Seite 2: „Vermutlich sind wir alle einfach nostalgische Freaks“

Was macht für Sie die Fas­zi­na­tion dieser beson­deren Orte aus?

Schon der Weg zum Ziel ist magisch. Man kennt das, wenn hinter einer Ecke plötz­lich das Sta­dion auf­taucht oder über den Dächern die Flut­licht­masten zu sehen sind. Für mich fühlt sich das an wie ein Kin­der­ge­burtstag für Erwach­sene. Am Ende aber sind es die Men­schen, die diese Orte erst wirk­lich beson­ders machen. Wie bei unserem Trip ins Her­mann-Löns-Sta­dion von Solingen, wo der WDR gerade einen Bei­trag drehte und wir Horst Franz (Solin­gens Trainer von 1977 bis 1980, d. Red.) ken­nen­lernen durften. Oder die Initia­toren des Fuß­ball­mu­seums in Bay­reuth, mit denen wir letzt­lich fünf Stunden lang in alten Erin­ne­rungen schwelgten.

Fuß­ball als sozialer Kitt?

Absolut. Die Men­schen, die wir auf unseren Reisen getroffen haben, ticken im Kern alle ähn­lich: Alle eint, dass sie den Fuß­ball von früher ver­missen und sich ihn auf irgend­eine Weise bewahren oder zurück­holen wollen. Ver­mut­lich sind wir alle ein­fach nost­al­gi­sche Freaks.

Haben Ver­eine Ver­ständnis für die Bedürf­nisse sol­cher Freaks?

Teil, teils. Bei der Sta­di­on­füh­rung des FC Bayern wurde ich von Stu­denten durch die Allianz Arena geleitet, bei denen man das Gefühl hatte, dass sie das vor allem machen, weil es ein sehr gut bezahlter Nebenjob ist. Da fehlt das Herz, die echte Lei­den­schaft. Die Sta­di­on­füh­rung in Bochum ist dagegen das kom­plette Gegen­teil. Hier hat man nicht gleich den Ein­druck, dass die Geschichte des Klubs vor allem dazu genutzt wird, um Geld zu ver­dienen, son­dern um Tra­di­tion zu bewahren und Geschichten zu erzählen.

Haben die vielen Reisen Sie ver­än­dert?

Als ich damit anfing, hatte ich mich vom ganz großen Fuß­ball bereits deut­lich ent­fernt. Ich war defi­nitiv ange­kotzt von der Unnah­bar­keit der Klubs, der immer kras­seren Kom­mer­zia­li­sie­rung, all den Aus­wüchsen des modernen Fuß­balls. Die magi­schen Orte haben die Begeis­te­rung zurück­ge­bracht und ein Stück weit meine Kind­heit kon­ser­viert. Außerdem habe ich dadurch Deutsch­land noch viel besser ken­nen­ge­lernt. Wann kommt man denn sonst als Nord­hesse nach Bran­den­burg an der Havel, wenn man nicht das Sta­dion am Quenz besucht? Oder nach Wusterhausen/​Dosse, weil dort das Fahr­gast­schiff Hertha“ früher vor Anker lag?

Welche Erkennt­nisse haben Sie über das Fuß­ball­land Deutsch­land gewonnen?

Dass es keinen Unter­schied macht, ob man im Norden, Osten, Süden oder Westen unter­wegs ist. Die beson­dere Lei­den­schaft für Fuß­ball hat etwas wirk­lich sehr Einendes. In den Farben getrennt, in der Sache ver­eint“ – da ist schon was dran.

Wie viele Orte fehlen noch?

Von den 99 ursprüng­lich emp­foh­lenen noch drei: das Sport­studio in Mainz, die Fähre zum Weser­sta­dion und die Fuß­ball­schule in Frei­burg. Ins­ge­samt war ich bis­lang aber schon an etwa 120 Orten. Und es soll bit­te­schön so wei­ter­gehen, denn zum Glück gibt es noch so viele schöne Holz­tri­bünen, die unbe­dingt einen Besuch wert sind. Ich wäre aller­dings sehr dankbar, wenn 11 FREUNDE auf eine Titel­ge­schichte über 99 Orte in Europa, die Fuß­ball­fans gesehen haben müssen“ ver­zichten würde. Denn das könnte meine Ehe dann doch gefährden.