Seite 2: „Mit China wird zu rechnen sein“

Zu wel­chem Ent­schluss ist der Fami­li­enrat gekommen?
Nach fünf Tagen habe ich bei meinem Berater ange­rufen und ihm mit­ge­teilt, dass ich es gerne machen würde. Meine Bitte war, dass er beim Verein aus Shen­zhen anruft, um zu fragen, ob sie Inter­esse an einer Ver­pflich­tung hätten. Die Stadt Shen­zhen liegt direkt neben Hong­kong und das war für mich der ideale Stand­punkt, um mich langsam an das Leben in Asien gewöhnen zu können.

Wie können wir uns das vor­stellen? Ihr Berater ruft bei dem Verein an, bei dem Sie spielen wollen, und dann kommt eins zum anderen?
So unge­fähr. Mein Berater hat das zusammen mit einem chi­ne­si­schen Berater ein­ge­fä­delt. Dadurch, dass ich in Deutsch­land meine fuß­bal­le­ri­sche Aus­bil­dung gemacht habe und Halb-Asiate bin, war ich für die chi­ne­si­schen Ver­eine ein sehr attrak­tiver Spieler. Es gab meh­rere Ver­eine, die an mir inter­es­siert waren, aber ich wollte unbe­dingt nach Shen­zhen. Glück­li­cher­weise hat das alles geklappt und ich unter­schrieb einen Ver­trag beim Erst­li­gisten Shen­zhen Ruby.

Gab es da auch finan­zi­elle Gründe?
Es war sehr lukrativ, keine Frage. Ich glaube prin­zi­piell, dass jeder Euro­päer, der nach China wech­selt, dies auch wegen des Geldes tut. Das muss man ganz ehr­lich so sagen. Meine erste Über­le­gung bei dem Ganzen aber war, dass ich immer schon mal in Hong­kong und Umge­bung wohnen wollte.

Sie haben ein Jahr für Shen­zhen gespielt. Hat man 2009 schon etwas von dem Boom mit­be­kommen, der in China rund um den Fuß­ball herrscht?
Als ich nach Shen­zhen kam, galt die Mann­schaft nicht gerade als Favorit in der Meis­ter­schaft. Trotzdem haben wir die ersten neun Spiele nicht ver­loren und standen über einen langen Zeit­raum auf dem ersten Tabel­len­platz. Ich konnte der Mann­schaft mit meinen Tugenden sehr helfen: Zwei­kämpfe gewinnen und den Ball schnell nach vorne spielen. Das ist in China sehr gut ange­kommen. Zu der Zeit ent­stand eher ein kleiner Hype rund um meine Person. Die anderen Ver­eine in der Liga schienen nei­disch zu sein.

Warum?
In China gibt es die Regel, dass nur eine begrenzte Anzahl von Aus­län­dern in einer Mann­schaft spielen darf. Ich bin offi­ziell kein Aus­länder, da ich einen hong­ko­ne­si­schen Pass besitze. Das wussten viele nicht und dadurch hatten wir – in den Augen der anderen Ver­eine – immer einen Aus­länder mehr auf dem Platz.

Was waren sonst Ihre ersten Ein­drücke?
Das Wetter war extrem. Shen­zhen liegt im Süden Chinas, wes­wegen es dort unfassbar warm sein kann. Ich kam zwar gerade erst aus Zypern, aber die Bedin­gungen in Shen­zhen waren eine kom­plett andere Haus­nummer. Auch weil die Luft­feuch­tig­keit dort so hoch ist. Wir haben immer um 15 Uhr gespielt, also genau zu der Zeit, wo es am wärmsten ist. Einige Freunde aus Deutsch­land haben die Spiele von mir per Internet ver­folgt und gemeint, dass das Spiel­ni­veau und die Geschwin­dig­keit nicht son­der­lich hoch seien. Ich habe Ihnen dann ent­gegnet, dass man das nicht ver­glei­chen kann und dass sie am besten vor­bei­kommen sollen, um sich ein Bild vor Ort zu machen.

Was bestimmt keiner gemacht hat, oder?
Doch, ein Freund, der das Ganze anfangs immer belä­chelte, kam mich für ein paar Wochen besu­chen. Er hat sogar mit mir und der Mann­schaft trai­niert, nur beim Abschluss­spiel schickte ihn mein Trainer auf die Tri­büne. Nach dem Spiel bin ich zu ihm gegangen, habe meine Schuhe aus­ge­zogen und die ganze Flüs­sig­keit, die sich wäh­rend des Trai­nings ange­sam­melt hatte, vor ihm aus­ge­gossen. Seitdem weiß er, warum das Spiel auf den ersten Blick lang­samer aus­sieht. Es ist ein­fach mehr von Taktik geprägt. Keine Mann­schaft möchte den Ball ver­lieren, weil es keinen Spaß macht, hin­ter­her­zu­laufen. Und dass das Niveau immer besser wird, sieht man auch daran, dass einige Bun­des­li­gisten in den ver­gan­genen Jahren im Rahmen von Asien-Touren gegen chi­ne­si­sche Mann­schaften ange­treten sind und die Spiele ver­loren haben.

Der chi­ne­si­sche Fuß­ball-Ver­band hat sich hohe Ziele gesteckt und will im Jahr 2028 Welt­meister werden. Wie bewerten Sie die Ent­wick­lung des chi­ne­si­schen Fuß­balls?
China tut alles dafür, um den Fuß­ball nach vorne zu bringen. Das sieht man daran, welch hor­rende Summen aus­ge­geben werden, um aus­län­di­sche Spieler in die chi­ne­si­sche Liga zu holen. Dadurch möchte der Ver­band auch natio­nale Auf­merk­sam­keit erlangen und die Sportart Fuß­ball im eigenen Lande pushen. Die Ver­eine bauen gerade ihre Struk­turen um, erschaffen Fuß­bal­laka­de­mien, bilden junge Spieler aus und kur­beln somit die Ent­wick­lung an. Mein ehe­ma­liger Verein Hunan Billow hat vor einem Jahr ein Trai­nings­ge­lände gebaut, um Jugend­spieler aus­zu­bilden. Das Ziel ist es, Talente der Region zu sichten um ihnen die Mög­lich­keit zu geben, sich schnell fort­zu­ent­wi­ckeln. Früher rekru­tierten die Ver­eine die Spieler noch über Schulen. Das ist heute anders. Gene­rell lässt sich fest­halten, dass es bei 1,3 Mil­li­arden Men­schen nicht mehr lange dauern wird, bis mit China zu rechnen ist. Ob das dann 2028 schon so weit ist oder länger dauert, das wird sich zeigen. Vom Niveau würden viele chi­ne­si­sche Erst­li­gisten in der zweiten Liga oben mit­spielen, Einige könnten sogar in der ersten Bun­des­liga die Klasse halten.