Seite 4: Angriffe auf offener Straße

Die Spieler flüchten um drei Uhr nachts auf das Dach des Hotels, stopfen sich Watte in die Ohren und ver­su­chen, Karten zu spielen. Die Polizei, die das alles sah, rief über Laut­spre­cher den Men­schen zu: ›Macht was ihr wollt, aber zer­stört nicht das Hotel‹ “, zürnt Men­doza noch heute. Die hätten uns doch schützen müssen.“ Nicht viel besser ergeht es den rund 5000 mit­ge­reisten hon­du­ra­ni­schen Fans. Die Fahr­zeuge und Busse werden mit Steinen und kleinen Molotow-Cock­tails beworfen. Zei­tungen berichten von meh­reren Ver­letzten.

Am nächsten Morgen eilen in Sal­vador lebende Hon­du­raner zu Hilfe und eva­ku­ieren die Mann­schaft aus dem Hotel. In Drei­er­gruppen auf­ge­teilt ver­bringen die Spieler die zweite Nacht in Häu­sern hon­du­ra­ni­scher Fami­lien in San Sal­vador. An Trai­ning und Vor­be­rei­tung auf das Spiel war über­haupt nicht zu denken“, sagt Men­doza.

Die Mann­schafts­füh­rung bean­tragt die Absage des Spiels bei der FIFA, unter Hin­weis auf die irre­gu­lären Bedin­gungen. Sie hätten es absagen müssen. Aber ich ver­stehe auf der anderen Seite auch, warum sie es nicht getan haben. Das Klima war so auf­ge­heizt, dass wir nicht lebend nach Hon­duras zurück­ge­kommen wären.“ Geschützt von gepan­zerten Fahr­zeugen der sal­va­do­ria­ni­schen Armee fährt die hon­du­ra­ni­sche Equipe also am Sonntag ins Sta­dion Flor Blanca.

Angriffe auf offener Straße

Die Eskorte soll sicher­stellen, dass die Spieler das Sta­dion unver­sehrt errei­chen. Dort setzen sich die Demü­ti­gungen fort: Mehr als 40 000 fana­ti­sche Sal­va­do­rianer machen den wenigen hon­du­ra­ni­schen Anhän­gern, die sich noch zum Spiel trauen, das Leben schwer. Sie werden mit Urin- und Exkre­ment-Beu­teln beworfen. Hon­du­ra­ni­sche Fahnen brennen, die Natio­nal­hymne wird nie­der­ge­pfiffen und Hon­duras‘ Stürmer Car­dona, der auf den Spitz­namen Coneja (dt. die Häsin) hört, wird mit Pla­katen belei­digt, die zwei Hasen beim Sex zeigen. Zu allem Über­fluss musste unser anderer Stürmer Jorge Urquia nach 20 Minuten mit einer Knö­chel­ver­let­zung vom Platz. Er fehlte uns auch in Mexiko“, erin­nert sich Men­doza.

Das Spiel endet 3:0 für El Sal­vador. Die hon­du­ra­ni­sche Mann­schaft wird noch in ver­schwitzten Tri­kots und Fuß­ball­schuhen zum Flug­hafen eskor­tiert, glück­lich, nur das Spiel ver­loren zu haben. Eine dritte Partie in Mexiko-Stadt zwölf Tage später muss nun die Ent­schei­dung bringen. Spä­tes­tens nach dieser Begeg­nung tritt der Fuß­ball völlig in den Hin­ter­grund. In Hon­duras rächen sich die Ein­wohner für die Demü­ti­gungen mit Angriffen auf Sal­va­do­rianer auf offener Straße und Plün­de­rungen ihrer Geschäfte. Der­weil gehen die Aus­wei­sungen der Bauern weiter. Zum Zeit­punkt des Ent­schei­dungs­spiels sind bereits 15 000 Sal­va­do­rianer geflohen.

El Sal­vador – Hon­duras | 27. Juni 1969 Mexiko-Stadt | Azte­ken­sta­dion | 3 : 2 n. V.

Zwei Tage vor der Partie beschul­digt El Sal­vador den Nach­barn vor der UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sion des Völ­ker­mords und bricht 24 Stunden später die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen ab. Damit ist der Weg in eine krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung frei, der erste Schuss nur eine Frage der Zeit. Hon­duras erwi­dert am Morgen vor dem Spiel den Schritt und bricht sei­ner­seits die Bezie­hungen zum Nach­barn ab.

Bulnes bittet um Bei­stand. Ver­geb­lich

Das Azte­ken­sta­dion, das rund 100 000 Zuschauer fasst, ist an diesem reg­ne­ri­schen Freitag nur zu gut einem Drittel gefüllt. 15 000 Zuschauer aus den jewei­ligen Län­dern werden von der Polizei durch ver­schie­dene Ein­gänge in die rie­sige Beton­schüssel eskor­tiert. Azu­lejo Bulnes, der Gegen­spieler von Pipo Rodríguez, kniet wenige Minuten vor Anpfiff in den Kata­komben des Sta­dions vor der Statue der Jung­frau von Gua­de­loupe, der mexi­ka­ni­schen Schutz­hei­ligen, und betet um Bei­stand. Ver­geb­lich, wie sich rund hun­dert Minuten später zeigen wird.

Das Spiel bleibt – wie die beiden Par­tien zuvor – eine rein sport­liche Ange­le­gen­heit. Die Spieler ver­gaßen poli­ti­sche Pro­bleme und lie­ferten sich einen harten, aber ehren­haften Kampf“, schreibt die mexi­ka­ni­sche Tages­zei­tung El Heraldo “ am nächsten Tag. El Sal­vador habe sich mit über­le­gener Taktik und Technik gegen kör­per­lich stär­kere Hon­du­raner“ durch­ge­setzt. Der Außen­seiter geht bereits in der neunten Minute durch Mit­tel­stürmer Mon“ Mar­tínez in Füh­rung. Der Aus­gleich folgt eine Vier­tel­stunde später.