Seite 3: „Auf einmal war das Wasser voller Blut“

Mit der Nummer neun auf dem Rücken schossen Sie so viele Tore, dass auf einmal ein Top­klub wie Ben­fica Lis­sabon auf Sie auf­merksam wurde. Bloß: Sie wollten gar nicht wech­seln, oder?
Nein, ich wollte nicht wech­seln. In meinem Kopf stand fest: Ich bleibe noch bis zum Sai­son­ende. Wir waren 20 Punkte vor dem ersten Kon­kur­renten, ich wollte unbe­dingt noch mal Meister werden. Aber dann ver­kaufte mich der Klub bereits im Winter, weil er das Geld brauchte. Als ich in Lis­sabon ankam, habe ich die ersten drei Tage geweint.

In Lis­sabon lief bei Ihnen nicht viel zusammen, sie spielten kaum und galten als unpro­fes­sio­nell. Dann zogen Sie sich zu allem Über­fluss noch eine Schnitt­wunde am Fuß zu. Angeb­lich auf einer Party! Stimmt diese Geschichte?
Es war nicht beim Feiern, das war nur ein Gerücht. Es ist bei mir zu Hause im Pool pas­siert. Ich weiß bis heute nicht genau wie, ich habe den Schnitt zunächst gar nicht gespürt. Aber auf einmal war das Wasser voller Blut. Ich kann Blut nicht so gut sehen und fand den Schnitt total eklig, aber ich bin dann sofort ins Kran­ken­haus gefahren. Dort musste die Wunde mit zehn Sti­chen genäht werden. Ich konnte 50 Tage nicht spielen – das hat dem Verein natür­lich nicht so richtig gut gefallen.

Fredi Bobic sagt, in Frank­furt hätte Niko Kovac Sie und Ihre Arbeits­ein­stel­lung einmal auf links gedreht. Wie hat er das gemacht?
Er nahm mich sehr herz­lich auf. Obwohl es von mir ja hieß, dass ich nicht pro­fes­sio­nell genug leben und nicht hart genug an mir arbeiten würde. Dazu dann die Geschichte mit der Schnitt­ver­let­zung. Und manche der Vor­würfe stimmten ja auch. Doch Kovac half mir, den rich­tigen Weg zu finden. Er gab mir im Trai­ning nicht einen Moment lang die Chance, faul zu sein. Ich hatte nicht eine Minute meine Ruhe. Er for­derte mich immer, wollte sehen, dass ich mich in jedem ein­zelnen Trai­ning ver­aus­gabe. Im Nach­hinein bin ich ihm dafür sehr dankbar. Kovac war ein wich­tiger Trainer für mich. Er machte aus mir einen bes­seren Spieler und auch einen bes­seren Men­schen.

Spä­tes­tens in der Saison 2018/2019 gelang Ihnen der große Durch­bruch, allein in der Europa League erzielten Sie zehn Treffer. Von all den magi­schen Nächten in Europa: Welche war Ihnen die liebste?
Ganz klar: die in Mai­land. Das Spiel gegen Inter war gigan­tisch. Ich bin so stolz, dass ich dort vor 15 000 mit­ge­reisten Ein­tracht-Fans antreten und diese Stim­mung erleben durfte. Dann schoss ich auch noch das Tor. Unbe­schreib­lich. Aber auch die anderen Spiele waren der Wahn­sinn. Die Unter­stüt­zung war das ganze Jahr über unglaub­lich, die Cho­reos zu Hause, die Stim­mung wäh­rend der Spiele. Ich kann jedem ver­si­chern: Wenn wir vom zwölften Mann geredet haben, dann war das auch genau so gemeint – und nicht nur so daher­ge­sagt. Die Fans haben uns getragen.

Nach dem Aus­scheiden gegen Chelsea stand die Mann­schaft minu­ten­lang vor den Fans, gemeinsam wurden SGE-Lieder gesungen. Kennen Sie eigent­lich die Texte?
Schwarz!“, (fängt an zu singen) Weiß! Rot! Das ist beste Farbe!“ So in etwa geht das, glaube ich. Wissen Sie: Ab und zu war ich in einem Café, in dem viele Ein­tracht-Fans rum­hängen. Manchmal machten sie dann über die Laut­spre­cher Fan-Songs an und der ganze Laden sang. Vor allem dort habe ich die Texte gelernt. Ich muss an dieser Stelle wirk­lich noch mal betonen: Der Verein und die Stadt sind phan­tas­tisch. Auch für die groß­ar­tigen Kol­legen, mit denen ich hier zusam­men­spielen durfte, bin ich dankbar.

Apropos groß­ar­tige Kol­legen: Warum jubelte Ante Rebic immer schon, bevor Sie geschossen hatten?
Ich glaube, er jubelte nicht, son­dern war sauer, weil ich ihn nicht anspielte! (Lacht.) Ante will ständig den Ball haben.

Beim Rück­spiel gegen Chelsea jubelte er schon, bevor Sie über­haupt am Ball waren. Ihr bisher emo­tio­nalster Treffer?
Das Tor war super, immerhin war es ein Halb­fi­nale gegen eine große Mann­schaft. Aber das bisher schönste war der Seit­fall­zieher gegen Düs­sel­dorf. Und das wich­tigste war das im DFB-Pokal­halb­fi­nale gegen Schalke vor­letzte Saison, das mit der Hacke. Es hat uns das Pokal­fi­nale gegen die Bayern ermög­licht.

Waren Sie eigent­lich Teil der Gang, die am Spiel­feld­rand mit Mijat Gaci­novic mit­rannte?
Ja, ich habe die Gruppe ange­führt. Schauen Sie sich die Bilder noch mal an. Ich bin der Typ im grünen Leib­chen, der schon in dem Moment, als Mijat die Mit­tel­linie über­quert, anfängt zu hüpfen. Als klar wurde, dass er nur noch das leere Tor treffen musste, wollte ich ihn unbe­dingt als Erster umarmen. Ich kenne ihn schließ­lich schon ewig und war so unglaub­lich froh. Ich konnte es dann auch nicht mehr abwarten und bin quer über den Platz zu ihm rüber gerannt. Was dann vor unserem Block pas­siert ist, wissen Sie ja.