Die Alpen­re­pu­blik wird gerade durch eine Welle von Ent­hül­lungen über­rollt. Darin geht es vor allem um (sexu­ellen) Miss­brauch im Sport. Zuerst dachte man, diese Dinge beträfen aus­schließ­lich den Win­ter­sport, wo Ver­ge­wal­ti­gungen, Beläs­ti­gungen und ernied­ri­gende Rituale im großen Stil womög­lich zum Alltag gehör(t)en. Doch nun hat die Welle auch den ver­meint­lich so sau­beren Fuß­ball erfasst: Ex-HSV-Legionär Paul Scharner berichtet im Stan­dard“, wie er 2001 als Jung­profi bei Aus­tria Wien kom­plett ent­kleidet, mit Schuh­creme ein­ge­schmiert („gepas­tert“) und ver­prü­gelt wurde. Es muss schmerz­haft, ernied­ri­gend und ent­wür­di­gend gewesen sein. Und plötz­lich geht ein Auf­schrei durch Fuß­ball-Öster­reich.

Dabei sind Scharners Schil­de­rungen kei­nes­falls neu. Er hat sie bereits in seiner 2015 erschie­nenen Auto­bio­grafie Posi­tion Quer­denker: Wie viel Cha­rakter ver­trägt eine Fuß­ball­kar­riere?“ dar­ge­legt. 13 Jahre zuvor hatte ein ehe­ma­liger Jugend­spieler des Grazer AK öffent­lich gemacht, dass ihm einst eine Klo­bürste anal ein­ge­führt worden war. Nur: Das inter­es­sierte irgendwie keinen. Und echte Kon­se­quenzen blieben aus. Doch heute, in Zeiten von „#metoo“, sind unschöne Dinge wie Miss­brauch plötz­lich ein großes Thema. Und die Opfer werden end­lich gehört.

Wenn man sich wehrt, wird es schlimmer“

Scharner, der in seiner Lauf­bahn 40 A‑Länderspiele für Öster­reich bestritt, hatte wohl noch Glück im Unglück. Anderen Jung­profis seien beim Pas­tern“ zuerst die Schuh­creme-Tube, dann deren Inhalt anal ein­ge­führt worden. Zu diesem Zweck seien die Opfer split­ter­nackt in der Kabine gefes­selt worden, berichten Zeugen und Betrof­fene. Auch der ehe­ma­lige öster­rei­chi­sche Junioren-Natio­nal­spieler Peter Hack­mair, heute als TV-Experte so eine Art Oliver Kahn des ORF, beschreibt wider­wär­tige Prak­tiken. Dem Magazin Profil“ erzählt Hack­mair: Es pas­sierte meis­tens im Trai­nings­lager und lief eigent­lich immer nach dem glei­chen Schema ab: Ein junger Spieler, der gerade einen Profi-Ver­trag unter­schrieben hatte, wurde geschnappt, auf der Mas­sa­ge­bank fest­ge­bunden und mit Bade­schlapfen oder Ähn­li­chem geschlagen – oft, bis er geblutet hat. Dann wurde der Anus mit einer scharfen Trau­ma­salbe ein­ge­rieben. Dazu kamen wei­tere Demü­ti­gungen, und zum Abschluss wurde der Kopf rasiert. Das Ganze dau­erte zwi­schen 15 und 30 Minuten.“

Paul Scharner beschreibt in seinem Buch auch die per­sön­liche Ohn­macht gegen das unver­meid­liche Ritual: Ich war gegen zehn Mann chan­cenlos. Sie nahmen nicht einmal Rück­sicht auf meine Brille. Ein rand­loses Modell, das im Kampf split­terte. Ich ver­suchte, mich zu wehren, aber es waren zu viele Hände. Sie banden mich an Füßen und Händen mit Tape fest. Auf dem Bauch lie­gend wurde ich in die Matratze gedrückt, sie saßen auf mir, und ich bekam kaum Luft. Wenn man sich wehrt, wird es schlimmer … Es war sinnlos dage­gen­zu­halten. Viel­leicht hätte ich mir vorher ein Pfef­fer­spray besorgen sollen. Dieser Demü­ti­gung würde ich mich heute wider­setzen. Sie schmierten mir reich­lich schwarze Schuh­creme auf den ent­blößten Hin­tern und schlugen mit Bade­schlapfen auf mich ein. Das Lachen meiner Kol­legen war noch einmal eine Demü­ti­gung. Nach dem Pas­tern wurden mir auch noch die Haare abra­siert.“