1976 schoss Uli Hoeneß den wich­tigsten Elf­meter seiner Kar­riere in den Himmel von Bel­grad. Der RSC Ander­lecht gewann gegen West Ham United den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger. Tennis Borussia Berlin stieg in die Bun­des­liga auf. Und der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean Baudril­lard schrieb sein Haupt­werk Der sym­bo­li­sche Tausch und der Tod“. Mit einer Mischung aus Ironie und Sorge erklärt er darin die Hyper­rea­lität, also ein idea­li­siertes und den Vor­stel­lungen eines Künst­lers ent­spre­chendes Bild eines wirk­lich exis­tie­renden Objektes; ein Abbild von etwas, das es in der Rea­lität gar nicht gibt.

Womit wir im Jahr 2021 wären, dem Super­jahr der Super League. Einem Fuß­ball­wett­be­werb, der wie die über­höhte Idee eines Sports erscheint, den wir mal zu kennen glaubten. Eine geschlos­sene Liga ohne Unterbau, eine Show, die nicht mehr gebunden ist an Orte oder Men­schen, an Farben oder Sta­dien. Sie könnte überall statt­finden, vor ani­mierten Figuren in London, vor realen Zuschauern in China, vor nie­mandem auf dem Mond. Ein Sci­ence-Fic­tion-Fuß­ball. Eine Fuß­ball-Hyper­rea­lität.

Für Fans aus Mün­chen, Madrid oder Bar­ce­lona wäre es toll, wenn diese Teams immer gegen­ein­ander spielen könnten.“

Bernard Tapie

In den ver­gan­genen Jahren hat sich der Fuß­ball stetig einer Simu­la­tion ange­nä­hert. Er wurde digi­taler, feh­ler­freier, nahezu per­fekt. Die Figuren in Video­spielen sind von den echten Ath­leten kaum noch zu unter­scheiden. Oft muss man zweimal hin­schauen, wer da gerade über den Bild­schirm läuft, Cris­tiano Ronaldo auf Sky oder Cris­tiano Ronaldo auf der Play­sta­tion. Und wer lernt eigent­lich von wem: Die Video­spiel­figur Kylian Mbappé von dem realen Spieler Kylian Mbappé oder der echte Mbappé von seinem Avatar?

Der große Unter­schied zum Video­spiel war lange die Ver­füg­bar­keit. Auf dem Com­puter kann man jeder­zeit Real Madrid gegen Man­chester United antreten lassen. Man kann seine Teams alle paar Minuten zum großen Tri­umph in der Cham­pions League führen. Den Nach­teil, dass das in der realen Welt so nicht funk­tio­niert, ver­su­chen die selbst­er­nannten Fuß­ball­be­stimmer zu beheben, indem sie jeden Tag eines Kalen­der­jahres mit Fuß­ball belegen – die Spiel­tage der natio­nalen Ligen werden über meh­rere Tage ver­teilt und die inter­na­tio­nalen Wett­be­werbe bis zur Unkennt­lich­keit auf­ge­blasen, zwi­schen­drin dürfen wir die Super­spieler noch in Freund­schafts­spielen und Fan­ta­sie­tur­nieren beklat­schen.

Von einer euro­päi­schen Super­liga träumen diese Fuß­ball­be­stimmer seit Jahr­zehnten. Schon 1990 erklärte Mar­seilles dama­liger Prä­si­dent Ber­nard Tapie im Spiegel“: Für Fans aus Mün­chen, Madrid oder Bar­ce­lona wäre es toll, wenn diese Teams immer gegen­ein­ander spielen könnten.“ Man wolle die Fans mit neuen Attrak­tionen und Geschichten ins Sta­dion locken, mit Laser-Shows und Feu­er­werken schaffen wir Fas­zi­na­tion“.

Auch andere Ver­eins­fürsten fanden diese Idee ganz gut und for­cierten eine unab­hän­gige Super­liga. Die Uefa musste han­deln – und schuf für die Super­klubs die Cham­pions League.

Vor­freude auf Bar­ce­lona-Bayern? Kaum größer als auf eine Wie­der­ho­lung von Rach, der Restau­rant­tester“

Der aktu­elle Vor­stoß mag also wieder eine Nebel­kerze sein, ein Druck­sze­nario, auf das die Uefa reagieren muss. Mit Reformen, die die Super­klubs noch superer machen. Aber im Grunde ist das neben­säch­lich, denn die nächste Liga, egal wie sie heißt, wird kommen. Sie wird der nächste Schritt zu einer Dau­er­wie­der­ho­lung und zur Repro­duk­tion einer Reprdouk­tion sein, die den Zauber eines Ereig­nisses zer­stört. Die sogar die Aura und Beson­der­heit eines Cham­pions-League-Spiels zunichte macht.

Das mag pathe­tisch klingen, aber wie beliebig wirken heute schon Par­tien zwi­schen PSG und Man­chester United? Wie groß ist die Vor­freude auf ein Halb­fi­nale zwi­schen Bar­ce­lona und Bayern? Oft nur unwe­sent­lich größer als die Vor­freude auf eine Wie­der­ho­lung einer Folge Rach, der Restau­rant­tester“.

Die Geschichten sind aus­er­zählt. Selbst die Feu­er­werke und Laser-Shows zünden nicht mehr. Das merken die Fuß­ball­be­stimmer. Also müssen neue Geschichten her, über­ra­schende Wen­dungen. Die Lösung könnte sein, die Ligen span­nender zu machen, etwa durch eine gerech­tere Ver­tei­lung der TV-Gelder. Aber nein, die Ant­wort der Fuß­ball­be­stimmer lautet immer: Mehr! Mehr Geld, mehr Per­fek­tion und vor allem mehr Con­tent. Bald wird sich der Fuß­ball anfühlen wie ein aus­tausch­bares Medi­en­pro­dukt auf Abruf. Ein Spo­tify-Song, ein Net­flix-Film, Fuß­ball on demand. Bis sogar die tollsten Spiele unter­gehen in einer Mate­ri­al­masse, die nie­mand mehr durch­dringen kann.

Viel­leicht sind dann längst keine Fans mehr da, jeden­falls nicht die, die sich vor Jahr­zehnten in die Klubs ver­liebt haben. Aber das ist egal, denn andern­orts sind die Märkte noch lange nicht geschröpft. In Asien gibt es Mil­lionen Fans von Real Madrid, Juventus Turin oder Man­chester United, die eine Super League wirk­lich ganz super finden. Heute erklärte die Fan-Seite Madri­dista Indo­nesia“ (127.000 Abon­nenten), dass Flo­ren­tino Perez dann end­lich genug Geld hätte, um Haa­land und Mbappé zu kaufen.

Es ist ein biss­chen wie bei einer bekannten Serie, die einst span­nend begann und sich irgend­wann im Non­sens verlor. Als es zu wild und irre wurde, sprangen viele Leute ab, aber die Macher setzten immer noch einen drauf. Sie quetschten das Pro­dukt aus, zogen es in die Länge, bis man erschöpft den Fern­seher anflehte, dass er doch auf­höre zu senden. Ihr Titel passt ganz gut auf die aktu­elle Gefühls­lage im Fuß­ball: Lost“.