Wenn man kurz davor steht, ein Job-Angebot anzu­nehmen, gibt es Aus­sagen, die man von seinen poten­zi­ellen neuen Arbeits­kol­legen ganz sicher nicht hören möchte. Zum Bei­spiel, dass man angeb­lich gänz­lich unbe­kannt sei. Oder dass man grund­le­gende Knigge-Regeln nicht beherr­sche. Ralf Rang­nick jedoch musste sich kürz­lich genau solche Aus­sagen anhören. Wer ist Rang­nick? Ich weiß nicht wer Rang­nick ist“, sagte etwa Zlatan Ibra­hi­movic. Und Knigge-Nach­hilfe bekam er von Paolo Mal­dini: Ich habe einen Rat für Rang­nick: Bevor er Ita­lie­nisch lernt, sollte er Respekt lernen.“

Doch dieser wenig spür­baren Begeis­te­rung zweier Milan-Legenden zum Trotz, pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Laut ita­lie­ni­schen Medien wie der Gaz­zetta dello Sport wird Ralf Rang­nick der neue starke Mann beim AC Mai­land. Er soll sowohl die Posi­tion des Trai­ners als auch die des Sport­di­rek­tors bekleiden.

Milan im Umbau

Doch warum möchte einer der erfolg­reichsten Ver­eine der Fuß­ball-Geschichte aus­ge­rechnet Ralf Rang­nick ver­pflichten? Seit dem Ende des umstrit­tenen aber erfolg­rei­chen Allein­herr­schers Silvio Ber­lus­coni hat der AC Mai­land zwei Besit­zer­wechsel hinter sich. Mitt­ler­weile leitet die US-ame­ri­ka­ni­sche Invest­ment­ge­sell­schaft Elliot Manage­ment Cor­po­ra­tion die Geschicke des 18-maligen ita­lie­ni­schen Meis­ters.

Zwar hat sich seit Ber­lus­conis Regent­schaft einiges ver­än­dert, so richtig erfolg­reich waren die Umbau­maß­nahmen in der Mode­stadt aber noch nicht. Neben dem von der Elliot-Gesell­schaft ein­ge­setzten ita­lie­ni­schen Klub-Prä­si­denten Paolo Sca­roni und dem grie­chi­schen Geschäfts­führer Ivan Gazidis soll nun ein Deut­scher die Geschicke bei den Lom­barden leiten. Ralf Rang­nick wird laut Gaz­zetta dello Sport den gesamten sport­li­chen Bereich über­nehmen und dar­über hinaus auch die Ver­ant­wor­tung für die medi­zi­ni­sche Abtei­lung tragen. Um den Umbau nach seinen Bedürf­nissen zu ver­wirk­li­chen, soll er zudem acht wei­tere Mit­ar­beiter mit­bringen dürfen.

Der Fuß­ball-Pro­fessor

Falls Rang­nick so weit­rei­chende Kom­pe­tenzen bekommt, würde er Gestal­tungs­mög­lich­keiten haben, die so in Ita­lien nicht üblich sind, wie Andrea Ber­gomi, ein Welt­meister von 1982, kri­tisch anmerkt: Rang­nick ist es aus Deutsch­land gewohnt, eine Macht­fülle zu haben, die es im ita­lie­ni­schen Fuß­ball nicht gibt.“ Schaut man sich jedoch Ralf Rang­nicks bis­he­rige Vita an, erscheint das Vor­gehen der Milan-Ver­ant­wort­li­chen nur kon­se­quent.

Rang­nick, der auf­grund eines Sport­studio-Auf­tritts bei dem er mög­liche Stra­te­gien sehr detail­liert an einer Taktik-Tafel erklärte, in Deutsch­land manchmal etwas despek­tier­lich als Fuß­ball-Pro­fessor“ bezeichnet wird, hat bei fast all seinen Sta­tionen enorme Befug­nisse bekommen, um einen Klub nach seinen Vor­stel­lungen um– und auf­zu­bauen. Dabei über­lässt der 62-Jäh­rige nichts dem Zufall. Er gestaltet Trai­nings­plätze neu und betreibt ein inten­sives Scou­ting junger Talente, die er unter anderen nach cha­rak­ter­li­chen Eigen­schaften und der Eig­nung zum Spiel­stil aus­sucht. Doch zuweilen wirken seine Methoden etwas über­eifrig.

In Leipzig hat er in seiner ein­zigen Bun­des­liga-Saison als Trainer nicht nur feste Essens­zeiten und eine neue Tisch­ord­nung eta­bliert, son­dern auch ein Handy-Verbot aus­ge­spro­chen. Um Grüpp­chen­bil­dung zu ver­meiden, durften sich die Spieler nur in Eng­lisch oder Deutsch unter­halten. Ver­stieß ein Spieler gegen die auf­ge­stellten Regeln wurde die Höhe der Strafe nicht wie üblich per Stra­fen­ka­talog, son­dern durch ein Drehen am Glücksrad“ fest­ge­legt. Zudem ana­ly­sierten Spe­zia­listen das Schlaf­ver­halten der Profis und stellten indi­vi­du­elle psy­cho­lo­gi­sche Match-Pläne auf.

Vor­bild Ajax

Ob Rang­nick seine vielen Ideen auch erfolg­reich beim AC Mai­land imple­men­tieren kann, wird auch von der Kader­zu­sam­men­stel­lung abhängen. Unsere Mis­sion ist es, eine junge Mann­schaft auf­zu­bauen, die einen schnellen Fuß­ball nach bri­ti­schem Modell oder nach Ajax-Vor­bild spielt“, umreißt Prä­si­dent Sca­roni gegen­über der Gazetta dello Sport die neue Phi­lo­so­phie. Rang­nick, der in Hof­fen­heim und Leipzig bewiesen hat, dass er junge und ent­wick­lungs­fä­hige Spieler formen kann, wäre dafür der geeig­nete Mann. Zumal Zlatan Ibra­hi­movic seinen Ver­trag in Mai­land wohl nicht ver­län­gert.