Dies ist ein Auszug aus unserem 11FREUNDE-Heft Mein ver­rücktes Fuß­ball­jahr 2018“. Die Geschichten findet ihr in diesem Heft, das am Kiosk eures Ver­trauens oder direkt im 11Freunde-Shop erhält­lich ist.

Sascha Kurz­rock, wel­chen Ort in Deutsch­land sollte ein Fuß­ballfan in seinem Leben min­des­tens ein Mal besucht haben?

Auf jeden Fall den Alfred-Kunze-Sport­park“ in Leipzig. Das Denkmal für den Rest von Leipzig“ ist eine Beson­der­heit, die ich so noch in keinem anderen Sta­dion gesehen habe.

Das sind die Sta­tuen der Meis­ter­spieler von 1964.

Genau. Dazu die mons­tröse Steh­tri­büne hinter dem Tor, die ein­fach nicht auf­hören will, in den Himmel zu wachsen, und die schöne Holz­tri­büne. Die sind ja eh immer einen Besuch wert.

Was können Sie noch emp­fehlen?

Das Museum Fuß­ball­zeit­reise“ in Bad Tabarz. Die Macher dort leben den feuchten Traum eines jeden Samm­lers und haben einen alten Stall zu Aus­stel­lungs­räumen umge­baut. Die Füh­rung dau­erte vier Stunden und war keine Minute zu lang. Unbe­dingt emp­feh­lens­wert ist auch das Wald­sta­dion im Kaf­fee­täl­chen“ in Tie­fenort, zu DDR-Zeiten für 7500 Zuschauer gebaut. Gleich am Ein­gang ist so ein herr­li­ches Metalltor, wo die BSG-Initialen ein­ge­schweißt sind, dazu eine ewig lange und zum Teil moos­be­wach­sene Steh­tri­büne – das Ding ist ein Traum. Wobei man ver­mut­lich schon ein Faible für leicht mor­biden Charme haben sollte.

Andere fahren nach Mal­lorca – wa­rum haben Sie sich für solche Fuß­ball­kul­tur­reisen ent­schieden?

Im April 2012 erschien eine Aus­gabe von 11 FREUNDE mit der Titel­ge­schichte 99 Orte, die Fuß­ball­fans gesehen haben müssen“. Wenig später war ich mit meiner Frau in Berlin. Statt zum Alex­an­der­platz fuhren wir ins Post­sta­dion. Am selben Tag setzten wir uns in die Stra­ßen­bahn, um die Klappflut­licht­masten in Babels­berg zu bestaunen. So kamen wir auf den Geschmack. Meine Frau stammt aus Lübeck, 50 Kilo­meter davon ent­fernt ist die Sport­schule Malente – also hin. Ham­burg ist auch nicht weit, Zeit für einen schnellen Besuch in der Vik­toria-klause … So ging es immer weiter. Ich schrieb Rei­se­be­richte und ver­öf­fent­lichte die auf meiner Home­page www​.11​-km​.de

Was macht für Sie die Fas­zi­na­tion dieser beson­deren Orte aus?

Schon der Weg zum Ziel ist magisch. Man kennt das, wenn hinter einer Ecke plötz­lich das Sta­dion auf­taucht oder über den Dächern die Flut­licht­masten zu sehen sind. Für mich fühlt sich das an wie ein Kin­der­ge­burtstag für Erwach­sene. Am Ende aber sind es die Men­schen, die diese Orte erst wirk­lich beson­ders machen. Wie bei unserem Trip ins Her­mann-Löns-Sta­dion von Solingen, wo der WDR gerade einen Bei­trag drehte und wir Horst Franz (Solin­gens Trainer von 1977 bis 1980, d. Red.) ken­nen­lernen durften. Oder die Initia­toren des Fuß­ball­mu­seums in Bay­reuth, mit denen wir letzt­lich fünf Stunden lang in alten Erin­ne­rungen schwelgten.

Fuß­ball als sozialer Kitt?

Absolut. Die Men­schen, die wir auf unseren Reisen getroffen haben, ticken im Kern alle ähn­lich: Alle eint, dass sie den Fuß­ball von früher ver­missen und sich ihn auf irgend­eine Weise bewahren oder zurück­holen wollen. Ver­mut­lich sind wir alle ein­fach nost­al­gi­sche Freaks.

Haben Ver­eine Ver­ständnis für die Bedürf­nisse sol­cher Freaks?

Teil, teils. Bei der Sta­di­on­füh­rung des FC Bayern wurde ich von Stu­denten durch die Allianz Arena geleitet, bei denen man das Gefühl hatte, dass sie das vor allem machen, weil es ein sehr gut bezahlter Nebenjob ist. Da fehlt das Herz, die echte Lei­den­schaft. Die Sta­di­on­füh­rung in Bochum ist dagegen das kom­plette Gegen­teil. Hier hat man nicht gleich den Ein­druck, dass die Geschichte des Klubs vor allem dazu genutzt wird, um Geld zu ver­dienen, son­dern um Tra­di­tion zu bewahren und Geschichten zu erzählen.

Haben die vielen Reisen Sie ver­än­dert?

Als ich damit anfing, hatte ich mich vom ganz großen Fuß­ball bereits deut­lich ent­fernt. Ich war defi­nitiv ange­kotzt von der Unnah­bar­keit der Klubs, der immer kras­seren Kom­mer­zia­li­sie­rung, all den Aus­wüchsen des modernen Fuß­balls. Die magi­schen Orte haben die Begeis­te­rung zurück­ge­bracht und ein Stück weit meine Kind­heit kon­ser­viert. Außerdem habe ich dadurch Deutsch­land noch viel besser ken­nen­ge­lernt. Wann kommt man denn sonst als Nord­hesse nach Bran­den­burg an der Havel, wenn man nicht das Sta­dion am Quenz besucht? Oder nach Wusterhausen/​Dosse, weil dort das Fahr­gast­schiff Hertha“ früher vor Anker lag?

Welche Erkennt­nisse haben Sie über das Fuß­ball­land Deutsch­land gewonnen?

Dass es keinen Unter­schied macht, ob man im Norden, Osten, Süden oder Westen unter­wegs ist. Die beson­dere Lei­den­schaft für Fuß­ball hat etwas wirk­lich sehr Einendes. In den Farben getrennt, in der Sache ver­eint“ – da ist schon was dran.

Wie viele Orte fehlen noch?

Von den 99 ursprüng­lich emp­foh­lenen noch drei: das Sport­studio in Mainz, die Fähre zum Weser­sta­dion und die Fuß­ball­schule in Frei­burg. Ins­ge­samt war ich bis­lang aber schon an etwa 120 Orten. Und es soll bit­te­schön so wei­ter­gehen, denn zum Glück gibt es noch so viele schöne Holz­tri­bünen, die unbe­dingt einen Besuch wert sind. Ich wäre aller­dings sehr dankbar, wenn 11 FREUNDE auf eine Titel­ge­schichte über 99 Orte in Europa, die Fuß­ball­fans gesehen haben müssen“ ver­zichten würde. Denn das könnte meine Ehe dann doch gefährden.