger­schaft nicht vor. Podolski ver­wies indes darauf, dass er gar keinen pol­ni­schen Pass besitze.

Unge­achtet dieser Atta­cken auf ihn überwog bei Umfragen zu Podolski in Polen stets ein­deutig die Sym­pa­thie. Er selbst äußerte sich bei vielen Gele­gen­heiten positiv über das Land. Er treffe in Polen vor allem sym­pa­thi­sche Men­schen“. Seine Lieb­lings­musik stamme von pol­ni­schen Gruppen, mit einem bekannten Rapper ließ er sich foto­gra­fieren. Und er lobte die Polinnen im Ver­gleich zu den deut­schen Frauen: Die pol­ni­schen Mäd­chen sind lie­be­voller, emp­find­samer, legen auf Freund­schaft grö­ßeren Wert. Sie haben auch mehr Erotik in sich.“

Wäh­rend Podolski, von seinen deut­schen Fans Poldi“ genannt, in der Bun­des­re­pu­blik längst ein Akteur der Pop­kultur geworden ist, kommt ihm unter den Polen nach Mei­nung von Sozio­logen eine wich­tige gesell­schafts­po­li­ti­sche Funk­tion zu. In einem Essay über das Phä­nomen Podolski“ heißt es: Sein Bild im Trikot mit dem weißen Adler macht einen starken Ein­druck. (…) Sein Bei­spiel ver­weist auf die Abschwä­chung eines starken Iden­ti­täts­kri­te­riums in der gegen­wär­tigen Welt, was bewirkt, das immer mehr Men­schen vor dem Pro­blem stehen, die eigene natio­nale Zuge­hö­rig­keit klar zu defi­nieren. (…) Zwei­fellos dachte die Mehr­heit der­je­nigen, die das Bild des Jungen aus Glei­witz sahen: Kann man gleich­zeitig Pole und Deut­scher sein?“

Podolski selbst ist sich offenbar seiner Rolle als Mittler zwi­schen beiden Gesell­schaften bewusst geworden. So nahm er 2010 an den Feiern zum drei­ßig­jäh­rigen Bestehen des aus Bun­des­mit­teln finan­zierten Deut­schen Polen-Insti­tuts in Darm­stadt teil. Er posierte dabei zum Foto zwi­schen den beiden Prä­si­denten Chris­tian Wulff und Bro­nisław Komo­rowski.

Ein Herz für Polen

Wie Podolski ist auch der gleich­alt­rige Lukas Sin­kie­wicz in Bergheim/​Erft auf­ge­wachsen und hat beim 1. FC Köln seine Bun­des­li­gakar­riere begonnen. Noch ein­deu­tiger als Podolski bekannte er sich gegen­über den War­schauer Medien zu Polen: Mein Herz ist in Polen, aber alles habe ich in Deutsch­land gelernt.“ Schon als Schüler kam er zum 1. FC Köln. Mit 19 Jahren bekam er den ersten Pro­fi­ver­trag, im Jahr 2005 berief ihn Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann erst­mals in die Natio­nal­mann­schaft. Nach dem erneuten Abstieg des 1. FC Köln wech­selte er zu Bayer 04 Lever­kusen.

Doch warfen ihn dort meh­rere Ver­let­zungen zurück, er konnte sich keinen Stamm­platz erkämpfen und wurde nicht mehr in die Natio­nal­mann­schaft berufen. 2010 wech­selte er zum FC Augs­burg in die Zweite Bun­des­liga. Ähn­lich wie Sin­kie­wicz äußerte sich auch der trick­reiche Ham­burger Stürmer Piotr Tro­chowski gegen­über der War­schauer Presse: Mein Herz ist näher an Polen!“ Seine Mutter schrieb sogar Briefe an den PZPN, als er als Jugend­li­cher zunächst bei Con­cordia Ham­burg, dann beim FC St. Pauli bril­lierte: Ich habe daran erin­nert, dass die Deut­schen ihn ohne Unter­lass loben. Nie­mand hat sich jedoch dafür inter­es­siert. (…) Im Grunde meines Her­zens bedauere ich, dass er nicht für Polen spielt.“

Wie bei Podolski waren Tro­chow­skis Vor­fahren väter­li­cher­seits deut­sche Staats­bürger, wäh­rend die Vor­fahren der Mutter Polen waren. Die Familie sie­delte im Wen­de­jahr 1989 aus Danzig nach Ham­burg über, als Piotr fünf Jahre alt war. Sein Vater berich­tete: Wir sind um des täg­li­chen Brots willen gekommen, weil in Polen damals alle Arbeit umsonst war. Ich bin von Beruf Flie­sen­leger, in Deutsch­land konnte man mit diesem Beruf anständig leben und eine Familie unter­halten.“

Die pol­ni­sche Presse rech­nete Tro­chowski hoch an, dass er in Deutsch­land das Polentum hoch­halte. So habe er es im Gegen­satz zu anderen Über­sied­lern, wie Freier oder Podolski, abge­lehnt, seinen sla­wi­schen Vor­namen durch die deut­sche Form zu ersetzen. Er möge es, zitierte ihn Fakt“, wenn um ihn herum Pol­nisch gespro­chen werde. Bei der EM 2008 habe er sich immer wieder mit Klose und Podolski auf Pol­nisch aus­ge­tauscht, wodurch er die Mit­spieler irri­tiert hat“.

Ange­sichts der Erfolge vor allem Kloses, Podol­skis und Tro­chow­skis in der Bun­des­liga und der DFB-Elf ver­langten immer mehr Kom­men­ta­toren und auch Poli­tiker, der PZPN müsse seine Kader­po­litik grund­sätz­lich umstellen. Es habe sich als fal­scher Weg erwiesen, aus­län­di­schen Spie­lern, die in der pol­ni­schen Liga Erfolg haben, die Staats­an­ge­hö­rig­keit zu ver­leihen. So war es mit dem Nige­rianer Emma­nuel Oli­sa­debe vor der WM 2002 geschehen und mit dem Bra­si­lianer Roger Guer­reiro, der eben­falls kein Pol­nisch sprach, vor der EM 2008. Inter­na­tional durch­ge­setzt haben sich beide aller­dings nicht.

Der natio­nal­pa­trio­ti­sche Europa-Abge­ord­nete Syl­wester Chruszcz fand mit einer poli­ti­schen Kam­pagne zur Heim­ho­lung der pol­ni­schen Talente“ ein starkes Echo bei einem Teil der pol­ni­schen Medien. Er schrieb: Die pol­ni­schen Fuß­baller, die sich nicht von ihrem Vater­land los­ge­sagt haben, von dem Land, in dem sie und ihre Eltern groß geworden sind, sind in Deutsch­land Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung aus­ge­setzt. Es heißt, es seien spe­zi­elle Methoden aus­ge­ar­beitet worden, um ihnen Auf­tritte für die pol­ni­sche Aus­wahl zu ver­leiden, es han­delt sich dabei um skru­pulös vor­be­rei­tete Aktionen des deut­schen Fuß­ball­mi­lieus. (…) Die Dis­ki­mi­nie­rung wegen der Natio­na­lität, wegen der Treue zum Vater­land, durch die Oberen des deut­schen Fuß­balls ist eine Tat­sache.“

Deut­sche Dis­zi­plin und pol­ni­scher Papst

Der PZPN beschloss schließ­lich ein umfas­sendes Pro­gramm zum Aufbau einer schlag­kräf­tigen Natio­nal­mann­schaft, das neben der För­de­rung des Nach­wuchses im Lande die Suche nach Talenten unter den Kin­dern der pol­nisch­spra­chigen Aus­siedler vor­sieht. Einer der Ver­ant­wort­li­chen wurde Stefan Majewski, aus seiner Zeit in der Bun­des­liga mit der deut­schen Nach­wuchs­för­de­rung bes­tens ver­traut.

Der 2009 ins Amt gekom­mene Natio­nal­trainer Fran­ciszek (Franz) Smuda nahm sich per­sön­lich einiger Talente an, die bei Bun­des­li­ga­ver­einen unter Ver­trag standen. Im Gegen­satz zu seinen Vor­gän­gern gelang es ihm, die ersten Söhne von Spät­aus­sied­lern aus Ober­schle­sien für die Weiß-Roten zu ver­pflichten. Eine ent­schei­dende Rolle spielte dabei offen­sicht­lich, dass Smuda mit deren Lebens­wegen und auch ihren Iden­ti­täts­pro­blemen zwi­schen Polen und Deutsch­land bes­tens ver­traut ist. Er stammt näm­lich aus Ratibor unweit des ober­schle­si­schen Indus­trie­ge­bietes, als Sohn von Reichs­deut­schen sie­delte er 1980 nach Franken über und bekam einen deut­schen Pass. Er spielte erst in Coburg, dann machte er dort den Trai­ner­schein. Sein Sohn ist in Franken geblieben, Smuda selbst sagt, er habe dort sehr viele Freunde gefunden.

Doch kehrte Smuda nach Polen zurück, wo er einer der erfolg­reichsten Trainer in der Liga wurde. Mit Widzew Lodz und Wisła Krakau wurde er Meister, Lech Posen spielte unter ihm im Uefa-Pokal. Gleich zu Beginn seiner Amts­zeit irri­tierte er aller­dings viele seiner pol­ni­schen Lands­leute, als er ver­kün­dete, die Weiß-Roten sollten sich die Dis­zi­plin und Berufs­auf­fas­sung der Deut­schen zum Vor­bild nehmen: Die deut­schen Spieler feiern keine Feten. Der Deut­sche gestattet es sich nicht, sich irgendwo zu ver­lieren. Bei uns ist noch aus der kom­mu­nis­ti­schen Zeit die Auf­fas­sung sehr ver­breitet, dass einem ein hohes Gehalt zusteht, egal ob man steht oder liegt. Aller­dings ist eine Ten­denz zum Bes­seren zu erkennen, beson­ders bei den jungen Spie­lern, die im Westen spielen.“

Smuda gewann wenige Monate nach seinem Amts­an­tritt drei aus Ober­schle­sien stam­mende Fuß­baller, die bereits in die Jugendund Junio­ren­mann­schaften des DFB berufen worden waren, für die pol­ni­sche Elf: den Bremer Ver­tei­diger Sebas­tian Boe­nisch, der zwar in Glei­witz geboren wurde, aber das Pol­ni­sche fast völlig ver­lernt hat, Adam Matu­s­chyk vom 1. FC Köln, der dar­aufhin zur Schreib­weise Matu­sz­czyk“ zurück­kehrte, und den zunächst bei Borussia Dort­mund ein­ge­setzten, dann aber zum VfL Osna­brück abge­wan­derten Sebas­tian Tyrała, der ein Arm­band mit dem Bildnis des pol­ni­schen Papstes Johannes Paul II. trägt und nach eigenem Bekunden schon immer von Ein­sätzen für die Weißen Adler geträumt hat. Fakt“ schrieb dazu: Die Deut­schen haben uns so viele Spieler geklaut, dass nun die Zeit für die Revanche gekommen ist. End­lich haben wir die Deut­schen über den Tisch gezogen und nicht sie uns, wie es bei Miroslav Klose oder Lukas Podolski der Fall war.“

Der frü­here pol­ni­sche Natio­nal­spieler Andrzej Rudy, der die Ligen beider Länder sehr gut kennt, sagte aller­dings dazu: Machen wir uns nichts vor: Polen wählen nur die­je­nigen, die es nicht in eine bes­sere Natio­nal­mann­schaft schaffen!“