Und dann erlaubt sich Mau­ricio Rodríguez zum ersten Mal einen Anflug von Stolz. Nach rund einer Stunde Gespräch erhebt er sich, den alle seit seiner Kind­heit nur Pipo“ nennen, von der schwarzen Leder­couch im Wohn­zimmer seines Hauses in San Sal­vador und geht die wenigen Schritte in sein Arbeits­zimmer. Zwi­schen Dut­zenden von Pokalen, Zei­tungs­aus­schnitten und Urkunden kramt Rodríguez eine kleine sil­ber­far­bene Schachtel hervor.

Vor­sichtig öffnet er sie und nimmt eine auf Watte gebet­tete ver­gol­dete Medaille heraus.

Mit dem Daumen fährt er dar­über, gerade so, als wolle er Staub abwi­schen. Heroe Nacional Pipo Rodríguez“ – Natio­nal­held Pipo Rodríguez – steht auf der Gedenk­münze, die an einem blau-weißen Band in El Sal­va­dors Natio­nal­farben befes­tigt ist. Die habe ich nach dem Spiel in Mexiko-Stadt bekommen“, sagt er. Dabei legt sich erst­mals an diesem Vor­mittag ein Lächeln auf das Gesicht von Pipo Rodríguez, und man ahnt, wie seine Gedanken zum 27. Juni 1969 reisen.

An diesem reg­ne­ri­schen Abend vor 50 Jahren schoss er als Stürmer der Natio­nal­mann­schaft von El Sal­vador im Azte­ken­sta­dion ein Tor gegen Hon­duras, mit dem er sein Land der Teil­nahme an der WM 1970 ganz nahe brachte. Ein Tor, von dem man später behaupten sollte, es habe einen Krieg aus­ge­löst. Ver­mut­lich spricht der drah­tige, freund­liche Mann mit der Vor­liebe für Polo­hemden an diesem Vor­mittag des­halb lange so distan­ziert und emo­ti­onslos – fast spröde wie ein His­to­riker – über sein Tor zum 3:2‑Sieg El Sal­va­dors, weil er um die geschicht­liche Klemme weiß, in der er und seine Mit­spieler damals steckten und aus der sie sich nicht befreien konnten. Wir wurden für poli­ti­sche Zwecke benutzt“, weiß Rodríguez.

Von den Medien geschürter Druck

Denn wäh­rend die Spieler von El Sal­vador und Hon­duras darum kämpften, mit ihren Teams als erstes zen­tral­ame­ri­ka­ni­sches Land zu einer WM zu reisen, nutzten die Mili­tär­macht­haber in den benach­barten Staaten das sport­liche Auf­ein­an­der­treffen, um die Bevöl­ke­rung auf einen Krieg um Ter­ri­to­ri­al­fragen und sal­va­do­ria­ni­sche Ein­wan­derer in Hon­duras ein­zu­schwören, der längst beschlos­sene Sache war.

Das Ent­schei­dungs­spiel in Mexiko und die beiden vor­an­ge­gan­genen Par­tien in Hon­duras am 8. Juni und in El Sal­vador am 15. Juni kamen wie gerufen, um auch in der Bevöl­ke­rung den Hass zu schüren.

An den Spie­lern ging das nicht spurlos vor­über: Wir spürten spä­tes­tens beim zweiten Spiel, dass wir auch eine mora­li­sche Ver­pflich­tung hatten, für unser Land zu siegen“, erin­nert sich Rodríguez an den Druck, der in diesen drei Wochen im Juni 1969 stetig größer wurde, vor allem geschürt durch natio­na­lis­ti­sche Medien: Wir hatten das Gefühl, dass der Stolz und die Ehre El Sal­va­dors an unseren Fuß­ball­stie­feln klebten.“

Als sei er bereit, ein Gewehr in die Hand zu nehmen

Rodríguez dreht die Ehren­me­daille zwi­schen den Fin­gern und sagt: Nach unserer Rück­kehr aus Mexiko wurden wir wie Helden emp­fangen.“ Die Bevöl­ke­rung von El Sal­vador fei­erte ihre Spieler einen Tag nach dem 3:2‑Sieg mit Blumen, Fahnen – und mit Tränen in den Augen. Der Bus mit unserer Mann­schaft brauchte fünf Stunden für die 15 Kilo­meter vom Flug­hafen bis ins Sta­dion Flor Blanca“, erzählt Pipo Rodríguez. Und mir war durchaus bewusst, dass ich diesen Moment genießen muss. Denn es war klar, so etwas kommt nicht wieder.“ Eine halbe Flug­stunde von San Sal­vador ent­fernt, in der hon­du­ra­ni­schen Haupt­stadt Tegu­cig­alpa, sitzt Fran­cisco Bulnes an einem klaren heißen Morgen in den Räumen des hon­du­ra­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes Fen­a­futh und erzählt von einer völlig anderen Rück­kehr.

Keine Medaillen, keine Blumen, keine Freu­den­tränen. Als wir aus Mexiko nach Tegu­cig­alpa zurück­kamen, war der Fuß­ball längst Neben­sache “, erin­nert er sich, der in den drei Spielen Pipo Rodríguez‘ Gegen­spieler war. Ganz Hon­duras war in Auf­ruhr, aber nicht wegen der Nie­der­lage gegen den Nach­barn, son­dern aus Angst vor einem Krieg gegen ihn. Am Morgen vor dem Spiel hatte Hon­duras Prä­si­dent Oswaldo López Arel­lano die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zu El Sal­vador abge­bro­chen und damit die Ent­schei­dung der Sal­va­do­rianer einen Tag zuvor erwi­dert.

Wir fürch­teten, dass es Krieg geben würde, auch wenn wir uns nicht vor­stellen konnten, dass Sal­vador uns wirk­lich angreift“, sagt Bulnes ver­ständ­nislos. Kaum aus Mexiko zurück, schrieb Bulnes, Spitz­name Azu­lejo“, sich wie zehn­tau­sende andere Hon­du­raner als Frei­wil­liger ein: Ich wollte nur noch eine Waffe haben und an der Grenze mein Land ver­tei­digen“, sagt er und rudert dabei so heftig mit den Armen, als sei er noch immer bereit, ein Gewehr in die Hand zu nehmen.

Bulnes – der Lan­des­ver­tei­diger. Rodríguez – der Natio­nal­held. Zwei Spieler, für die das Ergebnis des Spiels nicht unter­schied­li­cher hätte sein können, die aber letzt­lich beide mit ihren Mann­schaften Opfer der Politik wurden. Rivalen auf dem Platz, die nun drohten, auch außer­halb zu Feinden zu werden. Beide waren im Sommer 1969 junge Spieler, die nur Fuss­ball im Kopf hatten und von Politik nichts wissen wollten. Rodríguez, 23 Jahre, Rücken­nummer 7, Rechts­außen bei seinem Verein Club Depor­tivo Uni­ver­sidad aus San Sal­vador und auch Rechts­außen in der Natio­nalelf. Zum Zeit­punkt der Aus­schei­dungs­spiele gegen Hon­duras hatte er schon alle Jugend­na­tio­nal­teams des Landes durch­laufen. Der Kern der Natio­nal­mann­schaft spielte seit vielen Jahren zusammen und hatte ein Jahr zuvor an den Olym­pi­schen Spielen 1968 in Mexiko teil­ge­nommen.

Azu­lejo Bulnes, Rücken­nummer 4, genau ein Jahr jünger als Pipo Rodríguez, ebenso klein und wendig, beid­füßig, ein ver­bis­sener Ver­tei­diger bei Olimpia de Tegu­cig­alpa, sowas wie dem FC Bayern Mün­chen von Hon­duras. Ein vor­bild­li­cher Sportler, der, damals wie heute, ohne Alkohol und Nikotin aus­kommt. Ich war schon Profi, als wir noch gar nicht wussten, was das ist“, sagt er und man merkt ihm den Frust an, dass er nicht 20 Jahre später geboren wurde. Mit 35 Jahren schnürte er bei der WM 1982 in Spa­nien noch mal die Stiefel für Hon­duras.

Dort kreuzten sich zum letzten Mal die Wege mit Rodríguez, der bei dem Tur­nier die Natio­nalelf von El Sal­vador trai­nierte. In Spa­nien war das Glück anders ver­teilt. Wäh­rend Rodríguez mit seinen Schütz­lingen gegen Ungarn mit 1:10 die höchste Nie­der­lage der WM-Geschichte kas­sierte und El Sal­vador nur dieses eine Tor im gesamten Tur­nier erzielte, wäre Bulnes mit seiner Mann­schaft nach zwei Unent­schieden gegen Gast­geber Spa­nien und Nord­ir­land fast in die Zwi­schen­runde ein­ge­zogen. Doch im ent­schei­denden Spiel gegen Jugo­sla­wien unter­lief aus­ge­rechnet ihm das Foul, das zum Elf­meter und zur 0:1‑Pleite führte.

Bis zu 6000 Men­schen ver­loren ihr Leben

Rodríguez hat sich heute vom Fuß­ball weit­ge­hend los­ge­sagt. Er hat eine kleine Bau­firma in San Sal­vador und in der Garage drei deut­sche Autos stehen. Bulnes arbeitet für den Staat und ist Co-Mode­rator einer sonn­täg­li­chen Fuß­ball-Talk­show.

Sportler sind beide geblieben. Bulnes läuft jeden Morgen zehn Kilo­meter und kickt in einer Alt­her­ren­mann­schaft. Rodríguez spielt noch täg­lich Tennis. Ich habe seither nur vier Kilo zuge­nommen“, sagt er und lacht. Bulnes, der auch im Alter noch immer eine üppige Locken­pracht auf dem Kopf trägt, ähnelt seinem Gegen­spieler nicht nur kör­per­lich. Auch die Ein­schät­zungen der Gegen­spieler zur Situa­tion damals decken sich: Wir wollten eigent­lich nur Fuß­ball spielen“, sagt der Hon­du­raner. Wir haben gar nicht richtig kapiert, um was es da außer­halb des Spiel­felds eigent­lich ging“, sagt der Sal­va­do­rianer.

Und zum Beweis zitiert Rodríguez die Worte des dama­ligen Trai­ners von El Sal­vador, Gre­gorio Bundio Nuñez. Er hatte seinen Kickern ein­ge­schärft, nicht zur Eska­la­tion der poli­ti­schen Lage bei­zu­tragen: Spielt fair und foult nur im Rahmen des sport­lich Not­wen­digen.“ Beide Seiten hielten sich an diese Vor­gabe, erin­nert sich Rodríguez: Die Spiele waren hart, aber sauber.“ Anders als außer­halb des Rasens: Da war es den Poli­ti­kern in beiden Län­dern gelungen, den Fuß­ball für ihre Zwecke zu miss­brau­chen und die Bevöl­ke­rung von der angeb­li­chen Not­wen­dig­keit eines Waf­fen­gangs zu über­zeugen. Am 14. Juli 1969, drei Wochen nach dem Ent­schei­dungs­spiel in Mexiko, folgte ein kurzer, äußerst blu­tiger Kon­flikt. In den nur ein­hun­dert Stunden, die der Krieg dau­erte, ver­loren bis zu 6000 Men­schen ihr Leben.

Große soziale Ein­schnitte und eine ernste Bedro­hung

Es war einer der absur­desten Kriege der Geschichte: Hon­duras und El Sal­vador waren so etwas wie Bru­der­staaten. Sie haben gemein­same Wur­zeln, die Men­schen spre­chen die­selbe Sprache, die Lan­des­flaggen ähneln sich, nicht mal eine rich­tige Grenze gab es. Doch das war Teil des Pro­blems: Hon­duras ist knapp sechsmal so groß wie El Sal­vador, hatte Ende der sech­ziger Jahre aber nur die Hälfte der Ein­wohner. Über die Jahr­zehnte waren daher rund 300 000 Sal­va­do­rianer ein­fach über die Grenze emi­griert, hatten sich freies Land genommen, dieses fruchtbar gemacht und so ein Aus­kommen gefunden, das es für sie in der Heimat nicht mehr gab.

Die Regie­rung in Hon­duras, die diese stille Ein­wan­de­rung immer tole­riert hatte, beschloss auf­grund sozialer Pro­bleme im April 1969 aber, die Sal­va­do­rianer zu ent­eignen und nach Hause zu schi­cken. Das Land, das die Bauern aus Sal­vador beackert hatten, sollten nun hon­du­ra­ni­sche Cam­pe­sinos erhalten. Für Sal­vador war dies schlicht eine Hor­ror­vor­stel­lung, da der Staat von der Größe Hes­sens ohnehin schon aus allen Nähten platzte. Eine Rück­kehr der Migranten bedeu­tete große soziale Ein­schnitte und damit eine ernste Bedro­hung für die Sta­bi­lität der Regie­rung von Prä­si­dent Fidel Sán­chez Hernández.

In diesem Klima kam es wenige Wochen später zum ersten Spiel zwi­schen den beiden Län­dern. 

Hon­duras – El Sal­vador | 8. Juni 1969 Tegu­cig­alpa | Natio­nal­sta­dion | 1 : 0 

Vor Beginn der drei Spiele gilt Hon­duras als Favorit: Sie hatten sich zwei Jahre lang auf die Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde vor­be­reitet, wir nur andert­halb Monate“, erin­nert sich Pipo Rodríguez. Außerdem haben sie zuvor Costa Rica aus­ge­schaltet, das damals so etwas wie das Bra­si­lien Zen­tral­ame­rikas ist. Und sie ver­fügen über die bes­seren Ein­zel­spieler. Her­aus­ra­gend ist vor allem Mit­tel­stürmer José Enrique Car­dona, der bei Atlé­tico Madrid sein Geld ver­dient, damals einer der besten Klubs Europas.

Schon beim ersten Spiel ver­mi­schen sich die Dinge, die in Latein­ame­rika zum Fuß­ball dazu­ge­hören und solche, die der beson­deren Situa­tion geschuldet sind: Wir kamen am Sams­tag­abend in Hon­duras an und spürten schon im Hotel eine Stim­mung gegen uns“, erin­nert sich Rodríguez. Vor dem Hotel Prado in der Innen­stadt von Tegu­cig­alpa ver­sam­meln sich hun­derte Fans mit Tril­ler­pfeifen, leeren Fäs­sern und Feu­er­werks­kör­pern. Sie beschallen die Her­berge die ganze Nacht, pfeifen, trom­meln und feuern Raketen ab. Dazu hupen die Autos, was die Bat­te­rien her­geben. Die Mann­schaft von El Sal­vador soll keine ruhige Minute finden, damit sie unaus­ge­schlafen ins Spiel geht. In Latein­ame­rika gehört diese psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung noch heute zum guten Ton.

Auf dem Spiel­feld geht es sport­lich zu

Auch Belei­di­gungen wie Hijos de puta (dt. Huren­söhne) gehören zur Ermü­dungs­stra­tegie. Aber in dieser Nacht auf den 8. Juni sehen sich die Spieler El Sal­va­dors mit bis dahin unbe­kannten Beschimp­fungen kon­fron­tiert: Sie nannten uns Diebe“, erklärt Rodríguez. Da merkten wir, dass es um mehr ging. Es war Hass zu spüren, der über die sport­liche Riva­lität hin­aus­reichte. Es ging gegen uns als Sal­va­do­rianer.“ Das Ter­rain dafür bestellen die Medien in Hon­duras. Sie schüren in den Wochen vor dem Spiel die Res­sen­ti­ments gegen die Nach­barn und feiern unver­hohlen die Ent­eig­nungen.

Zum Zeit­punkt des Spiels tau­chen in ganz Hon­duras zudem Flug­blätter auf, die Sal­va­do­rianer als Diebe, Trun­ken­bolde und Betrüger“ ver­un­glimpfen. Dar­unter steht meis­tens die ein­deu­tige War­nung: Haut ab aus Hon­duras oder ihr werdet es bereuen!“ Schon um vier Uhr mor­gens stehen lange Schlangen vor den Toren des Natio­nal­sta­dions. Zwei Stunden später werden die Tore geöffnet. Um sieben Uhr passt kein Blatt mehr zwi­schen die 18 000 Zuschauer.

Trotz der kurzen Nacht gestaltet El Sal­vador das Spiel lange aus­ge­gli­chen. Das Siegtor gelingt Ver­tei­diger Leo­nard Welch erst in der 89. Minute. Auf dem Spiel­feld geht es sport­lich zu. Pipo Rodríguez: Es gab weder von uns noch von Hon­du­ra­nern Belei­di­gungen oder Extra-Tritte.“ 

El Sal­vador – Hon­duras | 15. Juni 1969 San Sal­vador | Sta­dion Flor Blanca | 3 : 0 

In der Woche bis zum Rück­spiel in San Sal­vador erhöht sich die poli­ti­sche Span­nung deut­lich. Die Aus­wei­sungen von Sal­va­do­ria­nern aus Hon­duras nehmen zu, for­ciert durch die para­mi­li­tä­ri­schen Schlä­ger­trupps der Mancha brava“ (frei über­setzt Blut­fleck“), Tot­schläger der Regie­rung, die immer dann ein­ge­setzt werden, wenn es nötig ist: gegen strei­kende Lehrer und Stu­denten, Kom­mu­nisten oder in diesem Fall gegen Sal­va­do­rianer. So berichten die Zei­tungen in El Sal­vador von ver­ge­wal­tigten Frauen, von Fami­lien, die aus ihren Häu­sern geprü­gelt und depor­tiert werden. Das lasen wir natür­lich“, sagt Pipo. Dem konnten wir uns gar nicht ent­ziehen.

Eine auf­ge­brachte Menge vor dem Hotel

Es gab in den Zei­tungen kein anderes Thema.“ Zum Zeit­punkt des Rück­spiels haben bereits mehr als tau­send sal­va­do­ria­ni­sche Fami­lien Hon­duras ver­lassen – frei­willig oder unfrei­willig. Dem­entspre­chend sieht der Emp­fang für die hon­du­ra­ni­sche Mann­schaft in San Sal­vador aus. Schon die Anreise am Freitag, zwei Tage vor dem Spiel, ist außer­ge­wöhn­lich. In einer Demons­tra­tion der Macht begleiten Kampf­jets das Flug­zeug mit der Mann­schaft bis zur sal­va­do­ria­ni­schen Grenze.

Was dann folgt, bezeichnet Marco Antonio Men­doza, damals Mit­tel­feld­spieler bei Hon­duras und heute Gene­ral­se­kretär des Fuß­ball­ver­bandes Fen­a­futh, als das unan­ge­nehmste Erlebnis“ seiner Kar­riere. Wir haben zwei Nächte kein Auge zuge­macht und mit­unter um unser Leben gefürchtet“, sagt er und erzählt dabei so detail­ge­treu, dass man den Ein­druck gewinnt, es sei gerade ein paar Stunden her: Eine auf­ge­brachte Menge vor dem Hotel San Sal­vador – laut Zei­tungs­be­richten meh­rere tau­send Men­schen – wirft alle Scheiben und Türen des Gebäudes ein. Dann rau­schen Raketen durch die zer­bors­tenen Fenster auf die Zimmer der Spieler, faule Eier und tote Ratten werden hin­terher geworfen.

Die Spieler flüchten um drei Uhr nachts auf das Dach des Hotels, stopfen sich Watte in die Ohren und ver­su­chen, Karten zu spielen. Die Polizei, die das alles sah, rief über Laut­spre­cher den Men­schen zu: ›Macht was ihr wollt, aber zer­stört nicht das Hotel‹ “, zürnt Men­doza noch heute. Die hätten uns doch schützen müssen.“ Nicht viel besser ergeht es den rund 5000 mit­ge­reisten hon­du­ra­ni­schen Fans. Die Fahr­zeuge und Busse werden mit Steinen und kleinen Molotow-Cock­tails beworfen. Zei­tungen berichten von meh­reren Ver­letzten.

Am nächsten Morgen eilen in Sal­vador lebende Hon­du­raner zu Hilfe und eva­ku­ieren die Mann­schaft aus dem Hotel. In Drei­er­gruppen auf­ge­teilt ver­bringen die Spieler die zweite Nacht in Häu­sern hon­du­ra­ni­scher Fami­lien in San Sal­vador. An Trai­ning und Vor­be­rei­tung auf das Spiel war über­haupt nicht zu denken“, sagt Men­doza.

Die Mann­schafts­füh­rung bean­tragt die Absage des Spiels bei der FIFA, unter Hin­weis auf die irre­gu­lären Bedin­gungen. Sie hätten es absagen müssen. Aber ich ver­stehe auf der anderen Seite auch, warum sie es nicht getan haben. Das Klima war so auf­ge­heizt, dass wir nicht lebend nach Hon­duras zurück­ge­kommen wären.“ Geschützt von gepan­zerten Fahr­zeugen der sal­va­do­ria­ni­schen Armee fährt die hon­du­ra­ni­sche Equipe also am Sonntag ins Sta­dion Flor Blanca.

Angriffe auf offener Straße

Die Eskorte soll sicher­stellen, dass die Spieler das Sta­dion unver­sehrt errei­chen. Dort setzen sich die Demü­ti­gungen fort: Mehr als 40 000 fana­ti­sche Sal­va­do­rianer machen den wenigen hon­du­ra­ni­schen Anhän­gern, die sich noch zum Spiel trauen, das Leben schwer. Sie werden mit Urin- und Exkre­ment-Beu­teln beworfen. Hon­du­ra­ni­sche Fahnen brennen, die Natio­nal­hymne wird nie­der­ge­pfiffen und Hon­duras‘ Stürmer Car­dona, der auf den Spitz­namen Coneja (dt. die Häsin) hört, wird mit Pla­katen belei­digt, die zwei Hasen beim Sex zeigen. Zu allem Über­fluss musste unser anderer Stürmer Jorge Urquia nach 20 Minuten mit einer Knö­chel­ver­let­zung vom Platz. Er fehlte uns auch in Mexiko“, erin­nert sich Men­doza.

Das Spiel endet 3:0 für El Sal­vador. Die hon­du­ra­ni­sche Mann­schaft wird noch in ver­schwitzten Tri­kots und Fuß­ball­schuhen zum Flug­hafen eskor­tiert, glück­lich, nur das Spiel ver­loren zu haben. Eine dritte Partie in Mexiko-Stadt zwölf Tage später muss nun die Ent­schei­dung bringen. Spä­tes­tens nach dieser Begeg­nung tritt der Fuß­ball völlig in den Hin­ter­grund. In Hon­duras rächen sich die Ein­wohner für die Demü­ti­gungen mit Angriffen auf Sal­va­do­rianer auf offener Straße und Plün­de­rungen ihrer Geschäfte. Der­weil gehen die Aus­wei­sungen der Bauern weiter. Zum Zeit­punkt des Ent­schei­dungs­spiels sind bereits 15 000 Sal­va­do­rianer geflohen.

El Sal­vador – Hon­duras | 27. Juni 1969 Mexiko-Stadt | Azte­ken­sta­dion | 3 : 2 n. V.

Zwei Tage vor der Partie beschul­digt El Sal­vador den Nach­barn vor der UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sion des Völ­ker­mords und bricht 24 Stunden später die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen ab. Damit ist der Weg in eine krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung frei, der erste Schuss nur eine Frage der Zeit. Hon­duras erwi­dert am Morgen vor dem Spiel den Schritt und bricht sei­ner­seits die Bezie­hungen zum Nach­barn ab.

Bulnes bittet um Bei­stand. Ver­geb­lich

Das Azte­ken­sta­dion, das rund 100 000 Zuschauer fasst, ist an diesem reg­ne­ri­schen Freitag nur zu gut einem Drittel gefüllt. 15 000 Zuschauer aus den jewei­ligen Län­dern werden von der Polizei durch ver­schie­dene Ein­gänge in die rie­sige Beton­schüssel eskor­tiert. Azu­lejo Bulnes, der Gegen­spieler von Pipo Rodríguez, kniet wenige Minuten vor Anpfiff in den Kata­komben des Sta­dions vor der Statue der Jung­frau von Gua­de­loupe, der mexi­ka­ni­schen Schutz­hei­ligen, und betet um Bei­stand. Ver­geb­lich, wie sich rund hun­dert Minuten später zeigen wird.

Das Spiel bleibt – wie die beiden Par­tien zuvor – eine rein sport­liche Ange­le­gen­heit. Die Spieler ver­gaßen poli­ti­sche Pro­bleme und lie­ferten sich einen harten, aber ehren­haften Kampf“, schreibt die mexi­ka­ni­sche Tages­zei­tung El Heraldo “ am nächsten Tag. El Sal­vador habe sich mit über­le­gener Taktik und Technik gegen kör­per­lich stär­kere Hon­du­raner“ durch­ge­setzt. Der Außen­seiter geht bereits in der neunten Minute durch Mit­tel­stürmer Mon“ Mar­tínez in Füh­rung. Der Aus­gleich folgt eine Vier­tel­stunde später.

Kurz darauf erzielt Mar­tínez, ein Spieler vom Typ Horst Hru­besch, mit einem satten Distanz­schuss die erneute Füh­rung für El Sal­vador. Hon­duras ega­li­siert erst in der 50. Minute ein wei­teres Mal, als Tor­hüter Wal­berto Fernández durch den Straf­raum stol­pert und einen seiner Ver­tei­diger so behin­dert, dass Hon­duras‘ Stürmer Chula“ Gomez ins leere Tor trifft. Pipo Rodríguez muss noch heute lachen, wenn er an den Aus­gleich denkt: Unser Keeper war kurz­sichtig. “ Trainer Bundio wech­selt ihn nach dem Gegentor sofort aus.

Die regu­läre Spiel­zeit endet unent­schieden, vor allem El Sal­va­dors Kicker sind platt: Die Höhe und der Dau­er­regen for­dern ihren Tribut. Als alle mit einem Erfolg von Hon­duras rechnen, schlägt die große Stunde von Pipo Rodríguez: In der 101. Minute legt Links­außen Elmer Ace­vedo ein hohes Zuspiel im Halb­feld mit dem Außen­rist auf Mit­tel­stürmer Mar­tínez ab, der sofort mit rechts den Ball hoch Rich­tung Elf­me­ter­punkt schlägt. Azu­lejo Bulnes schläft für einen ent­schei­denden Wim­pern­schlag und lässt Pipo Rodríguez ziehen. Der gewinnt das Lauf­duell mit dem aus seinem Kasten stür­menden hon­du­ra­ni­schen Tor­hüter Jaime Varela und schiebt mit dem rechten Fuß den Ball ins Netz.

Wäh­rend seine Mit­spieler den Schützen unter sich begraben, stürmt ein halbes Dut­zend Foto­grafen auf den Platz, um den Moment für die Ewig­keit fest­zu­halten. Später schreiben die Zei­tungen vom Gol del Siglo“, dem Tor des Jahr­hun­derts. Beim Schluss­pfiff bre­chen viele der hon­du­ra­ni­schen Spieler in Tränen aus. Ver­ständ­lich, denn auch sie wussten, dass es längst um mehr als Fuß­ball ging. Wir spielten beide um die Ehre der Nation“, sagt der Tor­schütze. Doch die Elf von El Sal­vador, die Monate später in einem wei­teren Ent­schei­dungs­spiel gegen Haiti end­gültig das WM-Ticket löst, kann den Tri­umph kaum feiern. Für Rodríguez ist das 3:2 ein bit­ter­süßer Tri­umph. Wäh­rend er und sein Team bei der Rück­kehr wie Natio­nal­helden gefeiert werden, laufen die Vor­be­rei­tungen auf den Krieg. Das sal­va­do­ria­ni­sche Heer ver­legt erste Truppen an die Grenze, und in Hon­duras bildet sich eine Art Bür­ger­wehr, zu der auch Fran­cisco Bulnes und Marco Antonio Men­doza gehören. Rodríguez bekommt Tage später Post aus Europa.

El Sal­vador musste den Krieg führen

Sein Onkel, Bot­schafter in Spa­nien, sendet dem Neffen eine Hand­voll mit Zei­tungs­aus­schnitten. In allen stand, dass mein Tor die Ursache war, dass ein Krieg aus­ge­löst wurde“, sagt Rodríguez, auch mein Onkel meinte, ich sei Schuld an all dem, was nach dem Spiel kam.“ Schuss. Tor. Krieg? Nein, unser Sieg war nur ein Ele­ment mehr, der will­kom­mene Anlass, wenn man so will. Aber der Krieg war nicht auf­zu­halten, er wäre so oder so gekommen“, sagt der Tor­schütze und klingt so distan­ziert wie ein His­to­riker.

Diese These teilt auch César Elvir.Er muss es wissen. Der Oberst im Ruhe­stand war damals Mit­glied des Gene­ral­stabs der hon­du­ra­ni­schen Streit­kräfte. Die Pro­bleme zwi­schen El Sal­vador und Hon­duras dau­erten damals schon rund zehn Jahre“, erläu­tert er. Unserer Regie­rung war die unge­zü­gelte Zuwan­de­rung der Sal­va­do­rianer ein Dorn im Auge. Unseren Nach­barn wie­derum passte sie sehr gut in den Kram.“ Nicht nur, weil es in Sal­vador wenig Land gab, son­dern dieses oft auch noch unge­recht auf­ge­teilt und in Händen weniger Groß­grund­be­sitzer war.

Die Migra­tion nach Hon­duras war ein wich­tiges Aus­lass­ventil, das sich mit der Ent­schei­dung der Regie­rung, die Über­siedler zurück­zu­schi­cken, schloss. El Sal­vador wusste, dass es einen Krieg gegen den Nach­barn führen musste, wenn es einen Kon­flikt im eigenen Land ver­meiden wollte. Und in diesem Klima diente der Fuß­ball als Lunte am Pul­ver­fass“, betont der Ex-Oberst und lässt in seinem Haus in den satt­grünen Bergen nahe Tegu­cig­alpa, inmitten von Aka­zi­en­st­räu­chern, Bou­gain­villeen und gackernden Hüh­nern, den Krieg für einen Moment noch mal auf­leben.

Ver­bo­tene Kriegs­füh­rung

Der schlanke, große Mann rollt Karten mit Front­ver­läufen, Kriegs­stra­te­gien und ‑zielen auf. Die Spiele haben genau das feind­liche Klima in der Bevöl­ke­rung geschaffen, das die Regie­rungen brauchten, um den Krieg zu führen.“ 16 Tage nach dem ent­schei­denden Treffer von Rodríguez fallen die ersten Bomben auf Hon­duras, als sal­va­do­ria­ni­sche Flieger am 14. Juli um 18.10 Uhr das Nach­bar­land groß­flä­chig angreifen. Einen Tag später folgt die Boden­in­va­sion.

Die sal­va­do­ria­ni­schen Truppen sind denen des Nach­bar­landes im Ver­hältnis sechs zu eins über­legen. Hon­duras hin­gegen hat die moder­nere Luft­waffe und bom­bar­diert Ziele im Nach­bar­land. Nach ein­hun­dert Stunden ver­mit­telt die Orga­ni­sa­tion Ame­ri­ka­ni­scher Staaten (OEA) einen Waf­fen­still­stand. Wir hatten keinen Schuss Muni­tion mehr. Keine Seite war in der Lage, die andere zu besiegen“, sagt Oberst Elvir. Der Krieg war kurz, aber sehr grausam. Beide Seiten griffen tief in das Arsenal der ver­bo­tenen Kriegs­füh­rung: Napalm, mensch­liche Schutz­schilde und Hin­rich­tungen, alles hat es gegeben“, sagt der Ex-Offi­zier, der ein Buch über den Krieg geschrieben hat und die Todes­opfer mit 6000 bezif­fert, fast aus­schließ­lich Zivi­listen.

Der Krieg zwi­schen Hon­duras und El Sal­vador ist viel­leicht der bru­talste Beleg dafür, wie brü­chig in Latein­ame­rika die Linie zwi­schen Fuß­ball und Politik ist.

Vor 50 Jahren hätten die Aus­schei­dungs­spiele für die Mili­tär­macht­haber beider Länder zu keinem bes­seren Zeit­punkt kommen können. Der Fuß­ball wurde für poli­ti­sche Zwecke in Sip­pen­haft genommen und zum Sün­den­bock für zahl­lose Tote gemacht. Die Region zwi­schen Mexiko und Argen­ti­nien ist auch heute noch frucht­barer Boden für ähn­liche Kon­flikte.

Lei­den­schaft für Fuß­ball, schwache Demo­kra­tien, eine große Schere zwi­schen Arm und Reich und eine unge­rechte Auf­tei­lung des Landes sowie eine bil­dungs­arme Bevöl­ke­rung sind noch immer Nähr­boden für die Wie­der­ho­lung eines Fuß­ball­kriegs“. In Latein­ame­rika wird der Fuß­ball nie frei von Politik sein“, sagt Pipo Rodríguez. Daheim in San Sal­vador packt er seine Helden- Medaille wieder in die Schachtel und hält einen Moment inne.

Ein Wen­de­punkt in seinem Leben

Dann sagt er: Es wäre doch seltsam zu glauben, dass Sport oder Fuß­ball die Macht haben, Kriege aus­zu­lösen. “ Er hofft, dass die Gescheh­nisse von damals heute so nicht mehr mög­lich wären. Die Men­schen sind reifer und haben ganz andere Mög­lich­keiten, sich zu infor­mieren. Wir hatten damals nur Zei­tungen und Radios, die prak­tisch Pro­pa­gan­da­in­stru­mente der Regie­rungen waren und die Stim­mung anheizten.“ Die Bezie­hungen zwi­schen den beiden Kriegs­geg­nern haben sich inzwi­schen wieder nor­ma­li­siert. Poli­tisch und sport­lich.

Begeg­nungen, wie die am 10. Juni 2009 in San Pedro Sula im Rahmen der WM-Qua­li­fi­ka­tion für Süd­afrika, die Hon­duras wie vor 50 Jahren mit 1:0 gewann, sind Spiele wie jedes andere. Aber es dau­erte nach Kriegs­ende zehn Jahre, bis die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen wieder her­ge­stellt wurden und fast zwölf, bis sich die Natio­nal­teams beider Länder wieder in einem offi­zi­ellen Spiel gegen­über­standen.

Für Rodríguez war die Partie mit seinem Tor vor 50 Jahren ein Wen­de­punkt in seinem Leben. Auf die Frage, ob er es heute, wis­send, was sein Tor mit aus­ge­löst hat, anders machen würde, ant­wortet er ohne zu zögern: Auf keinen Fall. Ich würde es noch mal so machen. Ich war Stürmer und es war meine Auf­gabe.“ Und bei dieser Ant­wort klingt Mau­ricio Rodríguez über­haupt nicht wie ein His­to­riker, son­dern wie Pipo, der Rechts­außen.