Sta­tis­tiker haben her­aus­ge­funden: Jetzt habe ich schon seit zwei Sekunden nicht mehr aus­ge­atmet. Bin ich etwa in der Krise? Werde ich viel­leicht sogar ent­lassen? Wenn ja: Von wem? Doch Puh! Da gelingt mir das Aus­atmen wieder – zum psy­cho­lo­gisch güns­tigen Zeit­punkt, sozu­sagen. Aber was ist das? Nun habe ich seit zwei Sekunden nicht mehr ein­ge­atmet – eine Ewig­keit im Atem­ge­schäft! Bin ich über meinen Zenit hinaus? Kann ich in der Groß­stadt über­haupt noch mit­atmen? Oder sollte ich mich zum Atmen in einen Kurort zurück­ziehen, nach Bad Gan­ders­heim, Bad Kreuz­nach, Bad Sal­zu­flen, in die Ope­ret­ten­liga des Atmens? 

 

Meine Atem­pro­bleme mal bei­seite, denn schon unter­richten mich die Sta­tis­tiker, dass ich seit einem Absatz nicht zum eigent­li­chen Thema gekommen bin: Ich wollte mich über die Prä­po­si­tion seit“ auf­regen.

An sich ein harm­loses Wört­chen, das demütig Vor­gänge ihrer zeit­li­chen Abfolge ent­spre­chend ordnet. Doch in der Fuß­ball-Bericht­erstat­tung wird es dazu miss­braucht, unbot­mä­ßige Par­al­lelen zu ziehen und so ein Faktum bis zur Unkennt­lich­keit auf­zu­blasen: Der und der hat die mie­seste Quote seit diesem und jenem, Y ist so schlecht wie seit X Jahren nicht mehr, seit dem Krieg hat es so etwas nicht mehr gegeben! Seit“ ist der Käl­ber­strick, an dem gei­fernde Unter­gangs­pre­diger ihre dra­ma­ti­sie­renden Ver­gleiche her­bei­zerren. 

Leitz-Ordner voller Seit“-Statistiken 

Weil in den Neun­ziger Jahren fuch­sige Infor­ma­tik­stu­denten die ran“-Datenbank auf­ge­baut haben, weiß man heute über jedes Ereignis, seit wann es nicht mehr ein­ge­treten ist. Reporter schleppen Leitz-Ordner voller Seit“-Statistiken in ihre Kabinen und feuern sie in Salven ab: Das war der kür­zeste Ein­wurf seit zwei­ein­halb Tagen! Schon seit einer Minute kein Tor mehr! Ding seit Bums! Bla seit Bla! 

Dem BVB droht der schlech­teste Sai­son­start seit 22 Jahren“, hieß es am Wochen­ende vor der Partie der Dort­munder gegen Glad­bach. Musste wirk­lich aus dem kel­ler­haften Dunkel der Acht­ziger Jahre die Mann­schaft von Trainer Rein­hard Saftig hervor gezerrt werden (Adrian Spyrka, Michael Lusch, Dirk Hupe u.a.), die 1:0 in Mann­heim (Ulf Quaisser, Dimi­trios Tsionanis, Günter Güttler u.a.) verlor? Als wäre es für Kloppo und seine Jungs nicht schon beschissen genug gewesen, hier und jetzt den Auf­takt ver­gurkt zu haben – nun sollten sie auch noch in der Kabine kauern und greinen: Oh, nein! Wenn wir heute ver­lieren, bre­chen wir den Saftig-Minus­re­kord!“ 

Es geht sogar noch infamer. Seit drei Spielen hat der FC Bayern nun schon nicht mehr getroffen“, dröhnte jemand nach dem 0:0 gegen den 1. FC Köln, und dann der Dop­pel­schlag: Das ist seit 2000 nicht mehr pas­siert!“ Stimmt: Im September/​Oktober jenes Jahres verlor der Rekord­meister zunächst 0:1 gegen Ros­tock, dann 0:1 in Paris und schließ­lich 0:1 in Cottbus. Doch was will uns der his­to­ri­sche Bezug bloß sagen? Dass die Mann­schaft von Luis van Gaal genauso schlecht ist wie die von Ottmar Hitz­feld? Jene Mann­schaft, die am Ende durch den Last-Minute-Frei­stoß von Patrick Andersson Meister wurde und gegen den FC Valencia auch noch die Cham­pions League gewann? Klose und Co. werden sich geduckt haben vor dem bibli­schen Unge­witter, das der Ver­gleich ent­fes­selt hat. 

Schon die ran“-Datenbänkler wussten: Um den Donner des Seit“ her­auf­zu­be­schwören, muss man bereit sein, Erbsen zu zählen. Vor dem 0:0 gegen den FC wälzte ein Bild“-Azubi also seinen Kalender und kam zu dem Ergebnis: Der FC Bayern war seit 500 Tagen nicht mehr Spitze!“ Alle Ach­tung – 500 Tage nicht mehr Spitze“, das klingt wie 100 Jahre Ein­sam­keit“, ein rie­siger Reso­nanz­raum für ein ohnehin schon kaum zu ertra­genes Leid. Dazu die pas­sende Musik (ideal: der Trau­er­marsch“ von Chopin), ver­ge­bene Chancen in Super-Zeit­lupe und die Stimme von Ecki Heuser, der… so… herr… lich… the… a… tra… lisch… die… Sil… ben… aus… ein… an…der… zie… hen… kann… bis… man… fast… ein… schläft – per­fekt!

Kri… se! Un… ter… gang! To…hod! Hier wird mit viel Kitsch eine Tra­di­tion des Schei­terns kon­stru­iert, die einer genaueren Unter­su­chung nicht stand­halten kann. Weder hat die Klopp- etwas mit der Saftig- Elf gemeinsam, noch ver­fehlt der aktu­elle FC Bayern aus den glei­chen Gründen die Bude wie sein Vor­läufer von 2000. Beide Mann­schaften haben gänz­lich neue Gesichter, kein Spieler, mit dem sie sich ver­glei­chen lassen müssen, steht noch in ihren eigenen Reihen. Die keu­len­hafte Anwen­dung des seit“ ist der Hitler-Ver­gleich der Fuß­ball-Bericht­erstat­tung: haltlos, aber wir­kungs­voll. Egal: Was schlimm ist, kann so garan­tiert noch schlimmer gemacht werden.

Freunde arm­se­liger Dra­ma­tur­gien mögen davon angetan sein und ihre Gän­se­haut strei­cheln. Doch alle, denen der Fuß­ball auch ohne derlei Zuspit­zungen schon span­nend genug ist, möge man bitte­bitte damit ver­schonen. Wir sind ganz bei Mario Gomez, der nach dem Spiel der deut­schen Natio­nal­mann­schaft gegen die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate gallig sprach: Schön, dass ich in der 90. Minute noch ein Tor gemacht habe, sonst hätte ich seit 40 Minuten wieder nicht getroffen!“ Ver­brennt Eure Leit­zordner, Ihr Reporter! 

Wie Sta­tis­tiken nerven! Wie man sich auf­regen muss! Da ver­gisst man ja glatt das Atmen. Ein.. und aus… ein… und aus… Aaah! Das tut gut! So gut wie seit 22 Jahren nicht mehr.