Seite 3: Der DFB zwischen digitalen Angeboten und Allesfahrern

Die digi­talen Ange­bote treffen auf eine Über­sät­ti­gung durch den Fuß­ball. Die Ver­bände haben so viele Modi zur Qua­li­fi­ka­tion ein­ge­führt, dass wohl selbst bei meh­reren Nie­der­lagen der Ecken­ko­ef­fi­zient aus Test­spielen und noch eine Sieben im Mau-Mau zur Teil­nahme berech­tigt. Die Nations League ist ein alberner, unver­ständ­li­cher Wett­be­werb, die Cham­pions League mit ihren hoch­ge­rüs­teten Welt­aus­wahlen läuft der­weil vor allem bei Jugend­li­chen den Län­der­spielen den Rang ab. Daran tragen Bier­hoff und der DFB keine Schuld – was auch für andere weit­ver­brei­tete Vor­würfe gilt, die Spiele fänden zu spät statt und die Tickets seien zu teuer. Bei den Qua­li­spielen sind die Anstoß­zeiten durch die Uefa vor­ge­geben, Spiel­raum bliebe ledig­lich bei den wenigen Freund­schafts­spielen. Und wer eine Sitz­platz­karte gegen Weiß­russ­land und Nord­ir­land kaufen wollte, bekam diese pro­blemlos für 25 Euro (ermä­ßigt 18 Euro). Der Ver­band gab außerdem sehr viele Karten für zehn Euro heraus. Doch der DFB ist mitt­ler­weile wie die Bahn. Durch die vielen Ver­spä­tungen schwören Fahr­gäste schon bei zwei Minuten Fahr­pla­n­ab­wei­chung Blut­rache gegen­über Bahn­chef Grube, Meh­dorn oder wem auch immer. Bahn­chef Bier­hoff sagt dann auch: Wir brau­chen Geduld und Ver­ständnis.“

Doch das ist mitt­ler­weile sogar bei den Hart­ge­sot­tenen auf­ge­braucht. André Rolli und Jörg Härzer sitzen vor dem Spiel gegen Weiß­russ­land in einem Hotel­zimmer direkt gegen­über dem Glad­ba­cher Sta­dion. Bekannter als ihre Namen sind ihre Uten­si­lien. Alten­burg“ und Leiha“ steht auf ihren Fahnen, die sie bei jedem Län­der­spiel vor den Sitz­reihen anbringen. Sie sind Alles­fahrer der Natio­nal­mann­schaft, waren auf den Färöern oder in Süd­afrika dabei – und sind ver­bit­tert. Früher, da konn­test du dich mit den Typen der Natio­nal­mann­schaft iden­ti­fi­zieren. Klins­mann, Basler, Sammer. Aber heute …“ André Rolli hat die Sei­ten­haare kurz geschoren, trägt Ohr­ringe, und auf dem dicken Pull­over eine Möwe, die lustig hüpft, wenn er wild ges­ti­ku­liert. Was ist mit einem anderem aus dieser Genera­tion, näm­lich Bier­hoff? Rolli über­legt: Als er 96 das Tor geschossen hat, war er der Held. Und was er zu Anfang gemacht hat, war noch akzep­tabel. Aber diese Ver­mark­tung mitt­ler­weile …“ Wieder kippen Sätze ab. Durch das offene Fenster dröhnt die Hymne des DFB ins Zimmer, die der Ver­band vor sechs Jahren für sich kom­po­nieren ließ und jemand test­weise im Sta­dion abspielt.

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André Rolli, 47, Alles­fahrer

Patrick Wendt

Die beiden sind not­ge­drungen Mit­glieder im Fan­club Natio­nal­mann­schaft. Wenn du den Fuß­ball liebst und jedes Spiel sehen willst, dann geht es nur so“, sagt Rolli. Der DFB ver­gibt Tickets anhand eines Punk­te­sys­tems, das sich nach Jahren der Mit­glied­schaft und den Besu­chen der letzten 15 Län­der­spiele richtet. Die Alles­fahrer haben die höchste Punkt­zahl, bekommen fast immer Karten oder eine Akkre­di­tie­rung, sie helfen auch bei der Choreo, damit wir mit unseren Fahnen safe sind“. Wer Rolli und Härzer fragt, was sie an der Mann­schaft stört, dann folgt die Ant­wort sofort: Die Mann­schaft!“ Immer wieder, manchmal etwas anders betont, immer abschätzig. Schließ­lich habe die Mann­schaft ja erst bei der letzten WM gezeigt, dass sie keine Mann­schaft ist“. Schwein­s­teiger, Klose, rufen sie die alten Recken. Das waren Spieler, denen hat man abge­nommen, dass sie sich freuen, für die Natio­nalelf zu spielen.“

Wir können doch keine Direkt­flüge zahlen“

In Russ­land hatten die Alles­fahrer große Touren durchs Land geplant, die Reisen stehen mitt­ler­weile im Vor­der­grund. Doch als die deut­sche Elf aus­ge­schieden war, traten ihre Fans die Heim­reise an. Wir hatten alles gebucht, aber sind sauer nach Hause“, sagt Härzer. Beide kommen aus Ost­deutsch­land. Sie ver­binden Reisen und Fuß­ball, ihre große Frei­heit. Beim öffent­li­chen DFB-Trai­ning im Juni vor 20 500 Zuschauern waren Rolli und Härzer nicht da. Wie denn?“, fragt Rolli und die Möwe hüpft, wir waren schon auf dem Weg nach Weiß­russ­land, zum Hin­spiel. Wir können doch keine Direkt­flüge zahlen.“ Früher habe Mats Hum­mels den Alles­fah­rern als Dank immer Tri­kots über­lassen, heute scheuten selbst U21-Spieler den direkten Kon­takt. Es ist ermü­dend: Je näher sie sich an der Natio­nalelf bewegen, desto mehr spüren sie die Distanz.

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Ich geb’s dir schrift­lich. Toni Kroos war einer der wenigen Mahner vor der WM 2018, jetzt ist er einer der wenigen Opti­misten.

Patrick Wendt

Am Montag nach dem Heim­spiel gegen Weiß­russ­land harren zwei Dut­zend Fans stun­den­lang im Frank­furter Novem­ber­wetter vor dem Mann­schafts­hotel Villa Ken­nedy aus. Einige haben Mappen dabei, andere tragen teure Kameras, ältere Herren drän­geln, ner­vöse Kinder trip­peln. Artig reihen sie sich hinter einem Band rechts und links der Ein­gangstür auf. Als der Bus vor­fährt, bleiben ihnen drei Meter, auf denen sie die Spieler abpassen können. Herr Emre Can“, ruft ein Jugend­li­cher, bekommt eine Unter­schrift und fragt, wie es gegen Nord­ir­land laufen werde. Ein Secu­rity-Mann weist ihn barsch zurecht: Ist gut jetzt.“ Neben der Absper­rung bittet ein Fan vor dem Kleinbus für die Tor­hüter ver­ge­bens um eine Auto­gramm von Marc-André Ter Stegen, wieder geht ein Sicher­heits­mann dazwi­schen. Circa 50 Sekunden halten die Spieler jeweils auf dem Weg zum Bus. Die Basis­nähe wirkt vor­ge­schrieben.

Doch ist die deut­sche Natio­nalelf wirk­lich ein ent­rückter Haufen von Jasa­gern, ohne die oft beschwo­renen Typen wie noch 2014? Gerade die Sehn­sucht vieler Fans nach einem Schwein­s­teiger“ erscheint kurios. Der Bayer fand in seiner Kar­riere aller­hand Aus­reden, um bei miss­lie­bigen Test­kicks aus­zu­setzen. In der Geschichts­klit­te­rung werden seine Absagen aber genauso igno­riert wie die Chefchen“-Debatten um seine Person. Heute gilt Schwein­s­teiger als blu­tender Held aus der Welt­meis­ter­nacht von Rio. Die Fans haben auch des­wegen eine enge Bin­dung zu ihm, weil sie ihn wie ein Kind der Ver­wandten auf­wachsen sahen: vom rotz­nä­sigen Iro, der angeb­lich mit der Cou­sine im Bayern-Whirl­pool planschte, bis hin zum grau­me­lierten Elder Sta­tesman in den USA. Aber zum WM-Kader gehörten auch die Spröden. Philipp Lahm ant­wor­tete, wie er später twit­terte: nichts­sa­gend. Julian Draxler oder Mario Götze wirkten unnahbar. Mesut Özil sang schon damals die Hymne nicht mit. Sie alle wurden trotzdem gefeiert. Begeis­te­rung bei Län­der­spielen könnte am Ende nur die Summe von Ergeb­nissen sein. Erst die Resul­tate, dann die Iden­ti­fi­ka­tion. Die Fans nennen die Welt­meister immer noch beim Spitz­namen, die heu­tigen Spieler beim Nach­namen. Hier der Schweini, der Frech­dachs Poldi, der Miro vom Bau. Da der Kim­mich, der Hector, der Gün­dogan. Nur einer ist noch da: der Jogi.