Seite 3: Eine aufgebrachte Menge vor dem Hotel

In diesem Klima kam es wenige Wochen später zum ersten Spiel zwi­schen den beiden Län­dern. 

Hon­duras – El Sal­vador | 8. Juni 1969 Tegu­cig­alpa | Natio­nal­sta­dion | 1 : 0 

Vor Beginn der drei Spiele gilt Hon­duras als Favorit: Sie hatten sich zwei Jahre lang auf die Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde vor­be­reitet, wir nur andert­halb Monate“, erin­nert sich Pipo Rodríguez. Außerdem haben sie zuvor Costa Rica aus­ge­schaltet, das damals so etwas wie das Bra­si­lien Zen­tral­ame­rikas ist. Und sie ver­fügen über die bes­seren Ein­zel­spieler. Her­aus­ra­gend ist vor allem Mit­tel­stürmer José Enrique Car­dona, der bei Atlé­tico Madrid sein Geld ver­dient, damals einer der besten Klubs Europas.

Schon beim ersten Spiel ver­mi­schen sich die Dinge, die in Latein­ame­rika zum Fuß­ball dazu­ge­hören und solche, die der beson­deren Situa­tion geschuldet sind: Wir kamen am Sams­tag­abend in Hon­duras an und spürten schon im Hotel eine Stim­mung gegen uns“, erin­nert sich Rodríguez. Vor dem Hotel Prado in der Innen­stadt von Tegu­cig­alpa ver­sam­meln sich hun­derte Fans mit Tril­ler­pfeifen, leeren Fäs­sern und Feu­er­werks­kör­pern. Sie beschallen die Her­berge die ganze Nacht, pfeifen, trom­meln und feuern Raketen ab. Dazu hupen die Autos, was die Bat­te­rien her­geben. Die Mann­schaft von El Sal­vador soll keine ruhige Minute finden, damit sie unaus­ge­schlafen ins Spiel geht. In Latein­ame­rika gehört diese psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung noch heute zum guten Ton.

Auf dem Spiel­feld geht es sport­lich zu

Auch Belei­di­gungen wie Hijos de puta (dt. Huren­söhne) gehören zur Ermü­dungs­stra­tegie. Aber in dieser Nacht auf den 8. Juni sehen sich die Spieler El Sal­va­dors mit bis dahin unbe­kannten Beschimp­fungen kon­fron­tiert: Sie nannten uns Diebe“, erklärt Rodríguez. Da merkten wir, dass es um mehr ging. Es war Hass zu spüren, der über die sport­liche Riva­lität hin­aus­reichte. Es ging gegen uns als Sal­va­do­rianer.“ Das Ter­rain dafür bestellen die Medien in Hon­duras. Sie schüren in den Wochen vor dem Spiel die Res­sen­ti­ments gegen die Nach­barn und feiern unver­hohlen die Ent­eig­nungen.

Zum Zeit­punkt des Spiels tau­chen in ganz Hon­duras zudem Flug­blätter auf, die Sal­va­do­rianer als Diebe, Trun­ken­bolde und Betrüger“ ver­un­glimpfen. Dar­unter steht meis­tens die ein­deu­tige War­nung: Haut ab aus Hon­duras oder ihr werdet es bereuen!“ Schon um vier Uhr mor­gens stehen lange Schlangen vor den Toren des Natio­nal­sta­dions. Zwei Stunden später werden die Tore geöffnet. Um sieben Uhr passt kein Blatt mehr zwi­schen die 18 000 Zuschauer.

Trotz der kurzen Nacht gestaltet El Sal­vador das Spiel lange aus­ge­gli­chen. Das Siegtor gelingt Ver­tei­diger Leo­nard Welch erst in der 89. Minute. Auf dem Spiel­feld geht es sport­lich zu. Pipo Rodríguez: Es gab weder von uns noch von Hon­du­ra­nern Belei­di­gungen oder Extra-Tritte.“ 

El Sal­vador – Hon­duras | 15. Juni 1969 San Sal­vador | Sta­dion Flor Blanca | 3 : 0 

In der Woche bis zum Rück­spiel in San Sal­vador erhöht sich die poli­ti­sche Span­nung deut­lich. Die Aus­wei­sungen von Sal­va­do­ria­nern aus Hon­duras nehmen zu, for­ciert durch die para­mi­li­tä­ri­schen Schlä­ger­trupps der Mancha brava“ (frei über­setzt Blut­fleck“), Tot­schläger der Regie­rung, die immer dann ein­ge­setzt werden, wenn es nötig ist: gegen strei­kende Lehrer und Stu­denten, Kom­mu­nisten oder in diesem Fall gegen Sal­va­do­rianer. So berichten die Zei­tungen in El Sal­vador von ver­ge­wal­tigten Frauen, von Fami­lien, die aus ihren Häu­sern geprü­gelt und depor­tiert werden. Das lasen wir natür­lich“, sagt Pipo. Dem konnten wir uns gar nicht ent­ziehen.

Eine auf­ge­brachte Menge vor dem Hotel

Es gab in den Zei­tungen kein anderes Thema.“ Zum Zeit­punkt des Rück­spiels haben bereits mehr als tau­send sal­va­do­ria­ni­sche Fami­lien Hon­duras ver­lassen – frei­willig oder unfrei­willig. Dem­entspre­chend sieht der Emp­fang für die hon­du­ra­ni­sche Mann­schaft in San Sal­vador aus. Schon die Anreise am Freitag, zwei Tage vor dem Spiel, ist außer­ge­wöhn­lich. In einer Demons­tra­tion der Macht begleiten Kampf­jets das Flug­zeug mit der Mann­schaft bis zur sal­va­do­ria­ni­schen Grenze.

Was dann folgt, bezeichnet Marco Antonio Men­doza, damals Mit­tel­feld­spieler bei Hon­duras und heute Gene­ral­se­kretär des Fuß­ball­ver­bandes Fen­a­futh, als das unan­ge­nehmste Erlebnis“ seiner Kar­riere. Wir haben zwei Nächte kein Auge zuge­macht und mit­unter um unser Leben gefürchtet“, sagt er und erzählt dabei so detail­ge­treu, dass man den Ein­druck gewinnt, es sei gerade ein paar Stunden her: Eine auf­ge­brachte Menge vor dem Hotel San Sal­vador – laut Zei­tungs­be­richten meh­rere tau­send Men­schen – wirft alle Scheiben und Türen des Gebäudes ein. Dann rau­schen Raketen durch die zer­bors­tenen Fenster auf die Zimmer der Spieler, faule Eier und tote Ratten werden hin­terher geworfen.