Nichts ist mehr so, wie es war. Wenn Aus­tra­lien gegen Deutsch­land spielt, kommen bei mir natür­lich Erin­ne­rungen an die WM 1974 hoch. Der Unter­schied: Wäh­rend heute auf beiden Seiten Top­spieler aus euro­päi­schen Klubs stehen, reisten wir 1974 als reine Ama­teur­truppe zur WM. So komisch es auch klingen mag: Wir hatten keine Ahnung, was uns bei diesem Tur­nier erwartet. Wir waren Aben­teurer, die sich nicht mal auf die Unter­stüt­zung aus Down Under ver­lassen konnten.

Der Milch­mann aus Bremen

Einer­seits hatte der Ver­band kaum Geld für uns übrig, ande­rer­seits inter­es­sierte Fuß­ball in Aus­tra­lien keinen Men­schen. Die Ein­hei­mi­schen kannten nur Rugby. Also fuhren wir zur Vor­be­rei­tung nach Israel. Der Chef­trainer Rale Rasic, ich als sein Assis­tent und 23 Ama­teure. Einige mussten extra für das Tur­nier Urlaub bei ihrem Arbeit­geber ein­rei­chen. Die­je­nigen, die keinen bekamen, mussten wir zu Hause lassen. Was waren wir für ein bunter Haufen: Schlosser, Maler, Ver­käufer und natür­lich unser Milch­mann, Man­fred Schäfer. Er ist, genau wie ich, in Deutsch­land geboren und wurde wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft ein kleiner Medi­en­star in unserer alten Heimat.

Ein Aus­wan­derer aus Bremen im Team vom fünften Kon­ti­nent. Dazu sein kurioser Job. Das war Futter für die Jour­na­listen. Für uns hatte seine Arbeit als Milch­mann vor allem einen Vor­teil: Man­fred war ver­dammt fit. Er musste jeden Tag Milch aus­tragen – und zwar zu Fuß. Und wer schon einmal in Aus­tra­lien war, der weiß, wie lang die Wege hier sind. Aus diesem Grund ist Man­fred manchmal bis zu 40 Kilo­meter am Tag gegangen. Danach hat er trai­niert. Er lief allen davon und strahlte eine große Ruhe aus.

Die Hals­schlag­ader­ver­let­zung

Die haben wir gebraucht, auch weil kurz vor der Abreise nach Europa unser bester Mann aus­fiel. Ray Baartz, der immerhin schon bei Man­chester United gespielt hatte, war in einem Freund­schafts­spiel gegen Uru­guay ver­letzt worden. Die Urus haben damals alles umge­treten. Auf Ray hatten sie es beson­ders abge­sehen. Noch in der ersten Hälfte bekam er einen Schlag an den Hals und ging k. o. Am nächsten Morgen stellten die Ärzte fest, dass seine Hals­schlag­ader bei der Attacke beschä­digt worden war. Ray durfte von dem Tag an nie wieder Fuß­ball spielen. Sein Aus­fall war für uns so, als wären bei der deut­schen Mann­schaft Becken­bauer, Müller und Breitner gleich­zeitig ver­letzt gewesen.