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Dieser Text erschien in Aus­gabe #218 im Januar 2020 und ist hier zum ersten Mal online in voller Länge zu lesen. Das Heft ist im Shop erhält­lich.

Serge Gnabry betritt Mitte November die Alt­ber­liner Kneipe Born­holmer Hütte“ im Bezirk Pankow. Die Gäste und die Wirtin schauen über­rascht, als der über­ra­gende Tor­jäger der Natio­nal­mann­schaft ihnen das neue Trikot über­reicht. Danach findet Gnabry noch Zeit für ein Kar­ten­spiel und eine Partie Tisch­ki­cker. Das lässt sich in einem Video des Aus­rüs­ters bestaunen, der noch wei­tere Spieler zu Über­ra­schungs­be­su­chen her­um­ge­schickt hat. Aller­dings kennen Sport­jour­na­listen bestimmte Loka­li­täten besser als Sta­dien; und zwar Kneipen. Die Born­holmer Hütte“ ist, anders als im Video, für gewöhn­lich urig-durch­ge­räu­chert und nicht mit schwarz­rot­gol­denen Fahnen oder Schland­ketten an der Wand deko­riert. Auch die Visite von Timo Werner in einem Bolz­käfig wirkt nur so lange über­ra­schend, bis man bemerkt, dass alle Kinder vom Aus­rüster des Natio­nal­teams aus­staf­fiert sind. Die Spon­tan­be­suche“ waren durch­cho­reo­gra­fiert.

Nun sind jedem Sport­ar­ti­kel­her­steller seine Wer­be­film­chen selbst über­lassen. Doch die insze­nierte Volks­nähe illus­triert das Iden­ti­täts­pro­blem der deut­schen Natio­nalelf im Herbst 2019. Seit der Heim-WM 2006 besuchten im Schnitt nie so wenig Zuschauer die Spiele, selbst Klas­siker gegen Argen­ti­nien fanden vor erschüt­ternd dünn besetzten Rängen statt. Fans und Fuß­ball­in­ter­es­sierte wenden sich nicht nur von der Mann­schaft ab, sie begegnen ihr mitt­ler­weile oft mit einer lako­ni­schen Gleich­gül­tig­keit. Der geläu­figste Satz rund um die letzten Auf­tritte war wohl: Ach, die spielen heute?“ Oder wie es zwei der unzäh­ligen Deutsch­land­fah­nen­flüch­tigen in Kom­men­taren auf der 11FREUNDE-Face­book­seite aus­drü­cken:

Die Mann­schaft powered by Coca Cola hat mir den Rest gegeben. #zsmmn oder wie das heißt war der letzte Sarg­nagel.“

Russ­land war der kalte Entzug einer deka­denten Schnö­sel­truppe für mein Fan­herz und das Län­der­spiel in Ham­burg die Voll­endung.“

Vollgas“ oder: Kor­rupte Ver­bände stoppen“

Die Voll­endung ist auf dem Vor­platz des Mön­chen­glad­ba­cher Sta­dions zu besich­tigen. Gleich spielt Deutsch­land gegen Weiß­russ­land, und der Zirkus ist in der Stadt. Links stehen die Trucks der DFB-Spon­soren, Sel­fie­stände laden dazu ein, Fotos neben dem neuen Trikot zu machen. An einem wei­teren Stand fragt ein Mode­rator ein Kind nach dessen Tipp. Laut­starke Retour: 4:0 für Bayern.“ Ein mobiles Schmink­kom­mando stürzt sich auf die Besu­cher, flip­pige Vol­un­teers ver­teilen Deutsch­land­fahnen, die angeb­lich aus dem Vorrat der WM 2018 stammen. Vor dem Zelt des Fan­clubs Natio­nal­mann­schaft spielt Yeti“, eine Blas­ka­pelle. Zwanzig Männer in Ganz­kör­per­fel­l­an­zügen, aus­ge­stattet mit Pauken, Trom­peten und demons­trativ guter Laune. Nor­ma­ler­weise spielen sie auf Volks­festen, Feu­er­wehr­ju­bi­läen, Möbel­haus­er­öff­nungen.

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Sel­fie­stand, Schmink­trupp, Yeti­band – bei Län­der­spielen ist regel­mäßig der Zirkus in der Stadt.

Patrick Wendt

Heute stehen sie vor einem Fuß­ball­sta­dion und kommen gut an. So gehen die Deut­schen, die Deut­schen, die gehen so.“ Der Gesang, der sogar in der all­um­fas­senden Jubel­stim­mung des WM-Tri­umphs für Kritik gesorgt hatte, löst hier bei­nahe orgi­as­ti­schen Jubel aus. Kinder scharen sich um die Band, Erwach­sene in Fleece- und Stepp­ja­cken machen begeis­tert Fotos mit ihren Han­dy­ka­meras. Die Mit­glieder der Kapelle gehen in die Hocke: So gehen die Hol­länder, die Hol­länder gehen so.“ Von einer gewissen Demut gegen­über dem großen Rivalen ist hier zumin­dest nichts zu spüren. Ähn­lich wie vor Monaten in Ham­burg: Da bemerkte der Fan­club Natio­nal­mann­schaft erst im letzten Augen­blick, dass der schwarz­rot­gol­dene Gruß Vollgas“ bei den Gästen aus den Nie­der­landen nicht die aller­besten Asso­zia­tionen her­vor­rufen würde. Schnell wurde Vollgas“ in Volley“ umge­textet. Gegen Weiß­russ­land muss dann Walt Disney her­halten. Oder ein Glückskeks: Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen“, steht auf einem Tri­bü­nen­banner. Ein anderes Trans­pa­rent am Sta­di­ontor mit der Auf­schrift Kor­rupte Ver­bände stoppen“ wurde hin­gegen ent­fernt.

Wer sich rund um die Spiele mit ein­zelnen Fans unter­hält, trifft sehr wohl auch kri­ti­sche Geister und nach wie vor sport­be­geis­terte Anhänger. Letz­tere wollen einmal einen Spieler wie Toni Kroos live sehen; sie gehen mit Freunden ins Sta­dion, die sonst in der Bun­des­liga zum großen Rivalen halten. Oder sie wollen die junge Mann­schaft unter­stützen. Doch die gesamte Sze­nerie erin­nert an eine Abfer­ti­gungs­halle voller deut­scher Mal­lorca-Pau­schal­tou­risten. Leicht beschwipst, alle Sorgen ver­ges­send, Brat­wurst und Bier acht­fünfzig? Immer gerne, heja DFB. Im Sta­dion aller­dings ver­liert sich der Taumel schnell. Dort ist die Stim­mung gequält, die Ober­ränge sind leer. Deutsch­land gewinnt 4:0 – doch der Abpfiff erlöst beide Mann­schaften, frie­rende 33 000 Zuschauer – und zwanzig Yetis.

Die Nord­iren singen das Sta­dion nieder

Beim Spiel gegen Nord­ir­land wird es nicht anders. Immerhin, die LaOla beherr­schen die Deut­schen noch so gut wie das Melden von Falsch­par­kern. Nur zwei Blöcke machen nicht mit, träl­lern dafür unent­wegt We’re on our way, on our way, to the Euros, we’re on our way“. Die Nord­iren singen den Rest des Sta­dions nieder. Es wirkt, als hätten George Best und seine Kum­pane den Canasta-Abend von Berti Vogts gestürmt.

Oliver Bier­hoff hat zwi­schen den Spielen nicht viel Zeit für Ein­zel­ter­mine, doch zur Pres­se­kon­fe­renz im Düs­sel­dorfer Hotel erscheint er mit flu­sen­freiem schwarzem Pull­over und ereig­nis­freier Rhe­torik. In der Erin­ne­rung der Deut­schen beju­belt er immer noch wahl­weise das Golden Goal oder die Vit­amine für die Haar­wurzel im Wer­be­spot. Weil ich es mir wert bin. Er ist seit 15 Jahren der Manager der Natio­nal­mann­schaft, am Anfang brach der Sohn eines Kon­zern­vor­standes ver­krus­tete Struk­turen im Ver­band auf. Unter seinem Mit­wirken wurde die Natio­nalelf Welt­meister und über­dies ein fluk­tu­ie­rendes Unter­nehmen mit smartem und kos­mo­po­li­ti­schem Image. Doch spä­tes­tens seit der WM 2018 wirkt sie nicht mehr smart, son­dern ent­rückt und über­heb­lich. Der DFB hat bei der Steue­rung des Mar­ke­tings Bremse und Gas ver­wech­selt. Da war der brä­sige Hashtag #zsmmn, dazu der all­ge­gen­wär­tige Slogan Best never rest, der Fan-Club powered by Coca-Cola und das Label Die Mann­schaft. Bier­hoff lässt sich dazu im Jah­res­be­richt 2019 zitieren: In Zusam­men­ar­beit mit dem DFB-Brand-Manage­ment wurde die Marke Die Mann­schaft‘ umfas­send unter­sucht.“ Eine Sit­zung habe mit einem Com­mit­ment zur Marke Die Mann­schaft‘“ geendet. Dieser Busi­ness-Sprech klingt wie aus­ge­dacht, gibt aber tat­säch­lich Bier­hoffs Duktus genau wieder.

In Zusam­men­ar­beit mit dem DFB-Brand-Manage­ment wurde die Marke Die Mann­schaft‘ umfas­send unter­sucht.“

Oliver Bierhoff im Jahresbericht des DFB

Womög­lich fließen die Mar­ke­ting­vo­ka­beln auch zwangs­läufig in den Sprach­ge­brauch, weil der DFB längst eine Armada von Agen­turen um sich schart. Die PR-Agentur Hering Schup­pener beriet den Ver­band nach der WM 2018, Burson-Mar­steller die Bewer­bung für die EM 2024, McK­insey beglei­tete unter anderem die Struk­tur­re­form, und Egon Zehnder küm­merte sich um die Aus­wahl von neuem Per­sonal. Eine solche Fülle an externen Ein­flüs­te­rern würde sogar Beob­achter in Wirt­schaft oder Politik befremden – außer viel­leicht Ursula von der Leyen. Für erd­ver­bun­dene Fuß­ball­fans wird das Schau­spiel gro­tesk: So kün­digte Bier­hoff nach dem WM-Aus an, sich über die Kritik am aus­ufernden Mar­ke­ting aus­zu­tau­schen – und zwar mit den Sta­ke­hol­dern“. Auf dem Podium in Düs­sel­dorf sagt Bier­hoff zudem zum aus­blei­benden Fan-Inter­esse: Wir stehen mit 90 Pro­zent Aus­las­tung im inter­na­tio­nalen Ver­gleich vorne. Mit dem Schnitt sind wir sehr zufrieden.“ Soll man das ernst­haft glauben? Zumal die Aus­las­tungs­quote des­halb ordent­lich aus­sieht, weil die Mann­schaft auch in kleinen Sta­dien wie in Mainz oder Wolfs­burg spielte. Eng­land hin­gegen begrüßte gegen Länder wie Mon­te­negro, Bul­ga­rien oder Tsche­chien jeweils um die 80 000 in Wem­bley. Die hol­län­di­sche Mann­schaft spielt regel­mäßig vor aus­ver­kauftem Haus in Ams­terdam. Beide Natio­nal­mann­schaften kommen gerade nach langer Krise wieder in ein Stim­mungs­hoch, das Deutsch­land hinter sich hat. Bier­hoff sagt zurecht: Wir kommen von einer langen Phase der Begeis­te­rung mit Beginn der WM 2006. Uns ist bewusst, dass wir jetzt bei den Zuschauern und Spon­soren mehr tun müssen.“ Hype hält nun einmal nur einen begrenzten Zeit­raum. Heute bieten sich gerade für die Jugend­li­chen andere Fas­zi­na­tionen. Der lang­jäh­rige DFB-Sponsor McDonald’s been­dete jüngst die Part­ner­schaft. Man wolle nah an der Lebens­welt unserer Gäste sein – beson­ders der Teens und Twens“, teilt das Unter­nehmen auf Nach­frage mit. Und nennt als neues Gebiet des Enga­ge­ments eSport.

Die digi­talen Ange­bote treffen auf eine Über­sät­ti­gung durch den Fuß­ball. Die Ver­bände haben so viele Modi zur Qua­li­fi­ka­tion ein­ge­führt, dass wohl selbst bei meh­reren Nie­der­lagen der Ecken­ko­ef­fi­zient aus Test­spielen und noch eine Sieben im Mau-Mau zur Teil­nahme berech­tigt. Die Nations League ist ein alberner, unver­ständ­li­cher Wett­be­werb, die Cham­pions League mit ihren hoch­ge­rüs­teten Welt­aus­wahlen läuft der­weil vor allem bei Jugend­li­chen den Län­der­spielen den Rang ab. Daran tragen Bier­hoff und der DFB keine Schuld – was auch für andere weit­ver­brei­tete Vor­würfe gilt, die Spiele fänden zu spät statt und die Tickets seien zu teuer. Bei den Qua­li­spielen sind die Anstoß­zeiten durch die Uefa vor­ge­geben, Spiel­raum bliebe ledig­lich bei den wenigen Freund­schafts­spielen. Und wer eine Sitz­platz­karte gegen Weiß­russ­land und Nord­ir­land kaufen wollte, bekam diese pro­blemlos für 25 Euro (ermä­ßigt 18 Euro). Der Ver­band gab außerdem sehr viele Karten für zehn Euro heraus. Doch der DFB ist mitt­ler­weile wie die Bahn. Durch die vielen Ver­spä­tungen schwören Fahr­gäste schon bei zwei Minuten Fahr­pla­n­ab­wei­chung Blut­rache gegen­über Bahn­chef Grube, Meh­dorn oder wem auch immer. Bahn­chef Bier­hoff sagt dann auch: Wir brau­chen Geduld und Ver­ständnis.“

Doch das ist mitt­ler­weile sogar bei den Hart­ge­sot­tenen auf­ge­braucht. André Rolli und Jörg Härzer sitzen vor dem Spiel gegen Weiß­russ­land in einem Hotel­zimmer direkt gegen­über dem Glad­ba­cher Sta­dion. Bekannter als ihre Namen sind ihre Uten­si­lien. Alten­burg“ und Leiha“ steht auf ihren Fahnen, die sie bei jedem Län­der­spiel vor den Sitz­reihen anbringen. Sie sind Alles­fahrer der Natio­nal­mann­schaft, waren auf den Färöern oder in Süd­afrika dabei – und sind ver­bit­tert. Früher, da konn­test du dich mit den Typen der Natio­nal­mann­schaft iden­ti­fi­zieren. Klins­mann, Basler, Sammer. Aber heute …“ André Rolli hat die Sei­ten­haare kurz geschoren, trägt Ohr­ringe, und auf dem dicken Pull­over eine Möwe, die lustig hüpft, wenn er wild ges­ti­ku­liert. Was ist mit einem anderem aus dieser Genera­tion, näm­lich Bier­hoff? Rolli über­legt: Als er 96 das Tor geschossen hat, war er der Held. Und was er zu Anfang gemacht hat, war noch akzep­tabel. Aber diese Ver­mark­tung mitt­ler­weile …“ Wieder kippen Sätze ab. Durch das offene Fenster dröhnt die Hymne des DFB ins Zimmer, die der Ver­band vor sechs Jahren für sich kom­po­nieren ließ und jemand test­weise im Sta­dion abspielt.

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André Rolli, 47, Alles­fahrer

Patrick Wendt

Die beiden sind not­ge­drungen Mit­glieder im Fan­club Natio­nal­mann­schaft. Wenn du den Fuß­ball liebst und jedes Spiel sehen willst, dann geht es nur so“, sagt Rolli. Der DFB ver­gibt Tickets anhand eines Punk­te­sys­tems, das sich nach Jahren der Mit­glied­schaft und den Besu­chen der letzten 15 Län­der­spiele richtet. Die Alles­fahrer haben die höchste Punkt­zahl, bekommen fast immer Karten oder eine Akkre­di­tie­rung, sie helfen auch bei der Choreo, damit wir mit unseren Fahnen safe sind“. Wer Rolli und Härzer fragt, was sie an der Mann­schaft stört, dann folgt die Ant­wort sofort: Die Mann­schaft!“ Immer wieder, manchmal etwas anders betont, immer abschätzig. Schließ­lich habe die Mann­schaft ja erst bei der letzten WM gezeigt, dass sie keine Mann­schaft ist“. Schwein­s­teiger, Klose, rufen sie die alten Recken. Das waren Spieler, denen hat man abge­nommen, dass sie sich freuen, für die Natio­nalelf zu spielen.“

Wir können doch keine Direkt­flüge zahlen“

In Russ­land hatten die Alles­fahrer große Touren durchs Land geplant, die Reisen stehen mitt­ler­weile im Vor­der­grund. Doch als die deut­sche Elf aus­ge­schieden war, traten ihre Fans die Heim­reise an. Wir hatten alles gebucht, aber sind sauer nach Hause“, sagt Härzer. Beide kommen aus Ost­deutsch­land. Sie ver­binden Reisen und Fuß­ball, ihre große Frei­heit. Beim öffent­li­chen DFB-Trai­ning im Juni vor 20 500 Zuschauern waren Rolli und Härzer nicht da. Wie denn?“, fragt Rolli und die Möwe hüpft, wir waren schon auf dem Weg nach Weiß­russ­land, zum Hin­spiel. Wir können doch keine Direkt­flüge zahlen.“ Früher habe Mats Hum­mels den Alles­fah­rern als Dank immer Tri­kots über­lassen, heute scheuten selbst U21-Spieler den direkten Kon­takt. Es ist ermü­dend: Je näher sie sich an der Natio­nalelf bewegen, desto mehr spüren sie die Distanz.

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Ich geb’s dir schrift­lich. Toni Kroos war einer der wenigen Mahner vor der WM 2018, jetzt ist er einer der wenigen Opti­misten.

Patrick Wendt

Am Montag nach dem Heim­spiel gegen Weiß­russ­land harren zwei Dut­zend Fans stun­den­lang im Frank­furter Novem­ber­wetter vor dem Mann­schafts­hotel Villa Ken­nedy aus. Einige haben Mappen dabei, andere tragen teure Kameras, ältere Herren drän­geln, ner­vöse Kinder trip­peln. Artig reihen sie sich hinter einem Band rechts und links der Ein­gangstür auf. Als der Bus vor­fährt, bleiben ihnen drei Meter, auf denen sie die Spieler abpassen können. Herr Emre Can“, ruft ein Jugend­li­cher, bekommt eine Unter­schrift und fragt, wie es gegen Nord­ir­land laufen werde. Ein Secu­rity-Mann weist ihn barsch zurecht: Ist gut jetzt.“ Neben der Absper­rung bittet ein Fan vor dem Kleinbus für die Tor­hüter ver­ge­bens um eine Auto­gramm von Marc-André Ter Stegen, wieder geht ein Sicher­heits­mann dazwi­schen. Circa 50 Sekunden halten die Spieler jeweils auf dem Weg zum Bus. Die Basis­nähe wirkt vor­ge­schrieben.

Doch ist die deut­sche Natio­nalelf wirk­lich ein ent­rückter Haufen von Jasa­gern, ohne die oft beschwo­renen Typen wie noch 2014? Gerade die Sehn­sucht vieler Fans nach einem Schwein­s­teiger“ erscheint kurios. Der Bayer fand in seiner Kar­riere aller­hand Aus­reden, um bei miss­lie­bigen Test­kicks aus­zu­setzen. In der Geschichts­klit­te­rung werden seine Absagen aber genauso igno­riert wie die Chefchen“-Debatten um seine Person. Heute gilt Schwein­s­teiger als blu­tender Held aus der Welt­meis­ter­nacht von Rio. Die Fans haben auch des­wegen eine enge Bin­dung zu ihm, weil sie ihn wie ein Kind der Ver­wandten auf­wachsen sahen: vom rotz­nä­sigen Iro, der angeb­lich mit der Cou­sine im Bayern-Whirl­pool planschte, bis hin zum grau­me­lierten Elder Sta­tesman in den USA. Aber zum WM-Kader gehörten auch die Spröden. Philipp Lahm ant­wor­tete, wie er später twit­terte: nichts­sa­gend. Julian Draxler oder Mario Götze wirkten unnahbar. Mesut Özil sang schon damals die Hymne nicht mit. Sie alle wurden trotzdem gefeiert. Begeis­te­rung bei Län­der­spielen könnte am Ende nur die Summe von Ergeb­nissen sein. Erst die Resul­tate, dann die Iden­ti­fi­ka­tion. Die Fans nennen die Welt­meister immer noch beim Spitz­namen, die heu­tigen Spieler beim Nach­namen. Hier der Schweini, der Frech­dachs Poldi, der Miro vom Bau. Da der Kim­mich, der Hector, der Gün­dogan. Nur einer ist noch da: der Jogi.

Doch so wird der Trainer öffent­lich nur im Erfolgs­fall genannt. Dann gelten seine Manie­rismen als ulkige Schrul­lig­keiten, der Espresso, die Nagel­feile auf der Bank, das stän­dige scho au“. Doch im Miss­erfolg wird all das gegen DEN LÖW“ ver­wendet. Er wetzte sinn­bild­lich für sein Team den bra­si­lia­ni­schen Strand bei der WM 2014 ent­lang, vier Jahre später lehnte er demons­trativ lässig an rus­si­schen Laternen. Er und sein Team waren in Russ­land immer noch in Rio. Fast schon arro­gant“ habe er den Ball­be­sitz­fuß­ball da durch­drü­cken wollen, sagte Löw selbst­kri­tisch. Kann er sich heute noch einmal neu erfinden?

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In Bra­si­lien wetzte er über den Strand, in Russ­land posierte er. Aus dem Jogi“ wurde DER LÖW!!!“

Patrick Wendt

Er sitzt auf seinen Händen, wäh­rend er in Frank­furt den Fragen der Jour­na­listen mit durch­ge­drücktem Rücken begegnet. Nur Löw kann zum Außen­band­riss und der Mit­tel­ge­sichts­fraktur von Luca Wald­schmidt ernst­haft sagen, das sei scho au sehr, sehr schade“ für den Luca. In einer Ant­wort bringt er drei Mal das Wort Umbruch“ unter, später redet er vom Umbruch vom Umbruch“ und dem Jahr des Umbruchs“. Doch aus dem Audi­to­rium schreit nie­mand Bingo“. Dem aus­ufernden Welt­meister-Gego­ckel lassen sie beim DFB nun über­trie­bene Demut folgen. Obwohl die Natio­nalelf der­zeit wie eine bes­sere A‑Jugend dar­ge­stellt wird, ver­sam­melt sie allein in der Zen­trale drei Mit­tel­feld­stra­tegen von Real Madrid, Man­chester City und Bayern Mün­chen. Selbst Serge Gnabry gab an, das Gerede vom Umbruch“ nerve ihn. Die Wahr­heit liegt wohl in der Mitte. Löw zog immerhin eine inter­es­sante Par­al­lele: Diese Mann­schaft erin­nert mich an die bei der WM 2010.“ Damals stürmte eine junge Mann­schaft unver­froren über Argen­ti­nien, Eng­land und Michael Bal­lack hinweg – und Löw formte in Süd­afrika die kom­mende Welt­meister-Elf.

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Der letzte Cowboy kommt aus der Fan­meile. Bei Spielen der Natio­nalelf liegt der Schnitt bei 37000 – der nied­rigste Wert seit 2006.

Patrick Wendt

Das Spiel gegen Nord­ir­land lässt erahnen, dass der Bun­des­trainer mit dem Ver­gleich nicht weit daneben liegen könnte. Nach einem schnellen Rück­stand schüt­telt sich die Mann­schaft kurz und schraubt den Gegner anschlie­ßend kom­plett aus­ein­ander. Toni Kroos ser­viert Schnitt­stel­len­pässe mit dem akku­raten Blick eines Land­ver­mes­sers, Serge Gnabry und Leon Goretzka wir­beln die nord­iri­sche Defen­sive aus­ein­ander, die immerhin die Nie­der­länder vorher zur Ver­zweif­lung getrieben hatte. Das deut­sche Mit­tel­feld um Joshua Kim­mich und Ilkay Gün­dogan setzt immer wieder zu Kurz­pass­sta­fetten oder Chip­bällen auf außen an. Nord­ir­land hat nicht das Kaliber wie die Gegner bei der EM, und doch ist der Hunger dieses deut­schen Teams bemer­kens­wert. Ihre Unbe­küm­mert­heit kann Stärke und Schwäche sein, sie kann ein­bre­chen oder sich an sich selbst berau­schen – wie die 2010er Mann­schaft. Das Gros der dama­ligen Elf fand sich kurz vorher bei der U21-EM, der Kern der heu­tigen Natio­nalelf beim Confed-Cup 2017. Viele Spieler kennen sich seit den Jugend­teams. Es sind die neuen Stürmer und Dränger. Einer aus dieser Genera­tion der Jahr­gänge 1995/96 ist Julian Brandt. Er läuft nach dem Sieg über Nord­ir­land in Jeans­jacke durch die Kata­komben, in der Hand eine Plas­tik­tüte mit seinen Hab­se­lig­keiten, rechts am Hand­ge­lenk ein sil­berner Reif. Er sagt Sätze wie: Der Serge ist ein geiler Zocker.“ Brandt wirkt mit seinem schiefen Grinsen wie ein Lausbub einer Neun­ziger-Sitcom – oder wie der junge Schwein­s­teiger. Der ver­letzte Niklas Süle hat ent­gegen seinem Ruf durchaus Poldi-Poten­tial als Spaß­ma­cher. In der Nah­be­trach­tung beweist die neue deut­sche Elf nicht nur sport­lich, son­dern auch cha­rak­ter­lich das Zeug zum Mit­reißen. Nur bekam die Öffent­lich­keit bis­lang wenig von den Per­sön­lich­keiten mit, weil sie abge­schottet trai­nieren und Inter­views oft nur den ver­bands- oder ver­eins­ei­genen Medien geben.

Gehört Deutsch­land bei der EM zum Favo­ri­ten­kreis?

Einige Minuten nach Brandt läuft Toni Kroos aus der Kabine, weniger auf­fällig gekleidet, im Trai­nings­anzug, mit den Händen in den Taschen. Er ist neben Manuel Neuer der einzig ver­blie­bene Stamm­spieler aus der Welt­meis­terelf. Spricht man Kroos darauf an, dass er einer der Ältesten im Team ist, lacht er und sagt: Mit 29.“ Kroos ist zudem ein Seis­mo­graf der Stim­mung rund ums Team. Vor der WM 2018 war er der ein­zige Mahner, nun ver­sprüht er als einer der wenigen unüber­hörbar Opti­mismus. Andere sind Favorit bei der EM, aber das heißt ja nichts.“ Der gesunde Mix aus Selbst­be­wusst­sein und Demut offen­bart sich in einem Ver­spre­cher von Timo Werner: Wir wissen, dass wir nicht eine der Top­mann­schaften sind … äh, Top­fa­vo­riten!“ Deutsch­land spielt im Sommer 2020 drei Mal zu Hause, und mit Frank­reich und Por­tugal gegen zwei Titel­fa­vo­riten. Wenn die Mann­schaft das Pro­blem in der Defen­sive löst, kann sie gegen beide auf jeden Fall mit­halten. Der Druck ist im Ver­gleich zum letzten Tur­nier defi­nitiv gesunken, das Niveau der Mann­schaft mit Spie­lern wie Gnabry gestiegen. Ganz unwahr­schein­lich ist es nicht, dass dieses Team wieder Euphorie ent­fa­chen kann. Und nie­mand mehr im Sommer über die Schland­flucht vom Herbst spricht.

Der DFB muss eigent­lich nur zwei Erkennt­nisse ver­in­ner­li­chen, will er das ver­lo­rene Ver­trauen zurück­ge­winnen: Zum einen, dass er eine hung­rige Mann­schaft bei­sammen hat, die er nicht abzu­schotten braucht. Er kann ihr Offen­sive zutrauen. Zum anderen, viel wich­tiger: dass seine Anschrift in der Otto-Fleck-Schneise in Frank­furt liegt. Nicht im Silicon Valley.