Oliver Kahn (Fuß­ball-Nost­al­giker wissen: der ehe­ma­lige Welt­tor­hüter vom FC Bayern Mün­chen) hat vor seinem trä­nen­rei­chen Abschied aus dem sonst nicht so wei­ner­li­chen Bun­des­li­ga­ge­schäft circa 534 Inter­views gegeben. Min­des­tens. Dabei wurde Kahn eigent­lich alles gefragt, was sich das jour­na­lis­ti­sche Gehirn so aus­malen konnte. Züchtet er Wein­berg­schne­cken? Hat er schon mal einen Hund getreten? Was ist schöner: rot oder blau? Kahn hat auf alles mit einer schier bud­dhis­tisch anmu­tenden Ent­span­nung geant­wortet. Der DRUCK war weg. Nur bei einer Frage konnte man zwi­schen den Zeilen lesend erken­nend, dass sie die Kahn­sche Hals­schlag­ader zum Pochen brachte: Herr Kahn, wün­schen Sie sich im letzten Bun­des­li­ga­spiel end­lich Ihr erstes Bun­des­li­gator? Nein, hat Kahn gesagt. Schließ­lich ist er Tor­hüter, sein Leben lang wurde er dazu aus­ge­bildet, Tore zu ver­hin­dern, statt welche zu schießen.

Man kann sich leb­haft vor­stellen, wie Kahn sein ver­knif­fenes Lachen gelacht hat, den Kopf leicht zurück­wip­pend, als er von der knuf­figen Idee des tür­ki­schen Natio­nal­fu­ches Fatih Terim erfahren hat. Der, von arger Per­so­nalnot gepei­nigt, hat tat­säch­lich den Ein­satz von Tolga Zengin – seinem dritten Tor­hüter – als Mög­lich­keit genannt im Halb­fi­nale gegen die deut­sche Mann­schaft. Als Feld­spieler, als Stürmer. Tolga“, hat Terim gesagt, ist zwar nicht unbe­dingt ein toller Fuß­baller. Aber wenn Not am Mann ist, werde ich ihn bringen.“ Nun mag man sich denken, Herr Terim, der Impe­rator“ habe sich auf­grund seines noto­risch bis zum Bauch­nabel offenen Hemdes eine schwere Grippe inklu­sive Fie­ber­träumen ein­ge­fangen.

Dem ist nicht so. Terim hat zum aktu­ellen Zeit­punkt nur zwölf gesunde, bzw. spiel­be­rech­tigte Fuß­baller zur Ver­fü­gung. Plus Ersatz­keeper Tolga (Volkan bleibt auch gegen Deutsch­land gesperrt, die Fuß­ball­welt freut sich über einen wei­teren hei­teren Auf­tritt von Tor­wart-Clown Rüstü). Sein Ein­satz ist also gar nicht so undenkbar. Es wäre aller his­to­ri­scher Recherche nach der erste Ein­satz eines Tor­hü­ters als Feld­spieler bei einer Euro­pa­meis­ter­schaft. Das dürfte Urs Sie­gen­thaler, den all­wis­senden Spie­ler­be­ob­achter des Löw-Trosses, in arge Ver­le­gen­heit bringen. Über den Schluss­mann von Trab­zon­spor hat der Schweizer nach Infor­ma­tionen von 11FREUNDE noch kein Video-Dos­sier ange­fer­tigt. Tolga wäre also DIE Geheim­waffe der Türken.

Mehr Liga­tore als Benny Lauth

Ein Ein­satz bei einem so großen Tur­nier. Auf dem Feld. Davon haben Tolgas Vor­gänger im Welt­fuß­ball mit Sicher­heit oft geträumt. René Higuita zum Bei­spiel, der Kolum­bianer stand ja eigent­lich häu­figer am Mit­tel­kreis denn in seinem Fünf-Meter-Raum. Sein wag­hal­siges Dribb­ling gegen Roger Milla bei der WM 1990 hat die tech­ni­schen Fer­tig­keiten Higuitas aller­dings auf bru­tale Art und Weise deut­lich gemacht: Milla klaute El Loco“ das Leder und schob lässig ein. Jose Luis Chil­avert ist auch so einer, den Terim nicht einmal fragen müsste: Der Para­gu­ayer schoss mehr Liga­tore als Benny Lauth und gilt eben­falls als exzel­lenter Feld­spieler.

Große Namen, an die Tolga Zengin (der noch kein Tor in seiner Kar­riere geschossen hat) denken sollte, wenn ihm sein Natio­nal­trainer am Mitt­woch-Abend tief in die Augen schaut und seine Ein­wechs­lung bei den Uefa-Getreuen anmeldet. Die wären im Übrigen damit ein­ver­standen, obwohl es keinen Fuß­ball-Sach­kun­digen auch nur im Geringsten über­rascht hätte, wenn der Ein­satz kur­zer­hand doch noch ver­boten worden wäre: Die Uefa ist damit ein­ver­standen, aber der vierte Offi­zi­elle hat was dagegen.“

Die EM-Chro­nisten werden sich die Finger lecken, das tür­ki­sche Natio­nal­team bietet bis­lang ohnehin schon eine Schub­karre voll Anek­doten: Im Vor­run­den­spiel gegen die Tsche­chen sah Tor­hüter Volkan die rote Karte, Terim hatte bereits sein Aus­wech­sel­kon­tin­gent aus­ge­schöpft. Tuncay, der schlak­sige Offen­siv­mann stülpte sich Vol­kans viel zu großes Trikot über und hütete die letzten Minuten das tür­ki­sche Tor. Jetzt also anders­herum. Impro­vi­sa­tion ist seit jeher ein große Kunst des tür­ki­schen Volkes – und Fuß­ball ist: Impro­vi­sa­tion!

Wir sind gespannt.

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Alex Raack betreibt den Huguita-Fan-Blog 3ecken​ei​nelfer​.de“