Gesche­henes zu erzählen, hat einen beson­deren Makel: Es muss vorher etwas pas­siert sein. Klar, man kann sich den ganzen Quatsch auch ein­fach aus­denken oder dazu spinnen. Aber das ist dann ent­weder Fik­tion oder Bou­le­vard. 

Doch zum Glück bordet die Fuss­ball­kultur über an Folk­lore, lie­fert täg­lich Geschichten frei Haus, die man sich oft­mals gar nicht oder zumin­dest nicht besser hätte aus­denken können. 

Wahr­heit oder Fik­tion? Bei 1860 ist das selten klar

Seit Jahren bestän­dige Speer­spitze des Wahn­inns frei Haus: 1860 Mün­chen. Und unbe­dingt ja nicht erst unter der Füh­rung von Hasan Ismaik, son­dern gefühlt immer schon. Der Investor aus Kuwait hat nur die Schlag­zahl erhöht.

Plötz­lich war von einem Sta­di­on­neubau die Rede; Zoo mit Löwen­ge­hege inklu­sive. Ver­fügte die rechte Hand Ismaiks wäh­rend einer Geburts­tags­feier auf der Geschäfts­stelle der Löwen, der Ver­zehr von Kuchen sei umge­hend ein­zu­stellen, schließ­lich ver­geude man so wert­volle Arbeits­zeit.

Dass der Befehls­geber auch noch Anthony Power heißt, rundet das Bild dann nur noch zusätz­lich ab. Wahr­heit oder Fik­tion? Bei 1860 war das zuletzt nicht immer ein­deutig zu erkennen. (Hier könnt ihr das große Quiz machen: Ist das wirk­lich pas­siert? Das große 1860-Chaos-Quiz »>)

Im Ein­zel­fall noch erträg­lich, in der Summe unhaltbar

Das Chaos der anderen ist immer beste Unter­hal­tung. Bis zu einem gewissen Punkt. Den haben die Münchner Löwen aller­dings spä­tes­tens am Wochen­ende end­gültig über­schritten. 

Das Aus­sperren einer Repor­terin der Bild? (Weil sie, so die gelun­gene Pointe des Blattes, die Wahr­heit“ schrieb.) Die ver­bale Attacke Ismaiks gegen Schieds­rich­terin Bibiana Stein­haus, der sich nach der Heim­nie­der­lage gegen den FC St. Pauli von der Unpar­tei­ischen wünschte, sie möge sich doch für ihre Leis­tung ent­schul­digen? Folk­lore, die in ihrer Aus­for­mung streitbar bis lächer­lich daher­kommt, aber im Ein­zel­fall noch erträg­lich erscheint.

Am Samstag ging der Klub aller­dings noch einen Schritt weiter. Nachdem Ver­ant­wort­liche des FC St. Pauli ein Tor ihrer Mann­schaft beju­belten, sollten diese ihre Plätze in unmit­tel­barer Nähe zum Sechzig-Patron Ismaik ver­lassen. Ein unmög­li­cher Vor­gang, der dann auch den Geschäfts­führer der Ham­burger, Andreas Rettig, auf den Plan rief: Das Ver­halten der Löwen-Ver­ant­wort­li­chen der letzten Wochen sollte auch dem letzten Fuß­ballfan in Deutsch­land die Augen geöffnet haben und sollte all denen, die nach Inves­toren schreien, Mah­nung und War­nung zugleich sein.“

Ein veri­ta­bles Hor­ror­stück

Und weiter: Wenn auf dem Altar des vielen Geldes Mei­nungs­frei­heit und respekt­voller Umgang mit Mit­ar­bei­tern, Medien und anderen Klubs auf der Strecke bleiben, dann gute Nacht, Fuß­ball­deutsch­land. Hier würde ich mir auch ein kon­se­quen­teres Ein­greifen der Ver­bände wün­schen. Jedes Spruch­band wird sank­tio­niert und hier ist man auf beiden Augen blind.“

Warum man aus­ge­rechnet jetzt zum Auf­schrei anheben, könnte man ein­wenden. Doch irgend­wann läuft das Fass eben über. Und den Gegner wegen seines Jubels aus seinem Sicht­feld ent­fernen zu wollen, ist nicht mehr nur ein letzter Tropfen, son­dern fast schon ein eigenes Fass.

Der deut­sche Fuß­ball sollte sich spä­tes­tens jetzt klar und geschlossen gegen das Gebaren bei 1860 auf­lehnen. Sonst wird aus der Erzäh­lung über das Gesche­hene ganz schnell ein veri­ta­bles Hor­ror­stück.