Seite 4: Kann dieses Team noch Euphorie entfachen?

Doch so wird der Trainer öffent­lich nur im Erfolgs­fall genannt. Dann gelten seine Manie­rismen als ulkige Schrul­lig­keiten, der Espresso, die Nagel­feile auf der Bank, das stän­dige scho au“. Doch im Miss­erfolg wird all das gegen DEN LÖW“ ver­wendet. Er wetzte sinn­bild­lich für sein Team den bra­si­lia­ni­schen Strand bei der WM 2014 ent­lang, vier Jahre später lehnte er demons­trativ lässig an rus­si­schen Laternen. Er und sein Team waren in Russ­land immer noch in Rio. Fast schon arro­gant“ habe er den Ball­be­sitz­fuß­ball da durch­drü­cken wollen, sagte Löw selbst­kri­tisch. Kann er sich heute noch einmal neu erfinden?

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In Bra­si­lien wetzte er über den Strand, in Russ­land posierte er. Aus dem Jogi“ wurde DER LÖW!!!“

Patrick Wendt

Er sitzt auf seinen Händen, wäh­rend er in Frank­furt den Fragen der Jour­na­listen mit durch­ge­drücktem Rücken begegnet. Nur Löw kann zum Außen­band­riss und der Mit­tel­ge­sichts­fraktur von Luca Wald­schmidt ernst­haft sagen, das sei scho au sehr, sehr schade“ für den Luca. In einer Ant­wort bringt er drei Mal das Wort Umbruch“ unter, später redet er vom Umbruch vom Umbruch“ und dem Jahr des Umbruchs“. Doch aus dem Audi­to­rium schreit nie­mand Bingo“. Dem aus­ufernden Welt­meister-Gego­ckel lassen sie beim DFB nun über­trie­bene Demut folgen. Obwohl die Natio­nalelf der­zeit wie eine bes­sere A‑Jugend dar­ge­stellt wird, ver­sam­melt sie allein in der Zen­trale drei Mit­tel­feld­stra­tegen von Real Madrid, Man­chester City und Bayern Mün­chen. Selbst Serge Gnabry gab an, das Gerede vom Umbruch“ nerve ihn. Die Wahr­heit liegt wohl in der Mitte. Löw zog immerhin eine inter­es­sante Par­al­lele: Diese Mann­schaft erin­nert mich an die bei der WM 2010.“ Damals stürmte eine junge Mann­schaft unver­froren über Argen­ti­nien, Eng­land und Michael Bal­lack hinweg – und Löw formte in Süd­afrika die kom­mende Welt­meister-Elf.

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Der letzte Cowboy kommt aus der Fan­meile. Bei Spielen der Natio­nalelf liegt der Schnitt bei 37000 – der nied­rigste Wert seit 2006.

Patrick Wendt

Das Spiel gegen Nord­ir­land lässt erahnen, dass der Bun­des­trainer mit dem Ver­gleich nicht weit daneben liegen könnte. Nach einem schnellen Rück­stand schüt­telt sich die Mann­schaft kurz und schraubt den Gegner anschlie­ßend kom­plett aus­ein­ander. Toni Kroos ser­viert Schnitt­stel­len­pässe mit dem akku­raten Blick eines Land­ver­mes­sers, Serge Gnabry und Leon Goretzka wir­beln die nord­iri­sche Defen­sive aus­ein­ander, die immerhin die Nie­der­länder vorher zur Ver­zweif­lung getrieben hatte. Das deut­sche Mit­tel­feld um Joshua Kim­mich und Ilkay Gün­dogan setzt immer wieder zu Kurz­pass­sta­fetten oder Chip­bällen auf außen an. Nord­ir­land hat nicht das Kaliber wie die Gegner bei der EM, und doch ist der Hunger dieses deut­schen Teams bemer­kens­wert. Ihre Unbe­küm­mert­heit kann Stärke und Schwäche sein, sie kann ein­bre­chen oder sich an sich selbst berau­schen – wie die 2010er Mann­schaft. Das Gros der dama­ligen Elf fand sich kurz vorher bei der U21-EM, der Kern der heu­tigen Natio­nalelf beim Confed-Cup 2017. Viele Spieler kennen sich seit den Jugend­teams. Es sind die neuen Stürmer und Dränger. Einer aus dieser Genera­tion der Jahr­gänge 1995/96 ist Julian Brandt. Er läuft nach dem Sieg über Nord­ir­land in Jeans­jacke durch die Kata­komben, in der Hand eine Plas­tik­tüte mit seinen Hab­se­lig­keiten, rechts am Hand­ge­lenk ein sil­berner Reif. Er sagt Sätze wie: Der Serge ist ein geiler Zocker.“ Brandt wirkt mit seinem schiefen Grinsen wie ein Lausbub einer Neun­ziger-Sitcom – oder wie der junge Schwein­s­teiger. Der ver­letzte Niklas Süle hat ent­gegen seinem Ruf durchaus Poldi-Poten­tial als Spaß­ma­cher. In der Nah­be­trach­tung beweist die neue deut­sche Elf nicht nur sport­lich, son­dern auch cha­rak­ter­lich das Zeug zum Mit­reißen. Nur bekam die Öffent­lich­keit bis­lang wenig von den Per­sön­lich­keiten mit, weil sie abge­schottet trai­nieren und Inter­views oft nur den ver­bands- oder ver­eins­ei­genen Medien geben.

Gehört Deutsch­land bei der EM zum Favo­ri­ten­kreis?

Einige Minuten nach Brandt läuft Toni Kroos aus der Kabine, weniger auf­fällig gekleidet, im Trai­nings­anzug, mit den Händen in den Taschen. Er ist neben Manuel Neuer der einzig ver­blie­bene Stamm­spieler aus der Welt­meis­terelf. Spricht man Kroos darauf an, dass er einer der Ältesten im Team ist, lacht er und sagt: Mit 29.“ Kroos ist zudem ein Seis­mo­graf der Stim­mung rund ums Team. Vor der WM 2018 war er der ein­zige Mahner, nun ver­sprüht er als einer der wenigen unüber­hörbar Opti­mismus. Andere sind Favorit bei der EM, aber das heißt ja nichts.“ Der gesunde Mix aus Selbst­be­wusst­sein und Demut offen­bart sich in einem Ver­spre­cher von Timo Werner: Wir wissen, dass wir nicht eine der Top­mann­schaften sind … äh, Top­fa­vo­riten!“ Deutsch­land spielt im Sommer 2020 drei Mal zu Hause, und mit Frank­reich und Por­tugal gegen zwei Titel­fa­vo­riten. Wenn die Mann­schaft das Pro­blem in der Defen­sive löst, kann sie gegen beide auf jeden Fall mit­halten. Der Druck ist im Ver­gleich zum letzten Tur­nier defi­nitiv gesunken, das Niveau der Mann­schaft mit Spie­lern wie Gnabry gestiegen. Ganz unwahr­schein­lich ist es nicht, dass dieses Team wieder Euphorie ent­fa­chen kann. Und nie­mand mehr im Sommer über die Schland­flucht vom Herbst spricht.

Der DFB muss eigent­lich nur zwei Erkennt­nisse ver­in­ner­li­chen, will er das ver­lo­rene Ver­trauen zurück­ge­winnen: Zum einen, dass er eine hung­rige Mann­schaft bei­sammen hat, die er nicht abzu­schotten braucht. Er kann ihr Offen­sive zutrauen. Zum anderen, viel wich­tiger: dass seine Anschrift in der Otto-Fleck-Schneise in Frank­furt liegt. Nicht im Silicon Valley.