Der Bewe­gungs­ab­lauf war der­selbe wie immer. Schon seit der Jugend hatte er ihn in jedem Trai­ning x‑mal gemacht. Ein kurzer, ange­täuschter Antritt gegen den Ball und dann vollgas die Linie runter. Er wusste, dass ihm in sol­chen Momenten nie­mand – nicht einmal die besten Ver­tei­diger der Welt – noch folgen konnte. Der Heber von Bernd Schneider tupfte wie ein reifer Apfel vor seine Füße. Er traf den Ball gut, die Plas­tik­kugel flog mit leichtem Effet nach innen, wo Oliver Neu­ville wie von einem Kata­pult geschossen her­an­preschte und mit dem Instinkt des Tor­jä­gers voll­endete.
David Odon­kors Sprint über den rechten Flügel des West­fa­len­sta­dions in der Nacht des 14. Juni 2006 ging in die deut­sche Fuß­ball­ge­schichte ein. In Sekun­den­bruch­teilen wurde aus einem 22-jäh­rigen Ost­west­falen die Figur eines Som­mer­mär­chens. Das Siegtor in der Nach­spiel­zeit des Vor­run­den­spiels gegen Polen ent­fachte eine Eupho­rie­welle, die nie­mand den Deut­schen zuge­traut hätte. Am wenigsten die Deut­schen sich selbst. Und so wurde David Odonkor im kol­lek­tiven Gedächtnis zur Ikone des modernen Flü­gel­flit­zers.

Dabei folgte der dun­kel­häu­tige Sprinter ledig­lich der Bestim­mung, die Jürgen Klins­mann und Joa­chim Löw bei seiner Beru­fung in den WM-Kader 2006 ersonnen hatten. Als der Bun­des­trainer den dama­ligen BVB-Profi mit den Worten Genieß es!“ in der 64. Minute zu seinem dritten Län­der­spiel auf den Rasen schickte, tat er es nur aus einem Grund: Odonkor sollte einen Auf­trag erfüllen. Er sollte rennen, flanken und Chancen ermög­li­chen. So wie er es in Dort­mund zuvor am Fließ­band getan hatte. Denn rennen konnte kein deut­scher Profi so schnell wie er. So eine Waffe wie dich, David“, sagte Klins­mann zu ihm im WM-Trai­nings­lager, findet man nicht oft.“

Die WM 2006 scheint Licht­jahre ent­fernt

Kurz vor Weih­nachten 2011 sitzt David Odonkor in einem Ber­liner Restau­rant und trinkt seinen zweiten Cap­puc­cino. Die WM 2006 scheint Licht­jahre ent­fernt. Odonkor kickt jetzt bei Ale­mannia Aachen gegen den Abstieg in die dritte Liga. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Mann eine Waffe sein kann, die kom­pro­misslos Auf­träge erfüllt. Beim Reden schlägt er die Augen nieder und faltet das leere Zucker­tüt­chen zu einem Rechteck. Er wird im Februar 28. Die Halb­wert­zeit einer Pro­fi­kar­riere kann so kurz sein. Noch immer wirkt er wie ein scheues Reh, so wie damals vor der Kamera von Sönke Wort­mann im Sommermärchen“-Film, als ihn der Regis­seur am Morgen nach dem Sieg gegen Argen­ti­nien auf seinem Zimmer besuchte und Odonkor mit der Zahn­bürste im Mund die Tür auf­machte.

Da öff­nete kein strah­lender Sie­gertyp, son­dern ein über­rum­pelter Sta­tist, der sich offenbar wun­derte, dass es bei ihm geklopft hatte. Anders als die Youngster Bas­tian Schwein­s­teiger und Lukas Podolski, die mit jedem wei­teren Sieg eine brei­tere Brust bekamen, blieb er trotz des Wir­bels stets Zaun­gast im WM-Zirkus. Wie ein Kind, das zum ersten Mal im Leben durch ein Spiel­zeug­pa­ra­dies hüpft, schien er geblendet vom Glück, aber auch über­for­dert von der Viel­zahl der Optionen, die sich plötz­lich auf­taten. Natür­lich ist es ein über­ra­gendes Gefühl, wenn man durch sport­liche Leis­tungen bei den Men­schen ein Lächeln her­vor­zau­bern kann“, sagt er und dreht dabei den Ring an seinem Finger, doch die Ereig­nisse der WM sind mir eigent­lich erst sehr viel später bewusst geworden.“

Er ist zum Inter­view extra aus dem Vorort von Bie­le­feld in die Haupt­stadt gereist. Zwei Freunde und der Cousin seiner Frau haben ihn begleitet. Nach fünf Jahren als Profi bei Betis Sevilla ist er glück­lich, wieder in der Heimat zu leben, wo ihn die Wärme der Familie und einiger Jugend­freunde umgibt. Nach dem Gespräch will das Quar­tett in Berlin noch Weih­nachts­ge­schenke ein­kaufen gehen. Sie wollen in die Stadt“, wie Odonkor sagt. Das Syn­onym für die Ein­kaufs­straße einer Ort­schaft iden­ti­fi­ziert ihn als einen, der die Gemäch­lich­keit der Pro­vinz dem Chaos der Groß­stadt vor­zieht.

In Sevilla verlor er sein Selbst­be­wusst­sein

Der Glanz der WM-Tage ist für ihn zur Last geworden. So unauf­haltsam und strin­gent er bei seinem Flan­ken­lauf 2006 über das Spiel­feld schoss, so ver­schlungen waren die Wege, die das Leben anschlie­ßend für ihn bereit­hielt. Als er nach dem Tur­nier nach Dort­mund zurück­kehrte, stellte Coach Bert van Mar­wijk plötz­lich das Spiel­system um und hatte für Odonkor nur noch bedingt Ver­wen­dung. Zudem war der klamme BVB sehr an den 6,5 Mil­lionen Euro Ablö­se­summe inter­es­siert, die Betis Sevilla bot. Odonkor sei­ner­seits scharrte im Licht­kegel des Ruhms mit den Hufen wie ein Renn­pferd in der Box. Die Welt schien ihm offen zu stehen. BVB-Manager Michael Zorc teilte ihm mit, dass die Borussia bei den Gehalts­mög­lich­keiten, die ihm der anda­lu­si­sche Klub bot, nie­mals mit­halten könne. Und der Sprung vom Lehr­lings­salär in Dort­mund zu den statt­li­chen 1,4 Mil­lionen Euro netto pro Jahr hatte zwei­fellos seinen Reiz.

Wenn die Borussia ihn par­tout los­werden wollte, dann sei’s eben drum.
Doch der Transfer ent­puppte sich als großes Miss­ver­ständnis. Fernab des gewohnten Umfelds büßte er schnell an Selbst­be­wusst­sein ein. Als er bei seiner Prä­sen­ta­tion im Estadio Benito Vill­amarin vor 30 000 Zuschauern einen Satz auf Spa­nisch sagen sollte, kriegte er es mit der Angst. Selbst den Schlachtruf Mucho Betis!“ bekam er im Ange­sicht der vielen fremden Men­schen nur mit Mühe über die Lippen, weil er fürch­tete, in seiner Ner­vo­sität Mucho Sevilla!“ zu rufen – und damit unge­wollt dem Orts­ri­valen vom FC Sevilla zu hul­digen. Nach nur wenigen Wochen begann er, sich ernst­haft damit zu beschäf­tigen, Anda­lu­sien wieder zu ver­lassen. Aber Betis hatte einen hohen Preis für ihn bezahlt und dafür eine lange Ver­trags­lauf­zeit bekommen. Es gab keinen Klub, der bereit war, ihn aus dem Kon­trakt her­aus­zu­kaufen.

Die Bilanz in Sevilla: Fünf Ope­ra­tionen in fünf Jahren

Odonkor musste bleiben und erlebte eine lange Lei­dens­zeit. In fünf Spiel­zeiten brachte er es gerade mal auf 51 Pflicht­spiele. Fünfmal wurde er am Knie ope­riert, immer wenn es wieder zu laufen schien, warf ihn die nächste Ver­let­zung zurück. Das Heimweh nagte an ihm, und je länger seine Beschwerden dau­erten, desto schlimmer wurde es. Er ver­schanzte sich mit seiner Frau Suzan im Vorort Simon Verde, flog so oft es ging in die Heimat, ließ Freunde aus Deutsch­land anreisen und ver­passte die Chance, die Sprache zu lernen, um end­lich hei­misch zu werden. Auch für seinen Klub lief es alles andere als nach Plan: 2009 stieg Betis in die zweite spa­ni­sche Liga ab – groß­artig ein­greifen konnte Odonkor nicht, weil er in der Abstiegs­saison ver­let­zungs­be­dingt nur sieben Liga­spiele bestritt.

Erst im Sommer 2010 schien sich alles zum Posi­tiven zu wenden. Wäh­rend die deut­sche Elf in Süd­afrika eine gran­diose WM spielte, star­tete er bei Betis aus­nahms­weise fit in die Vor­be­rei­tung. Coach Victor Fer­nandez baute wieder auf ihn. Das labile Knie hielt – und diesmal sollte es auch so bleiben. Kurz vor Sai­son­start traf er des­halb in Absprache mit seinem Berater Cris­tobal Guzman eine fol­gen­schwere Ent­schei­dung: Um nicht in Gefahr zu geraten, wäh­rend der Meis­ter­schaft aus­zu­fallen, ließ er pro­phy­lak­tisch eine erneute Arthro­skopie durch­führen. Da es sich um einen Rou­ti­ne­ein­griff han­delte, ent­schloss sich Odonkor, die OP nicht wie gewohnt in Deutsch­land, son­dern aus­nahms­weise in Sevilla machen zu lassen. Der Ein­griff ver­lief zunächst ohne Kom­pli­ka­tionen. Im anschlie­ßenden Freund­schafts­spiel gegen Atle­tico Madrid gelang ihm nach langer Zeit sogar wieder ein Tor. In der zweiten Nacht nach dem Match aber wachte er schweiß­ge­badet auf. Sein Kopf glühte wie heiße Lava, die aus einem Vul­kan­krater empor­schießt. Ein furcht­barer Schmerz durch­zuckte sein Knie. Der Not­arzt brachte ihn ins Kran­ken­haus, doch die Nacht­schicht dia­gnos­ti­zierte nur eine all­er­gi­sche Reak­tion und schickte ihn mit Tabletten und Krü­cken zurück nach Hause.

Am nächsten Morgen waren die Schmerzen uner­träg­lich geworden. Odonkor wurde auf die Inten­siv­sta­tion ver­legt. Bei der OP hatte sich ein Keim in seinem Knie fest­ge­setzt. Die Spe­zia­listen in Deutsch­land rieten drin­gend von einer Ver­le­gung ab, weil jede Form von Bewe­gung das Risiko barg, dass sich die Infek­tion auf den ganzen Körper aus­dehnt. Sechs Wochen lag der Kicker untätig und krei­de­bleich in seinem Bett auf der Inten­siv­sta­tion. Immer wieder flossen Tränen. Sein Körper baute Mus­kel­masse ab, Odonkor verlor fast 15 Kilo. Der pfeil­schnelle WM-Held war nur noch ein Häuf­chen Elend. Sein Berater, der ihm zu dem Ein­griff geraten hatte, saß jeden Tag pflicht­schuldig am Bett des Schwer­kranken und ver­suchte, ihm Mut zuzu­spre­chen. Eine Sisy­pho­sauf­gabe. Denn irgend­wann kommt der Moment,“ sagt Guzman, da kann man nichts mehr sagen, da ist jedes Wort zu viel.“ Plötz­lich wurde die Frage nach seiner fuß­bal­le­ri­schen Zukunft von einer weitaus exis­ten­ti­el­leren über­la­gert. In so einer Situa­tion denkt man nur noch daran, wann end­lich diese Schmerzen ver­schwinden“, erin­nert sich David Odonkor an die Zeit im Kran­ken­haus.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Schicksal

Sein Leben war seit jeher ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Schicksal. Er wuchs gemeinsam mit drei Geschwis­tern bei der allein­er­zie­henden Mutter auf. Das Geld war knapp. Zu seinem gha­nai­schen Vater, der die Familie ver­ließ, als David sieben war, hatte er kaum Kon­takt. So sehr Mutter Ute sich auch bemühte, das Inter­esse ihres Sohnes an schu­li­schen Dingen zu för­dern, gegen die Liebe zum Fuß­ball kam sie nicht an. Als BVB-Nach­wuchs­ko­or­di­nator Eddy Boe­kamp den 14-Jäh­rigen beim Bünder SV ent­deckte, wehrte sich die sor­gende Mama zunächst vehe­ment dagegen, dass ihr Sohn nach Dort­mund geht. Boe­kamp musste viel Über­zeu­gungs­ar­beit leisten. Einen Umzug ins Jugend­in­ternat der Borussia schloss die Erzie­hungs­be­rech­tigte von vorn­herein aus. Die Ent­wick­lung dieses Spie­lers“, sagt Eddy Boe­kamp rück­bli­ckend, war ein hartes Stück Arbeit.“ Für die Fahrt ins 160 Kilo­meter ent­fernte Dort­mund orga­ni­sierte der BVB einen täg­li­chen Abhol­dienst. David sollte nicht mit der Bahn fahren, weil die Mutter fürch­tete, er könnte auf­grund seiner Haut­farbe in den Regio­nal­zügen Opfer ras­sis­ti­scher Über­griffe werden. Fast drei Jahre lang pen­delte er wöchent­lich viermal zum Trai­ning nach Dort­mund und zurück.

Mit 16 aber schien seine hoff­nungs­volle Kar­riere auf einen Schlag vorbei zu sein. Bei einem Fahr­rad­un­fall in Bünde brach er sich einen Hals­wirbel. Die Ärzte in Ost­west­falen wollten ihm eine Metall­platte ein­setzen. Doch die Dia­gnose machte die Mutter miss­trau­isch. Sie ver­stän­digte geis­tes­ge­gen­wärtig die Ver­ant­wort­li­chen beim BVB, und der Verein schickte einen Hub­schrauber, der Odonkor zu Spe­zia­listen nach Bochum flog. Diese ent­schieden, die Ver­let­zung kon­ser­vativ zu behan­deln, was den Jugend­spieler im letzten Moment davor bewahrte, den Traum vom Fuß­ball­profi vor­zeitig abschreiben zu müssen.

Wie ein Fer­rari am Nürn­burg­ring

Doch er konnte viele Monate nicht trai­nieren. Eddy Boe­kamp: Der Unfall warf ihn in seiner tech­ni­schen Ent­wick­lung um ein Jahr zurück.“ Als er wieder fit war, fehlte es ihm im Ver­gleich zu anderen ange­henden Profis sichtbar an Ball­fer­tig­keit, doch er lief die 100 Meter in 10,7 Sekunden. Wie ein Fer­rari durch die Nord­schleife am Nür­burg­ring raste er als 18-Jäh­riger in die erste Mann­schaft des BVB. Zwei Ein­wechs­lungen und ein paar explo­sive Antritte reichten aus – und Odonkor war am Ende der Saison 2001/02 bereits das erste Mal Deut­scher Meister. Er bezog eine Woh­nung in Dort­mund, und alles um ihn herum glit­zerte auf einmal. Den Umgang mit Geld hatte ihm nie jemand bei­gebracht. Er ver­liebte sich im Hand­um­drehen in schnelle Autos und den Life­style der BVB-Lizenz­spieler. Plötz­lich umgaben ihn Kohorten von neuen Freunden“. Er wusste gar nicht mehr genau, auf wen er hören sollte. Wenn jemand fragte, ob ich ihm helfen kann, war das lange eine Selbst­ver­ständ­lich­keit für mich. Ich nahm an, dass der­je­nige mir auch helfen würde, wenn es mir schlecht ginge“, sagt er heute und fügt hinzu: Nun weiß ich, dass es im Leben leider anders läuft.“

Kaum voll­jährig und schon in den roten Zahlen

Sein über­schau­bares Ama­teur­ge­halt ver­dampfte in dieser Atmo­sphäre wie Wasser auf einer glü­henden Herd­platte. Doch Odonkor konnte nicht anders. Wie ein bockiges Klein­kind zog ihn das Ver­bo­tene magisch an, und immer wieder fasste er drauf. Irgendwie wollte ihm der Unter­schied zwi­schen Leih- und Lea­sing­fahr­zeug nicht in den Kopf. Als er die Autos zurück­brachte, stellte er ver­dutzt fest, dass die Ver­träge wei­ter­liefen. Kaum voll­jährig, war er schon in die roten Zahlen gerutscht. BVB-Coach Mat­thias Sammer hatte für sol­cherlei Extra­va­ganzen kein Ver­ständnis. Er schickte den über­kan­di­delten Shoo­ting­star für ein halbes Jahr zurück zu den Ama­teuren. Der Denk­zettel zeigte Wir­kung, zumin­dest sport­lich kon­zen­trierte sich Odonkor bald wieder aufs Wesent­liche. Unter Sam­mers Nach­folger Bert van Mar­wijk erhielt er ab 2004 die För­de­rung und Auf­merk­sam­keit, die er brauchte, um sich zu ent­wi­ckeln. Inzwi­schen wusste er nur allzu gut, wie die Gegner zit­terten, wenn er auf dem Rasen den Turbo anwarf. Auch ein Knor­pel­schaden stoppte ihn nur vor­über­ge­hend. In der Saison 2005/06 machte er 33 Bun­des­li­ga­spiele für Borussia Dort­mund. Über die rechte Außen­bahn schlug er in dieser Serie 229 Flanken, von denen 21 Pro­zent zu Groß­chancen führten.

Am Morgen des 15. Mai 2006 klin­gelte bei ihm um 8.44 Uhr das Telefon. Am Apparat war Dieter Eilts, der U 21-Coach des DFB, um mit­zu­teilen, dass er nicht mehr beab­sich­tige, Odonkor mit zur bevor­ste­henden U 21-EM zu nehmen. Da musste ich erst mal tief durch­atmen“, erin­nert er sich. Drei Minuten später ertönte jedoch erneut das Handy, diesmal war es Jürgen Klins­mann, um ihn über seine WM-Nomi­nie­rung zu infor­mieren. Mit­tags sollte in Berlin der Kader der Welt­öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert werden. Als Odonkor end­lich auf­ge­hört hatte, sich vor Freude ungläubig in den Ober­schenkel zu kneifen, riefen schon die ersten Jour­na­listen an und wollten wissen, welche Hasen der Bun­des­trainer denn bitte da aus dem Zylinder gezogen hatte. Der Rest ist Fuß­ball­ge­schichte.

Alte Tele­fon­an­schlüsse sind gekappt

Auch in diesen Tagen, als Odonkor der warme Schoß der Natio­nal­mann­schaft umschloss, mel­deten sich die Geister aus dem wahren Leben. Noch wäh­rend der WM ver­schwand eins seiner Autos und tauchte in der Ukraine wieder auf. Er hatte es einem seiner vielen flüch­tigen Bekannten geliehen. Odonkor: Man sieht den Men­schen nicht auf den ersten Blick an, wie sie sind und was sie vor­haben.“ Inzwi­schen hat er seine Lehren aus dem pri­vaten Chaos gezogen. Aus Selbst­schutz hat er alle alten Tele­fon­an­schlüsse gekappt. Die Han­dy­nummer eines Zweit­li­ga­spie­lers ist für Jour­na­listen in der Regel leicht zu recher­chieren. Wer heute aber ein Inter­view mit ihm machen will, muss den Weg über seinen Berater in Sevilla gehen. Der Kicker ruft dann irgend­wann mit unter­drückter Ruf­nummer zurück. Er sagt: Heute weiß ich, dass echte Freunde nur die sind, die schon da waren, als mich noch nie­mand kannte.“

Die nächste Hiobs­bot­schaft: Betis ist Pleite

Wenn Weg­be­gleiter seine her­vor­ste­chendste Eigen­schaft benennen sollen, kommen alle zu dem­selben Ergebnis: Gut­mü­tig­keit. Als er nach einem Liga­spiel für Betis auf der Auto­bahn in einen Stau geriet, erkannten ihn einige Fans in vor­bei­fah­renden Fahr­zeugen. Einer rief, er wolle sein Trikot haben. Odonkor stieg aus, lief zu dem Auto hin, um mit­zu­teilen, dass er kein Trikot dabei­habe, zog sein Polo­shirt aus und reichte es dem Anhänger. Da riefen auch Leute aus anderen Autos. Nach und nach ent­le­digte er sich also seines Unter­hemds, der Schuhe und sogar seiner Jeans, so dass er schließ­lich nur noch mit Unter­hose bekleidet zurück in sein Auto schlüpfte.
Als er im Sommer 2010 auf der Inten­siv­sta­tion lag, ereilte ihn die nächste Hiobs­bot­schaft. Betis Sevilla musste Insol­venz anmelden. Die letzte Kon­stante des gehan­di­capten Profis – das kom­for­table Gehalt, das in Spa­nien auch lang­zeit­ver­letzten Spie­lern gezahlt wird – geriet nun auch noch in Gefahr. Er hatte gerade erst ange­fangen, seine Ange­le­gen­heiten mit Ver­nunft zu regeln und sich im Stile eines Häus­le­bauers eine Woh­nung in Ost­west­falen gekauft. Nun blieben die Zah­lungen aus. Aus­ge­rechnet jetzt, da er zum ersten Mal ein kleines Fest­geld­ver­mögen ange­häuft hatte, drohte die Pleite seines Ver­eins es auf­zu­zehren. Er rief sich in Erin­ne­rung, wie nach­lässig er über so viele Jahre mit seinen Finanzen umge­gangen war. Als ihm das klar wurde, hat er ange­fangen zu bun­kern“, sagt sein Berater Guzman. Die Katharsis eines Mannes, der seit 2008 auch Vater einer Tochter ist.
 
In Deutsch­land wollte sich kein Klub mit ihm befassen

Doch es war auch das Ende seiner Zeit in Anda­lu­sien. Als er wieder rei­se­fähig war, tin­gelte er in Deutsch­land von einem Spe­zia­listen zum nächsten. Ein acht­mo­na­tiges Reha­pro­gramm ohne kon­krete Per­spek­tive. Jeder Mil­li­meter, um den er sein Knie­ge­lenk wieder mehr beugen konnte, fühlte sich plötz­lich wie der Gewinn einer Meis­ter­schaft an. Es gab einige Ange­bote aus dem Aus­land. Doch eins war nach den Jahren in Spa­nien sicher: Der Rekon­va­les­zent brauchte jetzt mehr denn je die fami­liäre Nähe und die ver­traute Sprache. Doch in Deutsch­land wollte sich kein ernst­zu­neh­mender Klub mit der Per­so­nalie befassen. Einige nahmen erst gar keinen Kon­takt zu ihm auf, weil sie sich vor hor­renden Gehalts-for­de­rungen fürch­teten. Andere waren wegen der Kran­ken­ge­schichte miss­trau­isch.

Ein WM-Held in der fünften Liga

Als er wieder ins Trai­ning ein­steigen konnte, fragte er im benach­barten Bie­le­feld an, ob er sich bei den Profis fit halten dürfe. Er war sich nicht zu schade, die Arminia als Option für seinen Neu­an­fang in Betracht zu ziehen. Doch der Dritt­li­gist schickte ihn zur Ama­teur­mann­schaft. Das war selbst für den leid­ge­plagten Heim­kehrer eine Spur zu despek­tier­lich. Schließ­lich heu­erte er fürs Spar­ring beim TuS Dorn­berg aus dem Westen Bie­le­felds an, einem Fünft­li­gisten, der dankbar war für die Publi­city, die der ehe­ma­lige Natio­nal­spieler der Gemeinde mit 19 000 Ein­woh­nern brachte. Vom WM-Helden zum Sta­tisten bei einem Ober­li­gisten in fünf Jahren. Selten war die Lauf­bahn eines Natio­nal­spie­lers extre­meren Wel­len­be­we­gungen unter­worfen. Es drängt sich der Ver­dacht auf, der Mensch Odonkor sei den Anfor­de­rungen des Geschäfts weder psy­chisch noch phy­sisch gewachsen. Dabei war das Schicksal in seinem Fall – wie soll es auch anders sein – nur etwas schneller als bei anderen.

Als Profi muss man eis­kalt sein“

Jeder Profi muss sich irgend­wann mit dem Gedanken beschäf­tigen, was er aus seinem Leben machen will, wenn das Flut­licht für immer aus­geht. Andere Kicker würden, wären sie so vom Pech ver­folgt, womög­lich an Depres­sionen erkranken oder ein­fach auf­hören. Doch David Odonkor hat die Fähig­keit, das Nega­tive zügig aus­blenden zu können: Wenn ich zu viel nach­denken würde, wäre es mit dem Fuß­ball längst vorbei. Als Profi muss man eis­kalt sein im Kopf.“ Die Krisen haben ihm das Selbst­be­wusst­sein gegeben, dass er im Wett­lauf mit dem Schicksal bestehen kann. Der Flü­gel­flitzer weiß, dass er dieses Rennen nicht allein durch Geschwin­dig­keit gewinnen kann. Für die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit hat er viel Lehr­geld bezahlt: Im Leben kommt es öfter vor, dass man warten muss. In Spa­nien musste ich auf das Gehalt warten, zuletzt in Deutsch­land darauf, dass ich gesund werde. Ich kann nur sagen: In beiden Fällen hat sich die Geduld aus­ge­zahlt.“

Es gibt kein Plan B

Nun erlebt seine Lauf­bahn bei Ale­mannia Aachen ihren Neu­start. Bis Sai­son­ende hat er einen leis­tungs­be­zo­genen Ver­trag unter­schrieben, weil er hofft, genug Spiel­zeit zu bekommen, um sich für höhere Auf­gaben zu qua­li­fi­zieren. Doch die Nie­de­rungen der zweiten Liga sind für den Ex-Natio­nal­spieler kein Selbst­gänger. Im Abstiegs­kampf ist einer mit seinen Qua­li­täten nur bedingt gefragt, unter dem neuen Coach Fried­helm Funkel saß er öfter auf der Bank. Er hadert und zau­dert, wie er es immer getan hat, aber er bleibt nicht stehen. Odonkor tut das, was er am besten kann: Er läuft und läuft und läuft. Ich habe keinen Plan B“, sagt er, obwohl er weiß, dass seine größte Stärke, die Geschwin­dig­keit, bald mit jedem Lebens­jahr nach­lassen wird. Wo auch immer ihn seine Kar­riere noch hin­führen mag – ob als Waffe oder nicht – die Men­schen werden sich stets an seinen Sprint im Juni 2006 erin­nern, als er den Deut­schen ein Lächeln aufs Gesicht zau­berte. Und sie werden sich erin­nern, dass David Odonkor ein Gewinner war.