Einmal, erzählt Frank Schmidt, habe er seine Töchter beim Spielen im Urlaub der Gewohn­heit fol­gend mit dem Wort Männer!“ zur Ord­nung gerufen. Nicht zum ersten Mal musste ihn seine Frau daran erin­nern, dass da zwei gig­gelnde Tee­nies vor ihm stehen und kein Team aus Fuß­ball­profis. Die Anek­dote passt zum Image, das die Medien von Schmidt zim­mern: das des Adre­na­lin­coachs, der sich in jede Her­aus­for­de­rung wirft wie ein Action­held in die geschlos­sene Hoteltür. Wer ihn in Aljoscha Pauses Kino­doku Trainer“ gesehen hat, erlebte eine rum­pelnde Moti­va­ti­ons­ma­schine, die Spieler mit klarer Ansprache zur Ver­ant­wor­tung ruft und ihnen ihre Chancen ver­ge­gen­wär­tigt. Doch wer glaubt, dass Schmidt wegen des kleinen Pro­blems beim Rol­len­wechsel vom Coach zum Vater gene­rell ver­gäße, vor Betreten eines Raums die Klinke auf Funk­ti­ons­tüch­tig­keit zu prüfen, unter­schätzt den 45-Jäh­rigen gewaltig.

Er geht in sein drei­zehntes Jahr als Chef­trainer beim 1. FC Hei­den­heim. Sein Wer­de­gang liest sich wie ein Mär­chen, das sich Fuß­ball­ro­man­tiker zum Ein­schlafen erzählen. Als er 2007 auf der Ostalb über­nahm, krebste der Klub in der fünften Liga herum. Zunächst sah Klub­chef Holger San­wald in dem erd­ver­bun­denen Ex-Spieler nur eine Über­gangs­lö­sung. Doch Schmidt debü­tierte mit dem höchsten Sieg der Ver­eins­ge­schichte und brachte das Team so schnell zurück in die Erfolgs­spur, dass er nur wenige Monate später im Über­schwang scherzte, er wolle der Volker Finke von Hei­den­heim werden.

Sein Gag könnte in abseh­barer Zeit Rea­lität werden. Schmidt ist längst dienst­äl­tester Trainer im deut­schen Pro­fi­fuß­ball. Sein Ver­trag läuft bis 2023, sollte er ihn erfüllen, zöge er mit Finkes 16-jäh­riger Amts­zeit beim SC Frei­burg gleich. Nach drei Auf­stiegen hat er den 1. FC Hei­den­heim in der zweiten Liga eta­bliert. In der Saison 2018/19 ver­passte der Klub den Auf­stieg ins Ober­haus nur um drei Punkte. Sein Team bug­sierte Bayer Lever­kusen aus dem Pokal und schei­terte nach einer lei­den­schaft­li­chen Partie im Vier­tel­fi­nale erst kurz vor Schluss beim FC Bayern. End­stand: 5:4.

Die eigent­liche Sen­sa­tion an dieser Voll­gas­story ist, dass sie auf Werten beruht, die im kom­mer­zia­li­sierten Fuß­ball als über­holt galten. Der 1. FCH bezieht einen gewich­tigen Teil seines Spon­so­ren­gelds von Mit­tel­ständ­lern aus der Region. Pre­mi­um­partner sind ein orts­an­säs­siger Pro­du­zent von Bau­ma­schinen und ein Her­steller von Medizin- und Hygie­ne­ar­ti­keln, bei dem Schmidt vor Jahren selbst in der Devi­sen­ab­tei­lung wer­kelte. Bei Trans­fers legt der Klub sein Augen­merk auf Spieler, die nach einer guten NLZ-Aus­bil­dung schon ein, zwei Jahre Erfah­rung im Pro­fi­be­reich gesam­melt haben, dort auch mit Rück­schlägen kon­fron­tiert wurden und nun die nächste Ent­wick­lungs­stufe errei­chen wollen. Es geht Schmidt um Typen, die ver­stehen, dass der Hei­den­heimer Weg keine Welle ist, auf die man auf­springen kann, son­dern eine Bran­dung, die sich erst richtig auf­türmt, wenn ein Team als Ein­heit ordent­lich Wind macht.

Men­ta­lität ist der innere Zusam­men­halt der Mann­schaft. Unsere Resi­lienz“

Nach dem Sieg gegen Lever­kusen im DFB-Pokal saß der Trainer bei der Pres­se­kon­fe­renz. Sein Kol­lege Peter Bosz sin­nierte über die Frage, ob es seinem Team an Men­ta­lität geman­gelt habe und kon­terte, dass er gar nicht recht wisse, was das sei: Men­ta­lität? Schmidt scharrte mit den Füßen und hoffte, der Jour­na­list würde ihm die Frage wei­ter­rei­chen. Denn in dem Rezept, mit dem er sein Team kon­ti­nu­ier­lich nach oben führt, ist sie die Schlüs­se­lin­gre­dienz. Men­ta­lität“, erklärt er, ist der innere Zusam­men­halt der Mann­schaft, das ist Resi­lienz, die Wider­stands­fä­hig­keit.“ Ein Typ wie Kapitän Marc Schnat­terer, seit 2008 im Verein und einer von Schmidts Expo­nenten auf dem Rasen, trägt dieses Bewusst­sein im Blut. Er weiß: Lass ich mich hängen, strahlt es auf alle aus und bringt unser Pro­jekt in Gefahr.

Jeder poten­ti­elle Neu­zu­gang erhält des­halb von Schmidt bei der Vor­stel­lung eine Ein­wei­sung: Ein Spieler muss wissen, dass er von mir unver­blümtes Feed­back bekommt. Dass Kritik Wert­schät­zung ist“, sagte er, dass er Fehler machen darf, aber Fehler aus Mut und Über­zeu­gung ent­stehen müssen und nicht aus Nach­läs­sig­keit oder Faul­heit. Die Welt gehört den Mutigen.“ Boss San­wald erkennt intuitiv, wenn sein Trainer bei einem Spieler Feuer fängt. Wenn er lei­den­schaft­lich wird und nicht mehr auf­hört zu reden. Ebenso schnell bricht er aber ab, wenn er beim Gegen­über keine Begeis­te­rung erkennt. Da wird der nette Herr Schmidt kur­zer­hand zum wenig elas­ti­schen Schmidtchen Schleifer. Hier ist kein Platz für Leute, die jeden Tag Antrieb und einen Trainer brau­chen, der ihnen sagt: Heut ist beson­ders wichtig. Das sage ich in aller Klar­heit“, so Schmidt. Und ich sage auch: Wenn du nur ansatz­weise das Gefühl hast, dass unsere Art zu reden, die Stadt oder was auch immer nicht passt: mach’s nicht!“

Schmidts Wer­de­gang spie­gelt den Auf­stieg des Klubs wider. So wie der 1. FCH lange Zeit als dezen­traler Nischen­verein eigene Abzwei­gungen auf der Erfolgs­spur suchen musste, ver­diente sich auch der Coach als einer aus dem rie­sigen Mit­telbau im deut­schen Pro­fi­fuß­ball seine Meriten über Umwege. Die Mutter arbei­tete für das Tra­di­ti­ons­un­ter­nehmen Steiff im nahe­ge­le­genen Giengen. Sein Kin­der­zimmer quoll über von Plüsch­tieren, aber Leis­tungs­sportler gab es in seiner Familie keine. Er spielte Stra­ßen­fuß­ball, bis die Knie blu­teten, der Ten­nis­trainer hielt ihn für hoch begabt. Er ent­schied sich für Fuß­ball, wech­selte mit 16 ins Nach­wuchs­in­ternat des 1. FC Nürn­berg, wo ihn ein Kreuz­band­riss zurück­warf. Aus Ver­nunft­gründen ließ er sich zum Bank­kauf­mann aus­bilden. Doch als Azubi Leuten Bau­spar­ver­träge auf­zu­schwatzen, kam ihm komisch vor. Der mora­li­sche Kom­pass funk­tio­nierte. Mit 24 hei­ra­tete er seine Jugend­liebe, eine Kran­ken­schwester, mit der er bis heute zusammen ist. Auf dem Rasen war Lothar Mat­thäus sein Vor­bild. Auch so einer, der nie auf­steckt. Schmidt wird wieder zum Fan, wenn er von der Pokal­sen­sa­tion mit dem Ober­li­gisten TSV Ves­ten­bergs­greuth gegen den FC Bayern 1994 erzählt, an der er betei­ligt war. Der Schiri gab Frei­stoß, und Lothar rief: Frank, gib den Ball her.‘ Unglaub­lich, der kannte meinen Namen. Da war ich gleich einen halben Meter größer.“